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ausgabe 26         sonntag, 24. juni 2007

Sara Gazarek macht für uns Zucchini Brot. Guten Appetit!
Spektakel und Colonial
Das Isarnixen-Logo von isarbote.de - gezeichnet vom Münchner Maler und Karikaturist Franz Eder. Dankeschön!
Komödie im Bayerischen Hof
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MAHAG und Audi - nichts liegt näher!
ROSENSPUR Qualitätsweine und Ars Vivendi Casino Royale Monaco www.spieltac.de

 Sara Gazarek:
 
isarbote.de? I don't speak
 German very well (although
 I took a German class in
 7th grade), but I'm sure
 it's great!              
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SCHMUCKERS KLARTEXT - ein Stadträtin sagt was Sache ist. Foto: Andrea Pollak

SCHMUCKERs KLARTEXT
Stadträtin Elisabeth Schmuckers Kolumne

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U R S B E R G

„Plempelsdorf an der Plempel“ schießt es arroganten Großstädtern meist in den Kopf, wenn von misslichen Ereignissen in einem Provinznest , das er nicht kennt, gesprochen wird.
In diesen Tagen aber prägt sich der Name einer schwäbischen Gemeinde auch den Einwohnern der Millionenmetropole München ein: Ursberg. Politisch interessierte Köpfe verbinden mit dem Namen sofort Ex-Finanzminister Theo Waigel, der dort aufwuchs. Sozial Versierten ist das örtliche Dominikus-Ringeisen-Werk, ein Haus für Behinderte, ein Begriff.
Was aber bisher in der Öffentlichkeit nahezu niemand kannte, ist „Bayersried“, ein 610-Einwohner-Dorf und Ortsteil von besagtem Ursberg.
Nun verbindet der in einem Dorf glücklich Ansässige das Leben auf dem flachen Land mit dem herrlichen „Jeder kennt jeden“, was für ihn Gemeinschaft, Nachbarschaftshilfe, Geborgenheit, Sicherheit bedeutet. Für den Großstädter klingt „Jeder kennt jeden“ nach mangelnder Privatsphäre, Überwachung, Enge, auch wenn ihm die Anonymität der eigenen Straßenfluchten gelegentlich Angst macht. Generell stricken die Dörfer unserer Republik an ihrem Image, im menschlichen Miteinander die letzte Insel der Seligen zu sein: niemand bleibt mit seinen Problemen allein, jeder wird in die Gemeinschaft eingebunden. Das Schlüsselwort scheint „gemeinsam“ zu sein: Ist ein Mitdörfler in Nöten, wird gemeinsam angepackt, alles Schöne gemeinsam gefeiert.
In diesen Tagen verkehrte sich diese heile Welt in Ursberg, genauer gesagt in Bayersried, in einen Abgrund. Einer 610 Seelengemeinschaft war es entgangen, dass eine Frau unter ihnen ihre Tochter seit deren Geburt vor fast 8 (!) Jahren in ihrem Bauerndorf versteckt hielt. Die ledige, 46jährige Bäuerin Angela W. war angeblich heimlich schwanger, brachte heimlich ihr Kind zur Welt, hielt ihr Kind ohne jeglichen Kontakt zur Außenwelt im Bauernhaus über sieben lange Jahre verborgen. Dabei wusste ihr eigener Bruder, der ihr direkt gegenüber wohnt, von nichts, ein Landmaschinenmechanikermeister aus dem Dorf, der sie regelmäßig besuchte, wusste von nichts. Keiner der restlichen 607 Mitglieder der idyllischen Gemeinschaft wusste angeblich irgendetwas.
Angela W. hatte die Landwirtschaft allein geführt, war überfordert, vernachlässigte Wohnung und Haushalt und hatte Angst, dass man ihr aufgrund der Unordnung ihr Kind entziehen würde. Dies gibt sie zumindest als Grund für die Geheimhaltung der Tochter, die nun den Namen Anja erhielt, an. Warum hat hier die dörfliche Gemeinschaft versagt? Warum hat ihr bei der Landwirtschaft nicht einmal ihr Bruder geholfen? Warum ging der Vater des Kindes, der sich mittlerweile bei der Polizei gemeldet hat und bei der Mutter regelmäßig zu Gast war, nicht zum Standesamt und ließ seine Tochter registrieren?
Fragen über Fragen. Die Mutter wird plötzlich von einer Woge des Mitleids überschwemmt, während man sie zuvor alleine schuften ließ. Irgendwie scheint dabei das einzig wirkliche Opfer in den Hintergrund zu treten, nämlich die fast achtjährige Anja, die um eine normale Kindheit mit Spielkameraden, Schule, Verwandten betrogen wurde und so etwas Alltägliches wie frische Luft nur in Ausnahmefällen und dann sehr kurz genießen durfte. Wie selten muss die Mutter mit ihrem Kind gesprochen haben, da Anja selbst kaum des Sprechens mächtig ist. Wie eng muss ihr Bewegungsradius gewesen sein, da sie in ihrem Alter kaum laufen kann. Ein Gefängnis gebaut aus der Feigheit der Mutter, zu ihrem Tun und dessen Folgen zu stehen. Ein Gefängnis, gebaut aus der Gleichgültigkeit einer nach außen intakten Dorfgemeinschaft. Es ist ja so bequem, nicht wirklich hinzuschauen und wenn man etwas Unbequemes sieht, dann ganz schnell wegzusehen und das Entdeckte wieder zu vergessen.
Diese Methode der Ignoranz, die man eigentlich nur aus der Großstadt kennt, und eine gänzlich überforderte und in Folge grausame Mutter, wurden dem kleinen Mädchen in ihren ersten acht Lebensjahren zum Verhängnis. Es bleibt nur zu hoffen, dass Anja ein Zuhause findet, das ihr durch echte Liebe und Zuwendung Perspektiven in eine positive Zukunft ermöglicht.
Bayersried in Ursberg ist jedenfalls die Antithese einer Dorfgemeinschaft und muss von der Karte der idyllischen Landflecken gestrichen werden.

 

 

KLARTEXT ARCHIV
... denn sie wissen genau
was sie tun

Noel Forgeard: Synonym für erbärmliche Selbstversorgung bei gleichzeitig katastrophaler Arbeitsleistung. Als Verantwortlicher für das Desaster beim Airbus 380 wurde Forgeard 2006 aus seiner Position des Vorstandschefs des Luft- und Raumfahrtkonzerns EADS gefeuert. Er fiel weich: 4,98 Millionen Euro Abfindung, 1,22 Millionen Lohnfortzahlung für 6 Monate. Außerdem 2007 und 2008 monatlich rund 102.000 Euro Entschädigung, wenn er in dieser Zeit nicht zur Konkurrenz geht. Macht rund 8,5 Millionen. Danach eine lebenslange Rente von 33.000 Euro monatlich. Und damit nicht genug: bevor der Aktienkurs durch die von ihm verschuldeten Lieferschwierigkeiten des A 380 am 14. Juni 2006 um ein Viertel einbrach, zog er noch rechtzeitig Aktienoptionen und verkaufte EADS-Titel mit 3,7 Millionen Gewinn.
Seiner gnadenlosen, persönlichen Gewinnmaximierung steht die Entlassung von 10.000 Mitarbeitern gegenüber, die für seine gravierenden Managementfehler mit Arbeitslosigkeit und damit oft einher gehendem finanziellen Elend büßen. Drei Werke stehen in Deutschland vor dem Verkauf. Die Zusammenarbeit mit 2500 von derzeit noch 3000 Zulieferern wird beendet. Die Misere für die „Kleinen“ hat erst begonnen, während Forgeard sich nur damit auseinandersetzen muss, wie er seine Millionen am lukrativsten anlegt.
Unglaublicher Luxus für den Ex-Chef auf der einen Seite und Sturz ins Bodenlose für das Heer der Abhängigen auf der anderen Seite. In welcher Welt leben wir eigentlich? Man wähnte die Zeit rigiden Kapitalismusses als bereits hundert Jahre überlebt. Deutschland wurde sogar das Etikett „Sozialstaat“ verliehen. Dieser vermeintliche Wandel ist jedoch keinesfalls  bis zu den Chefetagen der westlichen Wirtschaftshemisphäre vorgedrungen. Vorstände bereichern sich wie in der Ära vor Marx und lassen das Fußvolk bei Engpässen bluten. Journalisten schreiben empörte Artikel, geschasste Belegschaftsangehörige demonstrieren auf der Straße, - und nichts passiert.
Der Ober sticht den Unter, wie zu anno dunnemal. Von Gerechtigkeit weit und breit keine Spur. Der „Ober“ wird für Fehler nicht bestraft, sondern fürstlich entlohnt. Der „Unter“ kann sich noch so ducken, der Bannstrahl der Ohnmächtigkeit trifft ihn trotzdem. Dass sich in einem der Oberen, gerade mit Millionenabfindungen gesegnet, das soziale Gewissen rührt, darauf wartete die Öffentlichkeit bisher vergeblich. Oder haben Sie gelesen, dass ein Esser oder Forgeard ein SOS-Kinderdorf gebaut hätte? Ein Heim für Schwerstbehinderte gestiftet? Hat sich einer der Herren bei den entlassenen Familienvätern gemeldet und die Ausbildung deren unmündiger Kinder finanziell sichergestellt? Hat ein Gesetzgeber sie zur Abgabe des Zehnten an Arme genötigt? No, njet, nein. Diese Abzocker denken nicht im Traum daran, von ihrem Reichtum etwas an Bedürftige abzugeben und werden darin von der Wirtschaft tatkräftig unterstützt.  Sie verharren Lichtjahre entfernt in ihrem Olymp der Sorglosigkeit. Probleme überlassen sie Otto Normalverbraucher, der auch noch kuscht.
Es scheint, als wäre dieses System nicht zu durchbrechen, - ein Gesetz von Anbeginn festgemauert in der Erden. Offenbar fühlen sich die Menschen fern jeder Evolution in der Rollenverteilung Ober/Unter wohl. Zumindest entspricht sie ihrer inneren Struktur. Anders sind unsere heutigen Vorstandsregelungen einerseits und die Mitarbeiterentlassungen ohne durchschlagende Revolte andererseits nicht erklärbar. Der Ober nimmt, da man ihm gibt. Der Unter steht gegen diese Ungerechtigkeit nicht auf, aus vermeintlicher Hilflosigkeit, aus Angst, - wer weiß. Also keine mildernden Umstände, denn Täter wie Opfer wissen genau was sie tun.

 

E P O
und andere Glückseligkeiten

In den letzten Tagen konnte man keine Zeitung aufschlagen, keinem Radiosender lauschen, keine Fernsehnachrichten gucken ohne mit dem Skandal der Woche konfrontiert zu werden. Die Dopinggeständnisse von Radfahrern der Telecom Mannschaft in den 90er Jahren, sei es mit Tränen oder ohne, sind in aller Munde. Der am Zeitgeschehen interessierte Bürger lernte dabei zwangsläufig ein neues Kürzel: EPO und begriff, dass es sich hierbei um die Formel fürs Siegen handelt. Also keine Langetappen-Rundfahrt, kein gelbes Trikot in der Tour de France ohne den Blutturbo via Spritze. „Betrug“ schrieen aufgebrachte Funktionäre, Politiker und die überall in den Startlöchern lauernden und zu klugen Kommentaren allzeit bereiten Experten. Die Schuldigen waren in Windeseile ausgemacht: die Mediziner der Uni Freiburg, die EPO an bzw in die Fahrer gebracht hatten, wurden gefeuert, Ex-Champions nach ihrer Beichte in ihren jetzigen Funktionen teilweise abgesetzt oder zumindest der allgemeinen
Ächtung preisgegeben.
Provokante Geister plädierten gleich im Rundumschlag für ein Ende der Tour de France und ähnlicher Marathonfahrten. Denn der menschliche Körper wehrt sich nüchtern und ungedopt gegen die absolute Auszehrung seiner Kräfte und will bei unzähligen Staßenkilometern partout keine Siegerzeiten liefern, sondern fordert nach einer Etappe die wohlverdiente Ruhe und Pause um sich zu regenerieren. Also warum verlangt man der Natur etwas ab, was sie freiwillig nicht leisten kann? Und wenn man dann der physischen Biologie auf die Sprünge hilft, um der Meute die gewünschten Siege zu präsentieren, warum ist das Heer der Selbstgerechten dann so moralisch entrüstet? Hier sind, wie so oft, Pharisäer am Werk, die für die Öffentlichkeit die weiße Weste fordern, ohne danach zu fragen, welchen Preis sie hat. Denn vor allem der Sport soll eines der Refugien sein und bleiben, in der Menschen an eine heile Welt glauben können, die sie zwar praktisch sonst nirgendwo antreffen, aber auf die sie doch so inbrünstig pochen.
Allerdings misst der Mensch auch hier wieder einmal mit zweierlei Maß. Längst ist erwiesen, dass der homo sapiens per se ein Suchtmensch ist, der ohne seine individuellen Dopingmittel, die sein Glücksbarometer heben, nur schwer durch den Alltag und dessen Anforderungen kommt. Und jeder sorgt für seine Endorphinausschüttung auf die ihm allein genehme und erprobte Art und Weise. Der relativ Anspruchslose ist damit zufrieden, dass Nudeln und Pizza mit einem Schuss Wein ihn glücklich machen. Der Ehrgeizige nimmt seinen Kick aus dem Überflügeln von Konkurrenten. Der Emotionale stillt seine Bedürfnisse in Kuschelorgien. Der Frustrierte und Erfolglose erlebt sein Hoch im Ausschnüffeln von Nachbarn und Denunzieren. Der Labile greift zu den synthetischen Beschwichtigern seiner Ängste und entschwebt in Traumwelten. Der Intellektuelle entwirft und verwirft pausenlos neue Philosophieentwürfe und wenn die Welt an seinen Thesen nicht genesen will, bleibt ihm immer noch die Zuflucht zu innerer Erhabenheit und Selbstbetrug. Der Abenteurer fährt in einer Nussschale über die Meere oder saugt die Gefahren einer Kletterpartie in der Steilwand ein. Der Einsame sucht Trost und Verdrängung in Büchern und Filmen, flieht in ein Leben aus zweiter Hand.
All diese Eskapismen werden von der Gesellschaft mehr oder weniger stillschweigend toleriert, denn nahezu jeder ist von dem einen oder anderen persönlich betroffen. Und was wäre auch ein Leben ohne Adrenalinstoß? Die Grenzen zwischen dem, was uns ureigenst im stillen Seelenkämmerlein tatsächlich gut tut, den Nächsten nicht tangiert und der Fratze der gemeinschaftsschädigenden Egozentrik bis hin zur selbstzerstörerischen Sucht sind allerdings teuflisch fließend.
In unserer freiheitlichen Welt gilt also „Jedem Tierchen sein Pläsierchen“. EPO sprengt diese Dimension um den Aspekt der äußeren Einflussnahme. Wenn Bosse gleich welcher Couleur Radfahrer praktisch zum Doping zwingen, damit diese überhaupt einen Vertrag und damit die Chance bekommen, in der Welt der Sieger mitzuspielen und Radbegeisterten künstlich gepuschte Resultate als echt vorgaukeln, färbt sich die so ersehnte und hochgejubelte weiße Weste des Sports mit der Art dunkler Flecken, die sich Schäbigkeit und
Menschenverachtung nennen.

 

D I E
H E R B S T Z E I T L O S E N

Eine Dame im zarten Alter von 87 erhält stehende Ovationen. Wofür? Für die schauspielerische Leistung in ihrer ersten Film-Hauptrolle. Von wem und wo? Vom Premierenpublikum in Locarno. Danach prasselt ein wahrer Preisregen auf sie nieder: Swiss Award in der Sparte Kultur, Prix Walo als Schweizer Publikumsliebling und schließlich auch als beste Schauspielerin des Jahres. Und so repräsentiert Stephanie Glaser im echten Leben perfekt, was sie auf Zelluloid verkörpert: mit Eintritt in das Rentenalter zog sie sich nicht mit den erworbenen Meriten einer langen Theater- und Fernsehkarriere ins Privatleben zurück, sondern legte erst richtig los und heimst jetzt 87jährig mit ihrem Film-Erstling einen gigantischen Erfolg ein.
Aber Stephanie Glaser ist nicht die einzige „Herbstzeitlose“ im gleichnamigen Film. Sie ist in dem kleinen Schweizer Dorf Trub im Emmental von Freundinnen umgeben, die sich ebenfalls, wenn auch zum Teil erheblich jünger, im dritten Lebensabschnitt befinden. Die quirlige Lisi (meisterhaft dargestellt von der Grande Dame des Berner Staatstheaters Heidi Maria Glössner), die selbstbewusste Altenheimdirektorswitwe Frau Eggenschwyler (verkörpert von der auch in Deutschland sehr bekannten und hochgeschätzten Annemarie Düringer) und der Bauersfrau im Austrag Hanni (hervorragend Monica Gubser). Dieses Frauenquartett spielt zusammen regelmäßig Karten und registriert, dass Martha (Stephanie Glaser) nicht über den Tod ihres Ehemannes hinwegkommt, die Lust am Leben verliert und am liebsten ihrem Hans in die Ewigkeit folgen möchte. Lisi überredet sie, ihren Jugendtraum von einer „Lingerie-Boutique“ (zu Deutsch: Dessous-Geschäft) in ihrem alten Tante-Emma-Laden zu verwirklichen. Und Martha lässt ihren Traum, von dem sie vor Jahrzehnten bei der Eheschließung Abschied genommen hatte, Wahrheit werden. Die Freundinnen helfen ihr tatkräftig und – durch herbeigeführte Veränderungen – letztlich auch sich selbst. Nur das Dorf, von Kirche und Politik pharisäerhaft regiert, läuft Sturm gegen das „unanständige Reizwäschegeschäft“.
Der Ausgang der Geschichte ist vorhersehbar, aber von Bettina Oberli mit Charme, Witz und Tempo inszeniert. „Die Herbstzeitlosen“ sind äußerst unterhaltsam, ein gewisser Hauch Tragik fehlt auch nicht und die Behandlung der Altersproblematik ist gekonnt. Die Botschaft des Films ist klar: nach der Pensionierung nicht einfach auf den Tod warten, sondern etwas wagen, Risiken eingehen und damit eine Aufgabe haben, gebraucht werden, Ziele erreichen. Kurz gesagt: eigentlich die Quintessenz mancher, zum Teil äußerst oberlehrerhaften und trockenen, Ratgeberbücher der Moderne. Dass dieser Film aber nicht im Lehrstückhaften hängen bleibt, liegt an den vielen, kleinen Momenten, die ans Herz gehen, zum lachen bringen, mitreißen. Wie der alte Bauer, im Rollstuhl sitzend, nicht die Kraft hat, gegen den Sohn, der ihn ins Pflegeheim abschieben will, aufzubegehren, aber heimlich seiner Frau Hanni seine Goldmünzensammlung, an die er ständig hingebungsvoll hinputzt, überlässt, damit sie im Alter noch den Führerschein machen (und ihn damit in die notwendige Therapie) fahren kann. Wie sich beide an den Händen halten und noch „das letzte Stück“ ihres langen Ehelebens „gemeinsam gehen wollen“ und damit den egoistischen Sohn austricksen. Wie Frau Eggenschwyler zur Tür hereinstürmt und triumphal von ihren ersten Internetverkäufen (unterstützt von Computerkursmitgliedern im Altenheim) berichtet. Wie der Altenheimstickkurs mit zahlreichen männlichen Mitgliedern Trachtenmotive auf die Reizwäsche stickt, glücklich „mal etwas anderes“ zu machen. Wie Lisi nach der grausamen Aufdeckung ihrer Lebenslüge in Verzweiflung zusammenbricht. Wie ein eleganter Herr aus dem Altenheim erste, zarte, etwas umständliche Avancen der resoluten Frau Eggenschwyler macht. Und immer wieder Stephanie Glaser als Martha: zuerst in Resignation, dann in aufkeimender Hoffnung, ihrem Leben doch noch eine positive Wende geben zu können, schließlich im neuen Geschäft, wie ihre Hände über die von ihr entworfenen und gefertigten, edlen Wäscheteile streichen. Ihr ausdrucksstarkes Gesicht, ihre sparsamen, aber eindrucksvollen Gesten prägen entscheidend diesen Film und machen ihn zu einem Erlebnis der nicht alltäglichen Art. Es ist unmöglich, vom artistischen Können dieser Schauspielerin nicht gefesselt zu sein, von ihr nicht davon überzeugt zu werden, dass auch im hohen Alter alles möglich ist.



BABYBOOM
DURCH
METHADON

Jeder Gynäkologe auf einer Entbindungsstation kennt die schrillen Schreie Neugeborener, wenn der Entzug bei ihnen einsetzt. Ihr kleiner Körper wird von Krämpfen geschüttelt. Ihre Schmerzen sind unsäglich.
Im Mutterleib waren sie durch die ständige Zufuhr von „Stoff“, den die Mutter neun Monate lang konsumierte, selbst süchtig geworden. Kurz nach der Geburt müssen sie nun unter fürchterlichen Qualen „clean“ werden. Und diese Kinder der Sucht werden immer mehr. Ursache ist das Methadonprogramm, das Deutschland einen wahren Babyboom unter den drogenabhängigen Frauen bescherte. Wenn eine Frau Heroin spritzt, bleibt meist die Periode aus und sie ist deshalb unfruchtbar. Die Einnahme des Heroinersatzstoffes Methadon stabilisiert hingegen den Zyklus wieder. Die Konsequenz ist, dass fast jede zweite Substituierende mindestens ein Kind hat.
Nun könnte ein derartiger Babyboom in einem Land, das eklatanten Kindermangel beklagt, ein Grund zur Freude sein. Tatsächlich aber stellt er, wie es im Behördendeutsch trocken heißt, eine einzige „Überforderung“ dar, - für Jugendämter, Mediziner, Suchthilfe.
Doch kehren wir zum eigentlichen Suchtopfer zurück, dem Neugeborenen. Hat es den grauenhaften Entzug überwunden, wird es einer Mutter überantwortet, die in der Regel schon mit sich selbst überfordert ist, sonst wäre sie nicht in den Teufelskreis der Sucht geraten: Sie ist im Allgemeinen alleinerziehend und Hartz IV Empfängerin, konsumiert neben Methadon meist noch andere Drogen, hat häufig wechselnde Partner, ist instabil und immensen Stimmungsschwankungen unterworfen. Dies ist nicht gerade der Nährboden für eine behütete, sorglose Kindheit eines „Junkie-Kids“, das selbst nach dem, was es schon durchgemacht hat, unruhig, fahrig und sehr reizbar ist.
Gleich hier tut sich die Frage auf: ist Kindererziehung und Drogenkonsum vereinbar? Für eine frühe Trennung von Mutter und Kind votieren Forschungsergebnisse, die für sich sprechen. Danach verbleiben ein Drittel der Junkie-Kids bei ihrer Mutter, ein Drittel kommt kurz nach der Geburt zu Pflegeeltern oder wird adoptiert, ein Drittel muss eine Odyssee durch verschiedene Betreuungsstellen hinter sich bringen. Nachgewiesen ist, dass es den Kindern, die früh adoptiert wurden oder zu Pflegeeltern kamen, mit großem Abstand am besten ging. Im Schulalter litten sie zwar immer noch unter verstärkter Aggressivität, hatten Lernschwierigkeiten und Aufmerksamkeitsprobleme, aber beim erwähnten ersten Drittel wurde „das höchste psychosoziale Risiko“ und die „größten Entwicklungsbeeinträchtigungen“ attestiert. Viele dieser Kinder driften als Jugendliche selbst in die Sucht ab. Alle Studien sprechen die klare Empfehlung aus, bei der Frage nach einer Fremdunterbringung des Kindes „nicht zögerlich“ zu sein.
Verbleibt das Kind beim opiatabhängigen Elternteil, müssen die zuständigen Behörden durch Betreuung und Kontrollen ganz nah dran bleiben. Denn es droht, wesensimmanent, Verwahrlosung und Misshandlung der Kinder. Die einschlägigen Fälle sind aus der Presse hinlänglich bekannt. In München versucht ein Netz von Hilfseinrichtungen des Bezirks und der Stadt wie u.a. der Verein „extra e.V.“ die Junkie-Kids zu schützen und deren Mütter zu unterstützen. In Köln hat der Sozialdienst Katholischer Frauen eine Wohngruppe mit vier Apartments eingerichtet, in der süchtige Mütter mit ihren Kindern wohnen können und rund um die Uhr betreut werden. Allerdings müssen die Frauen hier ihre Erziehungsfähigkeit beweisen. Scheitern sie, wird die Trennung von Mutter und Kind eingeleitet. Eine derartige Einrichtung wäre nach jetziger Situationslage auch für unsere Stadt äußerst wünschenswert.
Nur frage ich mich immer wieder, warum jener Kernfrage nach der Vereinbarkeit von Kindererziehung und Drogenkonsum nicht ein klares Nein beschieden wird. Warum bekommen heroinabhängige Frauen den Ersatzstoff Methadon anstatt sie zu einem endgültigen Drogenausstieg zu bewegen? Warum koppelt man nicht die Gewährung von Hartz IV-Geldern und Kindergeld an den Nachweis einer Entziehungskur und kontrolliert an- schließend kontinuierlich die Drogenabstinenz? Warum werden immer noch schutzlose Neugeborene und Kinder einer drogengeschwängerten Umgebung ausgeliefert? Wie viele „Kevins“ will man noch tatenlos beklagen? Ich schlage vor, dass sich Politiker an das Babybett eines Neugeborenen im Entzug begeben, sich dessen Schmerzensschreien persönlich aussetzen. Sie sollten auch einmal für gewisse Zeit den Alltag einer Opiatabhängigen mit ihrem Kind mitleben und -erleben, anstatt meilenweit vom eigentlichen Geschehen entfernt vom Schreibtisch aus zu entscheiden. Vielleicht würde dann endlich ein Umdenken stattfinden und entsprechende Gesetze und Maßnahmen pro Drogenausstieg und gegen Methadon auf den Weg gebracht werden.
Aber lassen wir zum Ende eine Betroffene selbst zu Wort kommen (Quelle: „Der Spiegel“ 15/2007). Mechthild B, 42, methadonsubstituiert, erzählt, was sich nach der Geburt ihrer Tochter Viktoria (erblickte das Licht der Welt mit schwerem Herzfehler und Hirnschäden durch den Beikonsum anderer Drogen der Mutter) abspielte. „Die Situation hat mich so überfordert, dass ich ständig neuen Stoff brauchte.“ Die Mitarbeiter im Jugendamt merkten nichts. „Einmal in der Woche kam eine Frau zum Kaffee trinken“ erinnert sich Mechthild B. Sie hatte dann die Wohnung aufgeräumt, das Kind war mittlerweile im Kindergarten. Obwohl sich die inzwischen Vierjährige wie eine Zweijährige verhielt, schrieb die Behörde unverdrossen positive Berichte. Die Wende kam erst, als die Frau ihr unruhiges Kind abends auf dem Schoß in den Schlaf wiegen wollte – und selber im Rausch wegsackte. „Mitten in der Nacht klingelten Nachbarn Sturm“ erinnert sie sich. „Die konnten nicht schlafen, weil meine Tochter stundenlang mit dem Kopf auf den Boden schlug.“ Am nächsten Morgen meldete sich Mechthild B. beim Jugendamt. Das Kind kam in eine Pflegefamilie. „Sonst hätte ich die Kleine wohl umgebracht.“



D I C K B A U C H K I N D E R
Die Entwicklung ist dramatisch. Die Zahl der übergewichtigen Kinder und Jugendlichen in unserem Land steigt unvermindert an. Jedes fünfte Kind in Deutschland ist schon zu schwer. Rund sechs Prozent davon leiden bereits unter Adipositas, der krankhaften Fettleibigkeit. Erstmals droht die nachwachsende Generation früher zu sterben als ihre Eltern. Mittlerweile sind schon Kinder von den Folgeerkrankungen des Metabolischen Syndroms wie Bluthochdruck, hohe Blutfettwerte und sogenannten Alterszucker betroffen. Studien belegen, dass stark übergewichtige Kinder in der Pubertät erste Anzeichen von Arteriosklerose (Gefäßverkalkung) aufweisen.
Ursache ist der, wie ich ihn nenne, „Dickbauch“. Das eingelagerte Bauchfett setzt Botenstoffe frei, die chronische Entzündungen hervorrufen. Diese hin wiederum begünstigen Gefäßverkalkung, die ihrerseits ein entzündlicher Prozess ist. Es nisten sich Bakterien ein und verstärken die Entzündung. Löst sich ein solcher Zellhaufen droht ein Herzinfarkt oder ein Schlaganfall im Gehirn.
Dass unser Nachwuchs immer häufiger eine derartige Wampe vor sich herschleppt, liegt, wie eigentlich jeder weiß, an falscher Ernährung und zu wenig Bewegung. Deutschlands Zukunft hegt und pflegt seine Bauchfettzeitbombe mit Fast Food und Immobilität vor Fernseher und Computer. An den Schulkiosken sind Schokoriegel, Pizza, Leberkäse und Softdrinks der Renner. Die Menus an Ganztagsschulen ähneln in der Regel der Speisekarte von Schnellimbisslokalitäten. Und zum würdigen Ausgleich bleiben die Schulsportanlagen nachmittags geschlossen.
Dass Schulhausmeister sich etwas dazuverdienen wollen, ist verständlich. Dass sie und neu eingerichtete Mensen sich dem Geschmack ihrer Klientel beugen, geht allerdings auf Kosten der Zukunft unserer Kinder. Dass Schulsportanlagen in den Nachmittagsstunden meist wegen mangelnden Versicherungsschutzes verschlossen bleiben, grenzt allmählich an Körperverletzung.
Man ruft nach der Politik, die mit Verordnungen alles regeln soll. Wenn Schulküchen gezwungen würden, gesund zu kochen und die Sportanlagen aufsperrten, würde dies aber nur zum Teil Abhilfe schaffen. Denn, geht man der Ursache für das ganze Dickbauchdilemma auf den Grund , kommt man an den Eltern nicht vorbei. Bevor Schüler auf die Kioske losgelassen werden, haben sie als Kleinkind ihre Essgewohnheiten im trauten elterlichen Heim erworben. Es muss mir erlaubt sein, zu fragen, warum Mütter und Väter ihre Erben mit Fertigfutter aufziehen und, anstatt sich ihnen in der Freizeit mit bewegungsintensiven Aktivitäten zu widmen, sie vor den Fernseher und Computer abschieben. Da die Kinder der Moderne immer mehr aushäusigen Betreuern überantwortet werden, bleibt wohl vor der Reformation der Schulspeisung nur eines, nämlich ein Unterrichtsfach namens „Ernährung“ bereits an der Grundschule einzuführen und bis zum Abitur im Lehrplan beizubehalten, um so das Rüstzeug zur Selbsthilfe anzubieten.
Jede Gesellschaft hat die Kinder, die sie verdient. Für mich ist übergewichtige Nachkommenschaft kein Zeichen von Zuwendung, sondern von Ignoranz und Vernachlässigung. Was würden Eltern sagen, wenn sie in Zeiten explodierender Gesundheitskosten für die selbstverschuldeten Krankheiten ihrer Kinder zur Kasse gebeten würden?
Möglicherweise schreitet aber auch klammheimlich Mutter Natur regulativ ein, denn die dickbauchigen Kinder bleiben auch als Erwachsene zu 75% in Eigenverantwortung schwer übergewichtig. Und so dürften sie es nicht ganz leicht haben, ihrerseits für Nachkommen zu sorgen. Wenn sie nicht Diabetes oder andere Malaisen dahinrafft, so sorgen die Durchblutungsstörungen zumindest bei den Herren der Schöpfung für Impotenz ...



www.gotzingerplatz.de

Klickt man diese Webseite an, so erlebt man ein absolutes Novum. Noch nie hat es in Bayern einen gemeinschaftlichen Internetauftritt von christlichen Kirchen mit einem Moschee-Verein gegeben. Die katholische Pfarrkirche St. Korbinian und die evangelische Himmelfahrtskirche zusammen mit dem islamischen Verein Ditim machen sich konzertiert für den Bau der umstrittenen Moschee am Gotzingerplatz stark und versuchen die Bedenken der Sendlinger Bürger zu zerstreuen.
Nach der Einrichtung von mittlerweile 23 Moscheen und Gebetsräumen in München, teilt Ditim 2003 der Stadt mit, dass er Platz für eine neue Moschee suche. Eine Kuppel sollte der Bau bekommen und zwei Minarette um weithin als islamisches Gotteshaus erkennbar zu sein. Darüber hinaus sollte das Hauptgebäude zwei Läden, einen Friseur, Foyer, Büro, Bibliothek, Dialograum, Teestube/Teeküche als Treffpunkt, WCs und dazu einen teilweise überdachten Innenhof beherbergen. In dem geplanten Nebengebäude in der dem Platz angrenzenden Kochelseestraße sollten neben Verwaltung und Kursräumen auch Wohnungen entstehen. Ziel von Ditim ist somit eine Moschee um ein  Kulturzentrum erweitert. Im Jahr 2005 erhält das Bauvorhaben im Rathaus mit den Stimmen von Rot/Grün den Zuschlag, worauf unter OB Ude die für den Bau erforderlichen Grundstücke zu einem äußerst moderaten Preis an Ditim verkauft werden und der Vorbescheid auf die Bauanfrage zur Moschee zugestellt wird. Ditim lobt daraufhin einen Fassadenwettbewerb aus. Der Siegerentwurf sieht unter anderem zwei 41 m hohe Minarette vor.
Die CSU-Fraktion, die sich nicht gegen eine Moschee am Gotzinger Platz sperrt, fordert aber schon 2005 einen Bebauungsplan, wie es bei Großprojekten dieser Art üblich ist und wird von Rot-Grün niedergestimmt. Ihre Forderung wird als unerheblich vom Tisch gewischt. Dennoch bekommt die Fraktion nachträglich am 13. Februar 2007 recht: das Verwaltungsgericht stoppt den Bau und fordert einen Bebauungsplan. Das Gericht moniert die Größe des Projektes mit Läden und Wohnungen als nicht stadtteilverträglich.
Wirft man einen Blick in die Türkei, so muss man erkennen, dass die Muslime mit zweierlei Maß messen. Was sie in München als Grundforderungen aufstellen, lassen sie im eigenen Land nicht gelten. Es gibt kaum Rechte für Christen. Die christlichen Gemeinden dort sind rechtlich nicht Eigentümer ihrer Kirchengebäude und bekommen keine Baugenehmigung für Renovierungen. Seit 33 Jahren versucht die griechisch-orthodoxe Kirche ihr Priesterseminar auf einer Insel vor Istanbul wieder zu eröffnen. Rund 30 Anträge wurden bislang gestellt. Eine offizielle Antwort gab es nicht. Die Ausbildung von Priestern ist nicht-muslimischen Glaubensgemeinschaften untersagt. Behörden verhindern die Verwirklichung von Religionsfreiheit. Ein Beispiel wie sie die Kirche in der Praxis behindern: vor einem Jahr wurde bei einem Terroranschlag auf das britische Konsulat in Istanbul auch eine orthodoxe Kirche schwer beschädigt. Auf Antrag des englischen Konsulats wurde dieses neu gebaut, der Antrag der orthodoxen Gemeinde, ihr Gotteshaus wieder instand setzten zu dürfen, blieb bis heute unbeantwortet. In der Stadt der Hagia Sophia, für ein Jahrtausend die größte Kirche der Christenheit, führen die christlichen Gemeinden  ein diskriminiertes Schattendasein ohne Rechtsstatus. Deutsche Seelsorger werden mit Diplomatenpass ins Land geholt, um dort überhaupt – und auf ein einziges Jahr befristet - wirken zu können.
Die christlichen Gemeinden dürfen wie erwähnt mit eigenem Geld in der Türkei nicht bauen, Ditim hingegen bekommt erlesene Grundstücke in München verkauft, ohne über die notwendigen Geldmittel zu verfügen. Schon zweimal wurde Ditim von der Stadt die Frist verlängert, den Finanzierungsnachweis zu erbringen, bisher ohne Erfolg. Ditim gibt als Grund an, dass ohne Bausicherheit es dem Verein unmöglich ist, die erforderliche Summe durch Spendengelder aufzutreiben. Wenn der Bebauungsplan erst einmal steht, werden auch die Verträge neu geschlossen und die Grundstückspreise neu festgelegt werden müssen. Für Ditim wird es dann wahrscheinlich nicht billiger. Bis dahin werden sie zusammen mit der katholischen und evangelischen Kirche weiterhin im Internet für ein Miteinander am Gotzingerplatz werben. Der Zusammenschluss der drei monotheistischen Religionen für die geplante Moschee ist äußerst ehrenwert und epochal. Springen die Christen auch bei der Finanzierung ein, wenn Ditim dazu nicht imstande ist?



S C H W E R E
J U N G S
Wollen Sie sich 94 Minuten prächtigst amüsieren, aus dem Alltag aussteigen, sich das Herz wärmen lassen? Dann kaufen Sie sich eine Kinokarte und gehen in Marcus Rosenmüllers neuesten Geniestreich „Schwere Jungs“. Auf der Leinwand wird der Zuschauer regietechnisch perfekt und äußerst temporeich mit liebevollsten Details aus altbayerischem Lokalkolorit und Mentalität beglückt, die zur Zeit einzigartig auf Zelluloid sind. Echter, komödiantischer Humor, dargestellt von hervorragenden Schauspielern, reißt die Kinogänger in ihren Sesseln zu Lachsalven hin. Die atmosphärische Dichte ist unübertrefflich und wird von einem Soundtrack untermalt, der ein einziger Ohrwurm ist.
Zu Beginn des Films tragen 1936 – körperlich- leichte Jungs einen Zweikampf im verschneiten Garmisch-Partenkirchen aus. Die Winterolympiade steht vor der Tür und acht Buben des wunderschönen Ortes wetteifern um eine (Kinder)Goldmedaille im Viererbob. Die Steuermänner sind Dorfler und Gamser. Letzterer befindet sich bis kurz vor dem Ziel auf der Siegesstraße, dann fällt leider sein Schlitten auseinander, süffisant kommentiert von dem frühreifen Reporter Robert am Mikro.
Diese Schmach kann Gamser nie verwinden und pflegt seine innige Feindschaft zu seinem damaligen Bezwinger. Dorfler wächst zum erfolgreichen Brauer und Bobfahrer heran, er selbst knabbert 16 Jahre später als Schreiner mehr oder weniger am Hungertuch. Seine Frau ist schwanger und guter Rat teuer. Trotzdem, als 1952 Deutschland zum ersten Mal nach dem Krieg wieder an einer Olympiade teilnehmen darf, will er neben Dorfler der zweite Bob sein, der nach Oslo reist. Seine Freunde von damals unterstützen ihn, sie gewinnen die Qualifikation und auf geht es nach Norwegen.
Dort rangieren sie bei den Vorläufen allerdings unter ferner liefen. Im zweiten Vorlauf gelingt es zwar Gamser seinen von Kindesbeinen an fanatisch gehegten Vorsatz, Dorfler zu schlagen, in die Tat umzusetzen, aber Platz 7 ist weit entfernt vom Medaillentreppchen. Als er die Bobbahn am Reißbrett zeichnerisch untersucht, dämmert ihm, dass sie eine längere Geradeausstrecke als Garmisch hat und nur wirklich – körperlich – schwere Bobfahrer eine Chance auf eine Medaille haben.
Nun wächst Gamser über sich hinaus, verzichtet für Medaillen-„Freude daheim“ auf seinen Start und legt beide Mannschaften zu einem Viererbob zusammen, wobei das Kriterium das Gewicht ist. Nur die schwersten Jungs für die jeweiligen Positionen aus beiden Teams dürfen antreten und Dorfler wiegt als Steuermann leider mehr als Gamser. Und dieser Sieg über sich selbst bringt Deutschland die Goldmedaille, euphorisch kommentiert vom inzwischen erwachsenen Robert.
In der Realität haben wir das Jahr 2007 und ebenfalls schwere Jungs in „Bavaria – this is near Germany“, wie es im Film so schön heißt. Sie tummeln sich nicht im Sport, aber in einer artverwandten Disziplin – nämlich der Politik. Und das in der Partei, die mit unserem geliebten Freistaat gleichgesetzt wird: der Christlich Sozialen Union. Mit dem unvergleichlichen „Mir san Mir“-Gefühl und auf ganz eigene Art und Weise wird zur Zeit in der Champions League der Parteihierarchie um Spitzenplätze gekämpft. Nächstes Jahr steht die Neuwahl des bayerischen Landtags an, und es gilt die absolute Mehrheit in diesem Parlament zu verteidigen. Der in mehr als einem Jahrzehnt äußerst erfolgreiche Steuermann Stoiber wurde Opfer seines Systems und, dies erkennend, zog er im letzten Moment die Notbremse und kündigte seinen Rücktritt an. Schwergewicht Beckstein setzte sich, bisher unangefochten, an die Spitze der neuen Führungsriege als eventueller Landesvater. Aber wer darf den Parteivorsitz übernehmen? Prekärerweise kann dieser Kampf nicht auf einem Bob entsprechend dem eigenen Können ausgetragen werden, sondern hier sprechen die Delegierten mit ihrer Wahlstimme auf dem Parteitag im September das letzte Wort. Und diese will man sich - ganz modern über die Medien - gewogen machen. Und was muss hier der tapfere Parteisoldat nicht alles in der Presse lesen: Verdienste eines der loyalsten Niederbayern, des Wirtschaftsministers Huber, auf der Waagschale gegen bundespolitische Meriten eines, im Privatleben zerrütteten, deutschen Landwirtschaftsministers Seehofer. Und weil das Gerangel zwischen Zweien nicht schon genug ist, gibt der schöne Ramses, mit bürgerlichen Namen Ramsauer gebürtig im idyllischen Chiemgau, tätig als Landesgruppenchef im fernen Berlin, noch als Seitenhieb auf Huber den bissigen Kommentar ab, dass die „Perspektive von Harlaching bis Hasenbergel nicht ausreicht“ als Qualifikation für den Parteivorsitz. Die Kampfkandidatur der beiden im September scheint unausweichlich. Hier wächst also einer der beiden Kontrahenten nicht wie im Film über sich hinaus und gibt den Weg für den anderen frei. Nur wäre ein Verzicht tatsächlich zum Wohle unseres geliebten Landes? Who knows – wie es neudeutsch heißt. Und so schließe ich mich der Liberalitas Bavariae an und sage: „Leben und leben lassen und dies demokratisch“ – bis die Stunde der Wahrheit schlägt und einer von beiden, hoffentlich bis September nicht medientechnisch gänzlich demontiert, per Wahlentscheid die Goldmedaille holt.



DE
AMICITIA

Jeder, der vor Jahrzehnten in der Oberstufe für das große Latinum über philosophischen Schriften sein Hirnschmalz strapaziert hat, weiß sofort, wovon bei „de amicitia“ die Rede ist. Diese Ode an die Freundschaft des großen, römischen Staatsmanns, Redners und Philosophen, Marcus Tullius Cicero hat unzählige Generationen von Gymnasiasten beim Übersetzen der in Dialogform abgefassten, sprachlich ausgeklügelten Prosa zur Weißglut und des öfteren in die schiere Verzweiflung getrieben. Bei Manchen wurde gegen diesen hehren Denker gar der Killerinstinkt wach – allerdings gänzlich überflüssig, denn das Meucheln hatte am 7. Dezember 43 vor Christus – fern jeder amicitia und aus niedrigsten, politischen Motiven - bereits ein anderer übernommen.
Ciceros Leben wurde zwar durch Mörderhand dahingerafft, seine Überlegungen zum Wert und Wesen der Freundschaft überlebten jedoch quer durch alle Jahrhunderte und Jahrtausende. Und sie lauten in ihrer Essenz so: „Sehr viele und größte Annehmlichkeiten also birgt die Freundschaft in sich; damit aber tut sie sich zweifellos vor allem hervor, dass sie die Zukunft vor uns her mit guter Hoffnung erhellt und unseren Mut weder erlahmen noch sinken lässt. Wer nämlich auf einen wahren Freund blickt, erkennt gleichsam ein besseres Bild seiner selbst.“
Hier beschreibt Cicero in großen Worten, was all diejenigen von uns, die mit echten Freunden gesegnet sind, schon erleben durften. Jedes Glück war schöner genossen durch das Teilen mit einem Freund, jedes Unglück leichter ertragen durch das Mitleiden des anderen. Welchen Balsam für die Seele erfahren wir durch Wohlwollen und Achtung gepaart mit Übereinstimmung!
Bereits als Kinder fangen wir an, aus der Vielzahl von Menschen, die uns umgeben, einige wenige auszuwählen, mit denen wir unsere Freizeit verbringen. Ohne uns dessen bewusst zu sein, verkleinern wir den Makrokosmos, in dem Ferne und Distanziertheit herrscht, zu einem Mikrokosmos aus Nähe und Geborgenheit. Wir knüpfen Bande, begeben uns auf einen gemeinsamen Weg, entdecken mit Gleichaltrigen die Welt. Alle wesentlichen Erfahrungen des Erwachsenwerdens werden gleichzeitig erlebt, Erkenntnisse, Freude, Schmerz, Leid in Endlosgesprächen ausgetauscht. Man gibt sich gegenseitig Ratschläge, versucht Geheimnissen von Erfolg und Glück auf die Spur zu kommen. Manche Freunde begleiten uns ein ganzes Leben und noch am Sterbebett hält der eine die Hand des anderen, spendet Trost, Wärme und Zuversicht.
Warum wird gerade der Eine und nicht irgendein Anderer in unserem Umfeld zu unserem Freund? Und vor allem, warum bleibt er unser Freund auf Dauer? Aus anfänglicher Anziehung erwächst Zuneigung, die, unterstützt durch positive Erfahrungen mit dem Anderen, Vertrauen in uns weckt. Und dieses Vertrauen, zusammen mit immerwährendem Interesse am Anderen, Achtung und unerschütterliche Treue, - das ist der Klebstoff, der Freunde durch Dick und Dünn zusammenschweißt. Ein echter Freund hat auch in der größten Meinungsverschiedenheit immer das Netz des Wohlwollens für uns gespannt, lässt uns nie abstürzen, fängt uns in Niederlagen auf, feiert unsere Siege mit, kennt keinen Neid und keine Häme.
Und hiermit sind wir im Reich der Tugenden angelangt, auf die schon die griechischen Philosophen ihre Loblieder sangen. Wer meint, in unserer Zeit auf sie verzichten zu können, ist ein armer Tropf. Und da ich das nicht bin, lege ich nun Papier und Bleistift zur Seite, werfe mich in den Mantel und eile zu meiner Freundin, die seit 46 Jahren treu im „Wir“ zu mir steht. Dankbarkeit erfüllt mich.

 

DIE AUSGEBRANNTEN

Um wen könnte es sich dabei handeln? Um Ärzte auf Intensivstationen, um Polizisten im Überstundenstress, um Stoiberfreunde im Dauerlobhudeln? Mitnichten. Die „ZEIT“ bezeichnete im vorigen Monat die Lehrer unseres Landes als ausgebrannt. Die bisher größte Studie zur Lehrergesundheit hatte ergeben, dass nur ganze 17 Prozent dieses Berufszweiges „gesunde“ Verhaltensmuster aufweisen, aber 60 Prozent zwei Risikogruppen angehören. Die eine zeigt die Tendenz, sich über alle Maßen zu verausgaben, die andere wählt den Rückzug in die Resignation. Fazit: rund zwei Dritteln der Lehrer fehlt es an „Widerstandsressourcen, Ausgeglichenheit und Spaß an der Arbeit.“ Betrachtet man das Ausgebranntsein nach Geschlechtern, so fallen die Ergebnisse bei Lehrerinnen noch weitaus negativer aus. Die Ursache für dieses Debakel wird vorrangig in zu schwieriger Schülerklientel, aber auch in mangelnder Kollegialität der beruflichen Mitstreiter und in zu geringer Selbstbestimmung aufgrund ausufernder Regularien gesehen.
Und so sitze ich nun in meinem Büro, 30 Jahre Unterrichtstätigkeit und 23 Jahre Konrektorinnentum auf dem Buckel, - mein politisches Mandat einmal gänzlich außen vor -, überprüfe meine Lehrergesundheit und stelle genüsslich fest, das es mit ihr zum Besten steht. Ich sehe mich noch damals an meinem ersten Tag als „Paukerin“, als ich das Klassenzimmer betrat und die männlichen Schüler anerkennend pfiffen. Sie hielten mich für eine neue – und ohne mir schmeicheln zu wollen, sehr attraktive – Mitschülerin. Gerne hätte ich mich unter sie und an eine Schulbank gesetzt, stattdessen begab ich mich auf die andere Seite des Pultes und legte los.
Und noch immer, nach Jahrzehnten, liebe ich diesen ersten Schultag nach den Sommerferien. Warum? Neugierde auf die neuen Pennäler! Schüler sind nicht meine natürlichen Feinde. Grundsätzlich sind sie allesamt meine Freunde und mit ihnen gemeinsam durch ein Schuljahr zu gehen, sie zu Schulabschlüssen zu führen, ihre Siege mit zu feiern, sie bei Niederlagen zu trösten, ihnen Lektionen für ihr späteres Leben nahe zu bringen, sie wie ein Dompteur im Tigerkäfig zu Leistungen anzuspornen – all das mag anstrengend sein, aber es ist LEBEN, - für mich zumindest. Ich handle mit keiner toten Materie wie ein Verkäufer von Kugellagern, sondern setzte mich tagtäglich mit jungen Menschen auseinander, die ihre Stärken und Schwächen, ihre Vorlieben und Abneigungen, ihre freudvollen Momente und Übellaunigkeiten haben, - ganz genau wie ich. Der Unterschied ist lediglich, dass es meine Aufgabe ist, ihnen etwas mitzugeben, womit sie ihre Zukunft gestalten können, sei es vordringlich beruflicher Art, aber auch – und hier ist mein Engagement ungebrochen – ihre private Existenz bereichern können. Mein Tagwerk ist für sie und um sie zu kämpfen. Und sie halten mich auf Trapp, bringen mich zum lachen, zum toben, überraschen mich immer wieder.
Für dieses dauerhafte Ja zu meinem Beruf bringe ich als Basis allerdings charakterlich eine große Belastbarkeit, ungebremste Energie, hervorragende Nerven und viel Humor mit, -unabdingbare Eigenschaften und Geschenke meines Schöpfers für eine freudvolle Lehrerlaufbahn. Außerdem arbeite ich von jeher an einer privaten Ganztagesschule, an der Erfolg zählt, vorrangig der Prüfungserfolg der – meist schwierigen - Schüler, den ich anhand von Professionalität immer garantieren konnte. Dadurch war ich nie fremdbestimmt und bin von meiner Struktur her auch nicht auf Applaus aus dem Kollegium angewiesen. Lehramtsstudenten mit einem zarten Nervenkostüm allerdings, die diesen Beruf wählen aus Angst vor dem feindlichen Leben draußen oder als Aussicht auf einen Halbtagsjob mit Beamtenbezügen, gehören für mich bereits vor Berufsantritt zu den 60 Prozent der Risikogruppen. Heute mehr denn je haben Schüler, meist Opfer der Moderne und weitestgehend sich selbst überlassen, das Anrecht auf Lehrer, die echte Profis sind, mitten im Leben stehen und dessen vielfältigste Anforderungen nicht nur aus Büchern kennen, unabhängig in sich ruhen und die neben akademischer Wissensvermittlung genügend Herzblut zur Charakterbildung ihrer Schutzbefohlenen zur Verfügung haben und einsetzen wollen. Schüler kann man nicht betrügen. Sie beugen sich liebevoller, aber starker Autorität, gehen jedoch gnadenlos gegen Pseudopädagogen vor, die an sich selbst kranken. Die „Ausgebrannten“ sollten, wenn sie noch jung genug sind, nicht jammernd vor sich hin schwächeln, sondern zu ihrem eigenen Besten sofort beruflich umsatteln oder bei fortgeschrittenem Alter in Rente bzw Pension gehen. Eigene Wunden leckende Leerkörper gehören an keine Schule!

 

 

 

G L A U B E
L I E B E
H O F F N U N G

Weihnachten 2006. Jesus gönnt sich eine Auszeit von seinen himmlischen Gefilden. Er möchte bei seinem Geburtsort Bethlehem wieder einmal vorbeischauen. Amerikanisch anmutende Lichtergirlanden mit „Merry Christmas“ heißen ihn als Erdentouristen herzlich willkommen. Gottes Sohn lenkt seine Schritte zu dem Stall, in dem seine Mutter ihm das Leben schenkte, und wird der Soldaten mit Maschinengewehren auf dem Dach gewahr. Er sieht sich in Nazareth um, wo er seine Kindheit verbrachte. Hier laufen ihm überall Palästinenser über den Weg, die Allah anbeten. In der Kirche, die an die frohe Botschaft des Engels an Maria erinnert, ist niemand. Jesus wendet sich nach Jerusalem, der Stadt, in die er vor über zwei Tausend Jahren am Palmsonntag unter Jubel der Menge einzog und in der er weniger als eine Woche später am Kreuz für die Erlösung der Menschheit sein Leben ließ. Aber auch hier überall Soldaten. Das auserwählte Volk seines Vaters hat Angst, - Angst vor Selbstmordattentaten fanatischer Hamas- oder Hisbollahanhänger. Das auserwählte Land ist gespalten, kommt in dem Terror der Fanatiker nicht zur Ruhe. Jesus Landsleute beten wie damals nach den Schriften des alten Testaments. Sie warten immer noch auf den Messias.
Er sucht Christen, welche die drei Begriffe seines Apostels Paulus, niedergelegt im ersten Brief an die Korinther, verstanden haben und leben. Glaube, Liebe, Hoffnung – die göttlichen Tugenden, wo sind sie gerade an seinem Geburtstag zu finden? Jesus geht an Golgatha vorbei, nimmt den Weg durch die Via Dolorosa zu seiner dreitägigen Grabstätte. Sie ist nun von einer Kirche umgeben, in der verschiedene christliche Ausrichtungen ihre Heimat haben. Ein junges Paar legt seine Hände auf die Felsbank, auf der einst sein eigener, zerschundener Körper lag. Er spricht sie an. Es stellt sich heraus, dass sie Katholiken aus Westeuropa sind, die für ein Jahr im Kibbuz arbeiten. Sie glauben an ihn, an seine Heilsbotschaft der Nächstenliebe, möchten Menschen helfen und einen kleinen Beitrag zum Frieden in diesem Land der Tränen leisten. Jesus schaut ihnen nach. Als die beiden die Kirche verlassen und sich zärtlich umarmen, denkt er wieder an Paulus: „.... und die Liebe ist die größte unter ihnen.“ Es hat sich gelohnt, am Kreuz zu sterben. Es gibt Hoffnung ...“


 

WEIHNACHTSMANN
MIT
LEEREN TASCHEN

Es ist wieder so weit: Kinder drücken sich die Nasen platt an den Schaufenstern der großen Kaufhäuser. Wie jedes Jahr begeistert der Kaufhof am Marienplatz durch seine Märchenlandschaft mit beweglichen Steifftieren, und in den Augen der Kleinen leuchtet: „Haben will!!!!“ . Erwachsene jedes Alters und beiderlei Geschlechts werfen sehnsüchtige Blicke auf die attraktiv drapierten Luxusartikel der mondänen Einzelhandelsgeschäfte. Auch bei ihnen ist spürbar: „Reingehen und nach Lust und Laune aussuchen dürfen, das wär’s!!!“
Weihnachten steht vor der Tür. Kleine Kinder schreiben ihren Wunschzettel ans Christkind und hoffen inbrünstig auf einen großen Gabentisch, Große Kinder überprüfen ihr Konto nach freien Kapazitäten für Wunscheinkäufe.
Also, wer kann losgehen und unbeschwert im Güterwald wildern? Ich würde sagen, vorrangig die Manager unserer Konzerne, noch besser die Vorstände derselben und generell die geschassten Chefs mit ihren Millionenabfindungen im Rücken. Selten hat man in den Zeitungen so oft von Vorständen gelesen, die sich ihr ohnehin schon fürstliches Salär um zweistellige Prozentzahlen aufbesserten. Konzernchefs, die zum Schaden ihres Unternehmens Misswirtschaft betrieben , werden auf einen Schlag als Belohnung für ihre Inkompetenz mit Abfindungen in einer Millionenhöhe verabschiedet, für deren Erwerb ein normaler Angestellter zwei ganze Arbeitsleben bräuchte. Noch schöner ist es, wenn die Fusionitis mal wieder ausbricht oder eine Übernahme ansteht. Bereits Tradition ist, dass die Manager, die man nicht mehr braucht – weil sie schon vorher nichts getaugt haben – sich mit Millionenschecks im Gepäck durch die Hintertür empfehlen. Mannesmann lässt grüßen!
Aber ganz heiß her geht es momentan bei Siemens. Chef Kleinfeld hielt sich für unterbezahlt und langte richtig satt hin, gleichzeitig veruntreuten Mitarbeiter der höheren Etagen so mal ganz nebenbei 200 Millionen und verschoben sie auf Schwarzkonten im Ausland. Zum gerechten Ausgleich, damit die Bilanzen ja nicht in Schieflage geraten, werden unzählige Stellen in Defizitbereichen abgebaut.
Nun kommt unsereins der frevlerische Gedanke, ob Kleinfeld & Co wissen und je wussten, wie sich das Wort „Ethik“ denn schreibt. Ministerpräsident Stoiber bezeichnete die Gehaltsaufbesserungen diverser Vorstände schlicht als „unmoralisch“. Doch diese Kritik prallt sicher ebenso ab wie die Existenzängste und Verzweiflung all jener, die ihre Stellungen verlieren, darunter Leute ab 40 Jahren, heutzutage in der menschenfreundlichen, modernen Industriegesellschaft schon kaum mehr vermittelbar. Soziales Gewissen? Fehlanzeige.

Und so wird manchen statt des Weihnachtsshoppings nur der Blick in die Schaufenster auf das oder jenes bleiben, das sie gerne hätten. Am Schlimmsten trifft es die Kinder. In München leben um die 17.000 Kinder und Jugendliche unter 18 Jahren in Armut. Die CSU-Rathausfraktion wollte jedem von ihnen zum Fest 60 Euro schenken, als Geste, dass man sie nicht vergessen hat. Rot-grün lehnte es ab, die dafür nötige 1 Million Euro zu bewilligen. Man müsse eher in Bildungsarmut investieren. Also sagt eine Mutter unterm Weihnachtsbaum zu ihrem Kind: „Leider konnte ich dir den Anorak, den du dir so gewünscht hast, nicht kaufen, denn das Rathaus investiert lieber in deine Bildungsarmut.“ Das sieht garantiert jedes Kind ein!

Aber vielleicht hätten wir statt im Plenum bei Kleinfeld vorsprechen sollen, ob er nicht ein Milliönserl oder sogar etwas mehr von den Auslandskonten für ein Strahlen in den Augen der Armutskinder an Weihnachten zurückholt. Hätte er überhaupt gewusst, wovon wir reden?

 


DAS ZELT JAKOBS

Am 10. November 1938 ging sie als Sechsjährige in Todesangst an der Hand ihres Vaters durch die Straßen Münchens. Am Tag nach der Reichskristallnacht, an den Überresten der Hauptsynagoge im Stadtzentrum und an der brennenden Synagoge in der Herzog-Rudolf-Straße vorbei, begleitet vom Bersten der Scheiben jüdischer Geschäfte und dem Knistern und Lodern der Flammen, dem Werkzeug der Zerstörung der Nazis , inmitten von Schreien der Angst und Verzweiflung jüdischer Bürger, die vom Mob durch die Straßen gehetzt wurden.

68 Jahre später sperrt sie die neue Hauptsynagoge am Jakobsplatz in einem feierlichen Einweihungsakt auf. Charlotte Knobloch, Vorsitzende des Zentralrates der Juden und Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, hat ihren Traum verwirklicht: vom abgeschiedenen Hinterhofdasein in der Reichenbachstraße sind die Jüdinnen und Juden Münchens ins Herz der Stadt zurückgekehrt, haben mit dem jüdischen Zentrum, bestehend aus Synagoge, Gemeindezentrum, Schule und Museum einen Ort der Begegnung, des Dialogs zwischen Juden und Nichtjuden geschaffen, „denn nur wer sich kennt, kann eine gemeinsame Zukunft bauen“, so ihr Credo.

Bundespräsident Horst Köhler, Ministerpräsident Edmund Stoiber und Oberbürgermeister Christian Ude betreten mit ihr Ohel Jakob, das Zelt Jakobs In der Bibel wird von einem Stiftungszelt gesprochen, das tragbare Heiligtum, welches das jüdische Volk durch die Wüste begleitet hat. Später hat Salomon ein prachtvolleres Heiligtum gebaut, den ersten Tempel Jerusalem. Tempel und Zelt sind die beiden Formen des jüdischen Heiligtums und diese werden am Jakobsplatz symbolisiert. Manifestern Ausdruck finden sie in der Architektur des Gebäudes: der Unterbau, angelehnt an den antiken Tempelsockel, mit hell schimmerndem Travertinstein verkleidet, gleichsam wie aus Fels gehauen, kraftvoll. Auf der wuchtigen Basis erhebt sich das Zelt, ein mit einem feinen, rötlich schimmernden Metallgitter überzogenen Glasquader. Durch ihn flutet Licht in den Innenraum. Das Glas ist hier nochmals von Rauten ummantelt, die sich beim Betrachten zu Davidsternen zusammenschieben lassen.
In einer feierlichen Prozession werden die fünf Thora-Rollen von der Synagoge in der Reichenbachstraße herüber zum Jakobsplatz in das Zelt Jakobs gebracht. Der Brückenschlag zwischen Juden und Nichtjuden, repräsentiert durch die Feiergäste, nimmt an diesem
9. November 2006 seinen Anfang. „Dieser Tag verändert unsere Stadt!“ so OB Ude
bei der Einweihung.

Für Charlotte Knobloch, die mit Ausdauer und Beharrlichkeit die Realisierung dieses größten jüdischen Bauprojektes Europas vorantrieb und mit Unterstützung der Stadt und des Freistaates zum Abschluss führte, ist das Zentrum am Jakobsplatz die Krönung
ihres Lebenswerkes.
Als sie den Schlüssel zur Synagoge einem sechsjährigen Mädchen übergab, schloss sich aber ihr ganz persönlicher Kreis. Das Kind in den Straßen Münchens von 1938, völlig verängstigt durch die flammenden Vorboten der geplanten Vernichtung ihres Volkes, ist in dieser Stadt erwachsen geworden, ist geblieben, hat gebaut und gestaltet. Sie hat ihren Koffer, auf dem sie nach dem Krieg nach eigenen Aussagen bis zur Grundsteinlegung des Zentrums 2003 symbolisch saß, ausgepackt. Die Mitglieder der Kultusgemeinde sind mit ihrer Präsidentin
nicht nur in das Herz von München zurückgekehrt, sondern in den Herzen de
 Menschen angekommen.



K E V I N

Neueste Untersuchungen belegen, dass etwa ein Prozent der deutschen Eltern alkoholkrank, drogenabhängig, psychisch schwerst defizitär sind. Dazu kommen rund 15 Prozent Eltern in materieller Armut mit massiven Erziehungsproblemen.

Will man diese statistischen Zahlen veranschaulichen, genügt es folgende Namen zu nennen: Karolina, Pascal, Jessica, Kevin. Wen erschütterte nicht deren Leid, deren Tod? Nur Lippenbekenntnisse des Entsetzens verhindern nicht, dass auch in Zukunft Kinder in Problemfamilien vernachlässigt, verwahrlost, misshandelt, missbraucht und schließlich sogar getötet werden.

Für Politik, Gesetzgeber, Institutionen gilt es, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen.

Dies bedeutet zu allererst eine funktionierende, eng vernetzte Kooperation von Entbindungskliniken, Kinderärzten, allgemeiner Sozialdienst, Jugendamt, aber auch Schulen und Polizei, damit Problemfamilien nicht unerkannt bleiben und Hilfestellungen möglichst früh erfolgen können. Dabei muss Opferschutz vor Datenschutz gelten!

Ebenso muss Kinderschutz vor Kassenlage gehen! Hausbesuche von Sozialarbeitern in Problemfamilien haben in regelmäßigem Rhythmus zu erfolgen. Kosten für Heimunterbringung verwahrloster oder/und misshandelter Kinder dürfen kein Grund sein, sie weiterhin der Gefahr von Übergriffen auszusetzen. Schluss mit der Ideologie „besser eine schlechte Familie als gar keine Familie“, die überall dort praktiziert wird, wo Rot-Grün am Ruder ist. Für dieses Denkmodell mussten bereits zu viele Kinder ihr Leben lassen. Den Familiengerichten soll ein größerer, gesetzlicher Handlungsspielraum zum Schutz der Kinder eingeräumt werden. Belässt das Jugendamt Kinder bei suchtkranken oder/und psychisch überforderten Eltern, sind schlüssige Konzepte für deren Betreuung vorzulegen und umzusetzen. Die Inanspruchnahme ärztlicher Vorsorgeuntersuchen von Kindern muss überprüft und angemahnt werden. Außerdem ist ihre Zahl durch weitere, zeitlich engmaschigere aufzustocken und durch die Krankenkassen abzudecken. Regelmäßiger, obligatorischer Kinderarztbesuch würde die Vertuschung von Verwahrlosung und Misshandlung erheblich erschweren.

Letztendlich brauchen Problem behaftete Eltern Hilfsangebote zur Selbsthilfe. Dabei darf Suchtfreiheit der Eltern oder des erziehenden Elternteils bei Alleinerziehenden nicht als bloßes Wunschziel formuliert werden. Sie sollte durch entsprechende Therapien von ihnen eingefordert werden. Für wenig hilfreich erachte ich jahrelange, manchmal sogar endlose Substitutionsprogramme, wie in München praktiziert. Davon profitieren nur der Hersteller von Methadon und anderer Ersatzstoffe sowie die behandelnden Ärzte. Einzig sinnvoll ist, meiner Meinung nach, der gänzliche Ausstieg aus Drogen, Alkohol- und Medikamentenabhängigkeit! Nur suchtfreie Eltern sind in der Lage, sich ihren Kindern in der Ihnen zustehenden Weise zu widmen. Psychisch überforderten Eltern werden entsprechende Therapie- und Hilfsangebote angeboten.

Sollten allerdings Eltern die angebotene Hilfe nicht zur Selbsthilfe nutzen und dadurch sich ihrer Verantwortung ihren Kindern gegenüber dauerhaft verweigern, plädiere ich für Reduzierung bis Streichung von Kindergeld und Sozialhilfe und dafür, stattdessen diese Gelder sind in die Betreuung und Förderung gefährdeter Kinder außerhalb ihrer Familien zu investieren.

Wir sind es Kevin und den anderen toten Kindern schuldig, endlich zu handeln!

 


E I N E
U N B E Q U E M E
W A H R H E I T

Gletscher schmelzen, Pflanzen und Tiere werden aus ihren Territorien vertrieben und die Anzahl schwerer Stürme und Dürreperioden nimmt zu. Die Anzahl der Hurrikane der Kategorie 4 und 5 hat sich in den letzten 30 Jahren fast verdoppelt. Das Schmelzwasser von den Gletschern Grönlands hat in den vergangenen 10 Jahren mehr als die doppelte Menge angenommen. Mindestens 279 Pflanzen- und Tierarten ziehen sich in Richtung auf die Pole zurück. Im Iran gab es letztes Jahr die schlimmste Dürre seit 30 Jahren. 2006 verzeichnete einen Verlust von 40 Millionen Tonnen schützenden Ozons über dem Südpol.
Verursacher all dessen ist die globale Erderwärmung und diese ist kein Naturereignis, sondern wir haben sie selbst verschuldet: eine unbequeme Wahrheit oder „An Inconvenient Truth“, so der Titel eines Dokumentarfilms, der weltweit Scharen von Besuchern in die Kinos zieht. Im Mittelpunkt steht der ehemalige amerikanische Vizepräsident Al Gore. der sich nach der Aufsehen erregenden Wahlniederlage um das Präsidentenamt gegen George Bush im November 2000 dem Umweltschutz verschrieben hat. Er führt quasi als „Hauptdarsteller“ durch diesen Film, veranschaulicht in seiner populärwissenschaftlichen Dokumentation, die einen Ausblick u. a. auf ein in baldiger Zukunft geflutetes New York City und ein überschwemmtes Florida wagt, dass wir es uns nicht länger leisten können, die globale Erwärmung als rein politisches Thema anzusehen. Sie ist die größte moralische Herausforderung für die Bewohner dieses Planeten.
Anerkannte Klimaforscher bestätigen die Aussagen des Films und nennen uns als Zeitspanne die nächsten 10 Jahre, um eine große Katastrophe abzuwenden, die das Klima unseres Planeten zerstören würde. Die Erderwärmung ist eine Folge des ständig wachsenden Anteils an Kohlendioxid in unserer Atmosphäre, der größtenteils durch das Verbrennen fossiler Energieträger wie Öl, Kohle und Erdgas verursacht wird. Obwohl die Bevölkerung der USA nur 4 % der Weltbevölkerung ausmacht, sind die Vereinigten Staaten für ein Viertel des weltweiten Kohlendioxidausstoßes verantwortlich. Trotzdem sperrt sich Bush gegen die Unterzeichnung des Kyoto-Abkommens, in dem man sich auf eine drastische Reduzierung des CO2-Ausstoßes geeinigt hatte. Die EU hatte in Kyoto vereinbart, dass die Emissionen ihrer Mitgliedsstaaten bis 2010 8 % unter dem Niveau von 1990 liegen sollten. Leider fand man heraus, dass sie stattdessen um die gleiche Prozentzahl steigen : eine weitere unbequeme Wahrheit.
Nach einer aktuellen Studie der NASA wären, selbst wenn der Treibhausgas-Ausstoß sofort gestoppt würde, mehrere Grad Celsius Erderwärmung unausweichlich. Angesichts dieser Ohnmacht hat sich die EU vorsorglich nun ein bescheidenes „Klimaziel“ von 2 Grad Erderwärmung gesteckt und erklärt, erst darüber würde der „schädliche Klimawandel“ beginnen. Zwei Grad mehr, das bedeutet jedoch Hurrikane im nördlichen Atlantik, Versinken der Malediven und anderer Inselstaaten, tödliche Hitzewellen und unkontrollierte Ausbreitung tropischer Krankheiten. Nahezu putzig nimmt sich dagegen der 10 Punktekatalog der Filmemacher von „An Inconvenient Truth“ aus, den jeder umsetzen sollte, um seinen Beitrag zur Bekämpfung der globalen Erderwärmung zu leisten. Also schalten wir umweltbewusst u.a. Geräte richtig aus und halten sie nicht im Stand-by Modus, verbrauchen weniger warmes Wasser und ziehen Netz-/Ladegeräte aus der Dose, wenn sie nicht in Gebrauch sind. Jeder von uns wird also versuchen, das Seine zu tun und hoffen, dass Politik und Wirtschaft im Großen ihren Beitrag leisten.
Allerdings kamen mir am 25. Oktober im Plenum des Münchner Rathauses daran so meine Zweifel, als Rot-Grün sein Konzept zur Energiegewinnung für unsere Stadt darlegte, das neben Förderung regenerativer Energien die Beteiligung mit Minimum 200 Millionen Euro am Bau eines (Stein)Kohlekraftwerkes in Erwägung zieht, und das, obwohl ein weiteres Kohlekraftwerk den CO2-Ausstoß in der Atmosphäre wieder in die Höhe treiben wird. Wie verträgt sich die Anheizung des Treibhauseffektes mit grüner Umweltideologie? Wie weit entfernt sich diese Partei noch von ihren Grundüberzeugungen? Die CSU, die diesen Umweltfrevel nicht mittragen wollte, stimmte gegen die städtische Beteiligung am Bau dieses Erderwärmers. Die rot-grüne Mehrheit setzte sich durch: eine unbequeme Wahrheit für München.

 

A D I E U,
geliebter blauer Dunst

Unser europäischer Nachbar Frankreich verbietet ab 1. Februar in öffentlichen Einrichtungen wie Bahnhöfen, Flughäfen, Schulen und Ämtern zu rauchen. Ein Verbot in Restaurants, Bars und Diskotheken soll 2008 folgen. Deutschland diskutiert, wie restriktiv ein erweitertes Rauchverbot gehandhabt werden soll. Der Italienurlauber wie der Tourist in Amiland erlebt Menschen auf der Straße, bei Wind und Wetter, gierig am Glimmstengel saugend, da außer im trauten Heim der blaue Dunst dort allüberall verboten ist.
Und wenn der Gesetzgeber nicht gerade die Paragraphenkeule schwingt, dann setzt der Hausarzt den psychischen Hebel an. Gleich dem Pfarrer, der bei Sündenfall mit der Aussicht auf Fegefeuer oder gar Hölle aufwartet, schildert der Medicus die Freuden des Lungenkrebses und Raucherbeines dem Patienten gegenüber so lange und so detailliert in den prächtigsten Farben , bis der böse (weil umweltschädigende) und masochistische (weil sich selbst schädigende) Raucher in die Knie geht und entweder in den nächsten Buchladen rennt oder irgendein Seminar besucht, um die „Endlich Nichtraucher“gemeinde Allen Cars um ein weiteres Mitglied zu bereichern.

Auch ich fasste den vernünftigen, aber für eine passionierte Raucherin grausigen Entschluss mich vom Duft der großen, weiten Welt zu verabschieden. Ich wollte mir selbst meine tägliche Ration Nikotin verbieten, bevor es irgendein Gesetzeshüter hier in unserer Republik tut. Wenn schon Verzicht, dann wenigstens selbst gewählter und nicht von oben aufoktroyierter! Die Luft in meiner Lunge war auch etwas knapp geworden, aber ich energisch willens, weiterhin auf meinen Füßen durch München zu stapfen , bevor ich zu jedem Schritt auf ein Vehikel angewiesen sein würde. Außerdem hatte sich so ein seltsames, immer häufiger wiederkehrendes „Bellen“ eingestellt, das als angehender Raucherhusten einfach nur widerlich klang. Und dann konnte ich der Verlockung wieder suchtfrei wie zu Kinder- und Teenagerzeiten zu werden, nicht widerstehen. Nicht länger in den Krallen der Droge, nicht immer rauchen m ü s s e n !

Um ganz ehrlich zu sein, war dies bereits mein zweiter Versuch, clean zu werden. Beim ersten Mal hatte ich das Gefühl, meinem besten Freund Adieu zu sagen. Die letzte Schachtel Zigaretten war von einer unglaublichen Trauer begleitet. Am liebsten hätte ich sie ständig gestreichelt. Ja, ganz schrecklich war’s, nahezu erbarmungswürdig. Nach einem halben Jahr, auf einer Sitzung, nach politischen Endlosdiskussionen, wurde ich rückfällig. Nichts war’s mit suchtfrei, gequalmt habe ich danach mehr denn je und entgegen aller Nichtraucherpäpste fand ich es einfach herrlich. Der Süchtige liebt nun einmal den Nagel zu seinem Sarg und steht auch noch trotzig dazu!

Da man allen Büchern und Broschüren zufolge ein Ausstiegsdatum festsetzen soll, war es bei mir am Pfingstsonntag, den 4. Juni 06 so weit. Für diesen Tag hatte ich mich so richtig nach Lehrerart akribisch vorbereitet. Ich wusste genau, wie sich meine Sucht gestaltete, was ich mir vom „Danach“ versprach, hatte präventiv Strategien für den Fall entwickelt, wenn ich beim Tanken neben Benzin so ganz en passant noch Marlboro 100 auf die Rechnung setzten wollte. Am 4. Juni bestieg ich ein Flugzeug zu einem einwöchigen Urlaub und wusste vor Gier nach einer Zigarette gar nicht wohin. Grau ist alle Theorie! Aber ich blieb standhaft und das Verlangen wurde weniger und weniger, dafür mein Gewicht immer mehr und immer mehr und das trotz Essdisziplin. Nun verdient nicht mehr Philip Morris an mir, dafür ein Fitness Studio. Einen Psychiater ließ ich finanziell aber nicht von meiner schwächelnden Psyche ohne mein Nervengift profitieren. Allerdings ein heroisches Gefühl will sich auch in der Nichtraucherzone eines Restaurants nicht einstellen. Eher fühle ich mich wie ein Trottel, dass ich im Abiturjahr mit dem Rauchen überhaupt erst angefangen habe. Trotzdem kommt ein Lächeln über meine Lippen, wenn ich auf dem Laufband so vor mich hin schwitze: mit dem sozial verträglichen Frühableben meiner Person wird es jetzt zu Ungunsten von Krankenkassen nichts: denn nun will ich 100 Jahre alt werden und das fit und mit großem Lungenvolumen. Der Friedhof kann noch Jahrzehnte warten!!!

F A N A T I S M U S -
DIE BRANDPSUR DES VERDERBENS

Kreuzzüge, Inquisition, Hexenprozesse, die Guillotine der französischen Revolution, Rassenwahn, Selbstmordattentate – quer durch alle Jahrhunderte zieht sich die Brandspur des durch Fanatismus ausgelösten Verderbens.
Laut Lexikon leitet sich Fanatismus von „fanaticus“: „schwärmend, besessen“ her. Würde sich ein Fanatiker jedoch nur im Schwärmen ergehen, würde kein Blut an seinen Händen kleben. Die zweite Bedeutung „besessen“ kommt dem Kern des Begriffes schon näher. Das Nachschlagewerk beschreibt diese Besessenheit als „das kompromisslose und aggressive Verfolgen eines Ziels, das ohne Bezug auf die Gesamtwirklichkeit zur absoluten Norm erhoben wird. Der Fanatiker schaltet Selbstkritik und äußere Einwände aus und ist fremden Anschauungen gegenüber blind und / oder intolerant.“
Bei der tatsächlichen Umsetzung dieser Definition sind zwei gänzlich unterschiedliche Ausformungen zu beobachten: Zum einen der Fanatismus, der sich auf die eigene Person beschränkt und nicht nach außen geht. Gemeint ist eine individuelle Lebensführung, die gänzlich von einer spezifischen Überzeugung beherrscht wird und der in übersteigertem Maße alles untergeordnet wird. Der Psychologe spricht je nach Grad der Fokussierung von Neurose bis Psychose. Wer kennt nicht den Schlankheitswahn, der in Auszehrung und Hungertod münden kann. Im Alltag wird diese Art von Fanatismus schlicht als krank eingestuft.
Viele düstere Kapitel der Geschichte hingegen wurden und werden durch einen anderen Wahn bestimmt, der sich vom Selbst nach außen wendet und mit seiner Fackel der Zerstörung Leben opferte und opfert. Wie viele mussten sterben, weil sie die angeblich „falsche“ Hautfarbe hatten oder einer angeblich „minderwertigen Rasse“ zugehörig eingestuft wurden!
Die verheerendste Form von Fanatismus war und ist aber jene, die im Namen Gottes foltert, mordet, Kriege führt. Elend, Verwüstung, Tod wurde und wird durch Religion gerechtfertigt. Während das Christentum nach dem Zeitalter der Aufklärung der Gewalt eine klare Absage erteilte, benützen radikale Anhänger des Islam, der Religion, die für gemäßigte Muslime die Religion des Friedens ist, alle Formen des Terrors, um den „Ungläubigen“ ihre Auslegung des Korans aufzuzwingen. Das Leben gilt ihnen dabei nichts.
Warum ist dem Fanatismus so schlecht beizukommen? Sie ist eine Kraft, die alle Energien bündelt, keine Unentschlossenheit und vor allem keine Skrupel und keine Angst kennt. Sie ist in sich unfrei und daher frei von der Qual der Wahl. Ihre Regeln sind derart diktatorisch, dass sie nicht den Hauch von Abweichung dulden. Vor ihrem System der Strafe weicht jeder zurück, ihre Verheißungen und Versprechungen dagegen locken verführerisch. Sie ist in ihrer Wirkung durchschlagend und versammelt hinter sich die Schwachen, die Orientierungslosen, die Ängstlichen, aber auch die Suchenden. Armut und Hoffnungslosigkeit sind ihre Handlanger, Hilflosigkeit ihr Mentor. Welche schon lächerlichen Auswüchse Angst vor Fanatikern haben kann, zeigte die kürzliche Absetzung der Mozartoper Idomeneo in Berlin.
Noch einmal möchte ich zur eingangs erwähnten Definition zurückkehren, zum „kompromisslosen und aggressiven Verfolgen eines Ziels“. Die Überhöhung eines Ideals oder einer Ideologie, selbst einer Religion, mit dem Ziel der Unterwerfung Andersdenkender und Andersgläubiger erscheint mir lediglich der Deckmantel für eine alles verzehrende Machtgier zu sein, der man entgegentreten muss. Wann wird je ein Bündnis von Gewaltfreiheit und Toleranz eine gleich durchschlagende Kraft wie die der Eiferer entwickeln? Verabschiedung von Angst und selbstbewusster, unerschrockener Widerstand wären erste Schritte. Oder taugt der Mensch in der Masse etwa nur zum Sklaven?
 


PINK LADIES und T-BIRDS
erobern München

In den Fifties war ich als Kind für Petticoats zu jung, habe statt die High School zu besuchen gerade den Einkehrschwung in die Grundschule geprobt, Rock`n`Roll Parties fanden ohne mich statt, die Faszination eines Cadillac ging an mir gänzlich vorbei und Brillantine war ein absolutes Fremdwort.
Heute allerdings haut mich Brillantine um, - wenn sie in englischer Version, sprich als grease, die Haartolle betoniert. Sind es dazu noch die Haartollen der T-Birds von der amerikanischen Rydell High School, weiß ich vor Verzückung gar nicht wohin. Wenn die Jungs mit ihren Pink Ladies zur Prom Night gehen, bin ich dabei, - nein, nicht als Zeitreisende auf Verjüngungstrip, sondern als Besitzerin einer Eintrittskarte in das erfolgreichste Musical aller Zeiten.
Seit 1972 reißt GREASE weltweit die Zuschauer von den Sitzen. Und auch anno 2006 hat das Fiftiesspektakel in einer überarbeiteten und aufgefrischten Version nichts von seiner Faszination verloren. Die aufwendige Choreographie von Carla Kama und Melissa Williams aus L.A. setzt die mitreißende Musik so meisterhaft um, dass man einfach gar nicht anders kann als hingerissen mitzugrölen.
Im Deutschen Theater darf man endlich Musical-Songs wieder auf Englisch hören. Das Rezitativ dazwischen soll deutsch sein, - bei viel angelsächsischer Besetzung nur schwer als solches erkenn- und hörbar. Überhaupt liegt hier der tatsächlich einzige Schwachpunkt der Aufführung: die Darsteller, samt und sonders hervorragende Sänger und Tänzer , sind nicht gerade mit Sprechtalent gesegnet.
Aber was soll`s: Danny und Sandy heben zu ihren „Summer Nights“ an, Marty schmachtet „Freddy my love“, Kenickie und Co schmettern auf dem Cadillac ihr „Greased Lightnin“ und das ganze Ensemble demonstriert herrlich fulminant „We go together“. Das Publikum genießt den rührenden Kitsch bei „Beauty School Dropout“, bombastisch gesungen von Teen Angel (im bürgerlichen Leben Clay Adkins), dessen Stimme schon eine Show für sich allein verdient hätte. Und immer wieder Tanzszenen, die an Schmiss und Perfektion nicht zu überbieten sind.
Das Schwanthaler–Straßen-Grease ist zu einem Feuerwerk geraten, das die Zuschauer in den siebten Musical-Himmel katapultiert. Bei der Schlußnummer „You`re the one that I want“ allerdings erwarten die meisten eingedenk der Filmfassung eine Olivia Newton John-gleiche Sandy, die in hautenger Lederkleidung Danny die Sinne raubt. Nun fand ich die Leinwandheldin schon nicht sonderlich erotisch, aber unsere Sandy (Jennifer Farmer) bricht trotz tiefem Dekolletee alle Sterilitätsrekorde. Zu diesem Zeitpunkt jedoch befindet sich der Zuschauer bereits in einem derartigen Begeisterungstaumel, dass Miss Farmer selbst in Lockenwickler und Morgenrock vom „Man who keeps me satisfied“ singen könnte. Der Jubel nach Ende der Vorstellung wäre nicht geringer: stets standing ovations für diesen grandiosen Musicalabend. Zu meinem Leidwesen bleibt GREASE in unserer Stadt nur bis ca. 7. Oktober. Ich werde sicher nochmals den Kartenvorverkauf stürmen. Kommen Sie mit?




WEGWERFWARE TIER
Diesen Sommer meldeten die Tierämter in und um München einen Zuwachs an 130 abgegebenen, sprich vorher ausgesetzten Hunden.
Sommerzeit ist Urlaubszeit und plötzlich ist der „beste Freund des Menschen“ lästig. Man weiß nicht wohin damit. Eventuell sind keine Freunde breit, den Hund bei sich aufzunehmen, eventuell ist man für eine Hundepension zu geizig und auf gar keinen Fall will man ihn in den Urlaub mitnehmen. Also haben 130 „Herrchen“ unserer Landeshauptstadt einschließlich Peripherie beschlossen, sich ihres Hundes zu entledigen.
Nun habe ich es nicht so mit Verniedlichungen, aber „Herrchen“ trifft hier wohl voll ins Schwarze. Ein „Herr“, möchte man annehmen, wäre sich seiner Fürsorgepflicht bewusst, würde für die Seinen sorgen, sie nicht im Stich lassen. Ein „Herrchen“ hingegen spielt Herr in dem Moment, in dem er den Hund käuflich erwirbt und mit nach Hause nimmt. Wird der neue Mitbewohner unbequem, benutzt Herrchen seine Macht über das schutzlose Wesen und setzt es aus. Verantwortungsbewusstsein, Skrupel gegenüber der Kreatur, die ihm hilflos ausgeliefert ist: Fehlanzeige.
Der Hund wird entsorgt wie Hausmüll. Unsere Wegwerfgesellschaft, wie sie von vielen Soziologen betitelt wird, ist ein Phänomen unserer Zeit. Mit ihr eng verknüpft ist die Wegwerfmentalität, die allem und jedem nur einen temporären Wert zubilligt. Ist das Verfallsdatum erreicht, weg damit. Das hat auch seine Richtigkeit, so lange es verderbliche Waren anbelangt, die, wenn gammelig geworden, dem Menschen gravierend gesundheitlich schaden. Es ist auch noch nachvollziehbar, dass, um die Wirtschaft am Laufen zu halten, den Konsumgütern schon bei der Herstellung Verschleiß eingebaut wird, damit der Verbraucher gezwungen ist, diese irgendwann zu erneuern. Die Berufssparte der Designer gehörte längst der Vergangenheit an, würden sich Frauen nicht allzu gerne dem Diktat der Mode unterwerfen und wäre nicht das allerneueste Auto oder Handy neben Anlass zur Freude auch ein Prestigeobjekt, mit dem sich viele gerne schmücken.
Die Wegwerfmentalität beschränkt sich allerdings nicht allein auf Sachen. Sie hat längst auf lebende Wesen übergegriffen, wie die Vorgehensweise mit Hunden diesen Sommer wieder zeigt. Erschreckende Bilder aus Amerika von an Autobahnraststätten ausgesetzten, alten Menschen lassen zeitversetzt auch hier das Schlimmste befürchten. Alles, was schwächer ist und, - aus welchen Gründen auch immer - hinderlich, muss allmählich um seine Existenz fürchten. Noch wird heimlich ausgesetzt. Ist es nur eine Frage der Zeit bis der Gesetzgeber ins BGB legale Wege zur definitiven Verabschiedung ohne Wiederkehr schreibt?




S U M M E R
I N  T H E  C I T Y

Die Stadt erwacht. Glitzernde Sonnenstrahlen künden von einem wunderbaren Sommertag. Wunderbar für mich zumindest. Es ist mein erster Ferientag, und ich habe beschlossen ihn meiner Lieblingsstadt zu widmen. Auf dem Weg zum Auto bleibe ich bewusst stehen und recke mein Antlitz in Richtung Sonne, deren Wärme mich herrlich durchflutet: ein Gefühl wie in südlichen Gefilden. Allerdings im Auto schalte ich sofort die Klimaanlage ein, denn sommerliche Celsius-Grade wollen genossen und nicht gelitten sein.
An der Ampel, auf grün wartend, beobachte ich so die Münchner. Manche Mienen haben einen verkniffenen Ausdruck, so als wollten sie sagen: “Ich habe die ganze Nacht geschwitzt, kein Auge zugetan. Jetzt muss ich bei diesen Temperaturen auch noch arbeiten. Sauerei!!!“
Bei einem Trambahnhäuschen sitzt ein junges Mädchen auf der Bank. Ihre Miene drückt Traurigkeit, Verlorensein aus. Sie verbreitet die Aura der Einsamkeit wie einen Geruch. Die Helligkeit eines Sommertages bis in die späten Abendstunden ist pures Gift für sie, denn da kann man sich nicht wie im Winter, wenn es früh dunkel wird, gleich nach der Arbeit unter einer Decke auf dem Sofa verkriechen, um sich nicht mehr so allein zu fühlen. Zu allem Überfluss setzt sich jetzt auch noch ein Pärchen, lachend Hand in Hand, neben sie. Jetzt wäre ich gerne die Fee aus dem Märchen. Dann würde ich ihr einen Romeo herbeizaubern, der sie anspricht und in einen Sommer der Liebe entführt.
Nun aber entfleucht auch mir ein Seufzer – bei der x-ten Baustelle nämlich, der unvermeidlichen Begleiterscheinung der Münchner Sommerferien. Autokolonnen schleichen im Stau daran vorbei. Die Arbeiter, die in der brütenden Hitze im Freien werkeln, sind in diesen Tagen wohl die Helden der Stadt.
Da ist schon meine erste Station in Sicht: der Nymphenburger Kanal. Mit vorgeschriebenen 30 Stundenkilometern fahre ich „meinen“ Canale grande entlang, betrachte die schönen Villen entlang der Straße, begrüße die Fontäne im Rondell, stelle mein Auto vor dem Schloss ab und gebe mir, so ganz tourimäßig, wieder einmal das prächtige Interieur der Wittelsbacher Hochburg samt Schönheitsgalerie. Danach bewundere ich die Blumenpracht des Parks, füttere Schwan und Ente und gehe unter schattigen Bäumen zu den Kaskaden. Auf dem Rückweg mein absolutes Muss: Tee + Kuchen im Palmenhaus, denn es gibt keine bessere Belohnung nach einem ausgedehnten Flanieren im Park.
Es ist früher Nachmittag und 35 Grad im Schatten schreien nach Abkühlung. ergo ist mein nächstes Ziel das Dante-Bad, das bereits unzählige Generationen von Münchnern mit seinem alten, Schatten spendenden Baumbestand und seinem erfrischendem Nass gelabt hat. Als erstes vermisse ich im Stadion den Sprungturm, finde aber das neue Erlebnisbecken aufregend. Wie lange muss ich nicht mehr da gewesen sein? Ich schnappe mir eine Liege (auch eine für mich neue Errungenschaft), lese, schwimme, esse Eis und lasse ohne jeglichen Termindruck die Seele baumeln. Genuss lass nach!
Allmählich geht es gegen Abend und damit ist Biergarten angesagt. Meine Schritte lenken sich in den Taxis-Biergarten und zu dessen grandiosen Sparerips. Die Barbecuesauce tropft mir vom Kinn frei nach dem Motto: beim Sparerip-Essen bin ich Schwein, hier darf ich’s sein. Nachdem die letzte Rippe meinen Magen gefunden hat, überlege ich mir, ob ich ein weiteres Münchner Highlight aufsuchen soll: das Kino Open Air am Königsplatz. Gesagt, getan. Der Abend gehört dem Da Vinci Code. Tom Hanks müht sich redlich (aber gänzlich fehlbesetzt) mit dem Sakrileg herum, aber im Freien auf Großleinwand und gegen Ende auch unter Sternenhimmel mutiert dieser schwache Film zum oskarverdächtigen Hit.
Es ist nach 22 Uhr, nimmer noch warm und herrlich lau. Zum Ausklang dieses Münchner Sommertages gönne ich mir den im Moment schönsten Ausblick in unserer Stadt: auf der Cafe-Terrasse im 7. Stock des Hotels Bayerischer Hof schaue ich direkt und nur in einigen Metern Entfernung auf die erleuchteten Frauentürme, die bestrahlten Rathaustürme und den Alten Peter. Ich muss erst gar nicht als Münchnerin in den berühmten Aloysius-Himmel kommen, denn hier nachts zu sitzen lässt einen ganz freiwillig auf Wolke 7 des Wohlfühlens Hosianna singen!

 

I N T E G R A T I O N
STATT
PARALLELGESELLSCHAFTEN

Mit dem Begriff „parallel“ werden wir alle zum ersten Mal in der Schule im Fach Mathematik konfrontiert. Jeder sieht in seiner Erinnerung sofort zwei gezeichnete Linien vor sich, die exakt neben-, aber gänzlich voneinander unabhängig und ohne jeden
Berührungspunkt verlaufen.
Begibt man sich als Altbayer in einige Straßen rund um den Münchner Hauptbahnhof, so hat man das Gefühl, - schlagartig von einer Sekunde zur anderen -, Tourist zu sein, Reisender in einem anderen Land mit dessen entsprechender Landessprache, dessen typischen Geschäften. Kein deutscher Laut dringt ans Ohr, kein deutscher Schriftzug ziert einen Laden, ein Firmenschild: eine Welt, die abgeschottet in ihrer Kultur parallel neben unserer Mehrheitsgesellschaft besteht.

Die negativen Folgen von Parallelgesellschaften haben weltweit den Zeitungen Schlagzeilen, den Gefängnissen Belegungszuwächse, den Arbeits- und Sozialämtern immens Kundschaft beschert. Jüngst sahen wir in den Vorstädten von Paris Autos brennen, Krawalle auf ihren Straßen, Bilder exemplarisch auch für die Unruhen in England, die Schwierigkeiten in den amerikanischen Barrios.
Dass Ghettoisierung nirgendwo auf diesem Planeten funktioniert, liegt an seinem Enklavencharakter: durch Nichtbeherrschen der Landessprache bei Kindern kein Schulerfolg. Dessen Konsequenz ist die Arbeitslosigkeit im Erwachsenenalter, die wiederum in Armut gipfelt. Die Teilhabe am Wohlstand der Mehrheitsgesellschaft ist nicht möglich. Dies schafft Aggressionen, die sich in Gewaltbereitschaft und Gewalttaten manifestieren.

Wenn wir in München unser angestammtes, gesellschaftspolitisches Leitmotiv eines Lebens in Frieden, Freiheit und Sicherheit auf Dauer umsetzen wollen, kann nur Integration unser Ziel sein. Die Bereitschaft dazu muss von beiden Seiten geleistet werden. Die Eckpfeiler der Eingliederung heißen für uns „Einheimische“ Toleranz durch Akzeptanz sowie Bereitstellung praktischer Umsetzung einer sinnvollen Integrationsstrategie. Für Bürger ausländischer Herkunft oder mit Migrationshintergrund ist die Basis für Eingliederung die deutsche Sprachkompetenz, Achtung unserer Gesetze und Wertmaßstäbe und verfassungstreues Verhalten. Gleichberechtigung von Mann und Frau wird auch für Muslime verpflichtend, Zwangsverheiratungen, geschweige denn Ehrenmorde, sind auf unserem Boden striktest verboten und entsprechend zu ahnden.

Die Grünen haben früher bei CDU/CSU-Forderungen nach verpflichtenden Sprachkursen von „Zwangsgermanisierung“ gesprochen. Auch wenn sie heute diesen Begriff nicht mehr im Munde führen, so ist doch Deutschland für sie noch immer ein Einwanderungsland ungebremsten Zuzugs. Dass Integration aber nur bis zu einer bestimmten Anzahl von zu Integrierenden überhaupt möglich ist, scheint sich bis zu diesen ideologisch Verbohrten noch nicht herumgesprochen zu haben. Oder sie warten auf den Tag, an dem umgekehrt sie selbst, durch eigene unlimitierte Zuwanderungspolitik in München ethnische Minderheit geworden, in fremde Kulturen integriert werden. Sogar die SPD, man glaubt es kaum, hat die Brisanz von Parallelgesellschaften erkannt und distanzierte sich dieser Tage in der Öffentlichkeit explizit vom fast jahrzehntelang hochgejubelten „Multikulti“.
Die Münchner CSU legt bei ihrem Bezirksparteitag am 17. Juli einen Leitantrag vor, der eine konsequente Integrationsstrategie für unsere Stadt mit einem klaren Nein zu Parallelgesellschaften beinhaltet. Unser Ziel ist ein Miteinander auf der Basis
unseres Grundgesetzes.



SINFONIE IN SCHWARZ-ROT-GOLD
Patriotismus, Nationalismus oder reine WM-Gaudi?
Geht es Ihnen nicht auch so? Sie fahren in Ihrem Auto die Straße entlang und sind schier umzingelt von PKWs, an deren Seiten (meistens an beiden) unsere deutsche Fahne angebracht ist, die keck im Wind weht. Hardcore ist dann schon, wenn das ganze Heck von einer einzigen, riesigen Fahne bedeckt ist oder der ganze Innenraum
schwarz-rot-gold leuchtet.
Was empfinden Sie bei diesem Anblick?
Im Stadion läuft die deutsche Mannschaft ein. Vor Anpfiff erklingt die Nationalhymne. Nicht nur die Spieler, alle Einheimischen in der Arena singen mit. Auch während der kommenden 90 Minuten Spielzeit wird des öfteren „Einigkeit und Recht und Freiheit...“ begeistert intoniert.
Wie ist Ihnen dabei zu Mute?
Der zu tiefst politisch Linke hört alle Alarmglocken gleichzeitig schrillen. Das Herandämmern eines neuen Nationalismus, ist das, was er befürchtet. Schrecken macht sich in seiner Seele breit. Kabarettist Dieter Hildebrandt, der nicht gerade als debil bekannt ist, forderte umgehend die Abschaffung der Nationalhymne bei Fußballspielen. Da wollte sich auch die GEW (Gewerkschaft für Erziehung und Wissenschaft) Nordrhein-Westfalens nicht lumpen lassen, verfasste einen Flyer und wollte damit an den Schulen ebenfalls für die Abschaffung werben. Nun bin ich ja selbst Lehrerin, aber meine Kollegen aus NRW scheinen in ihrer Angst eine Verstandeseintrübung erfahren zu haben ...
Der zu tiefst politisch Rechte verfällt in einen wahren Freudentaumel. Springerstiefel samt Glatze werden blankpoliert, Aufmärsche anberaumt, altbekannte Parolen gegrölt. Der weitaus gefährlichere Neo-Nazi, der Wolf im Schafspelz sprich geschniegelt und gebügelt im unauffälligen, bürgerlichen Zwirn und beruflich ab Mittelschicht aufwärts angesiedelt, sinnt fieberhaft, wie sich aus der WM-Euphorie eine tragfähige, faschistoide Strategie für die Zukunft stricken ließe. Deutschherrentum wieder auf dem Vormarsch? Das überwältigende Nein demokratischer Kräfte in München zu einem geplanten Nazi-Aufmarsch werte ich als klare Absage stellvertretend für unser Land zu diesem ewig gestrigen Gedankengut, das Millionen Menschen das Leben kostete.
Der Deutsche der politischen Mitte und - enger gefasst - der Bayer des Leben und Leben Lassens, verfolgt gebannt die Spiele seiner Mannschaft, schreit sich die Seele aus dem Leib – weil’s einfach so schön ist – und lächelt bei jeder Fahne, die mit Auto an ihm vorbei fährt, und singt bei der Hymne mit. Denn er ist froh, dass mit der WM etwas Normalität in diesem, unserem Lande wieder eingekehrt ist. Kein Mensch findet etwas dabei, wenn die Engländer beim Freistoß von Beckham ihre Hymne schmettern oder die Franzosen bei Zidanes Tor ihre Marseillaise, und in diese Riege gesunden Patriotismusses reihen wir uns endlich unverklemmt wieder ein. Und für all jene, die sich noch nicht so recht trauen: Sogar unser Nobelpreisträger Günter Grass, dem man rechtes Gedankengut auf gar keinen Fall nachsagen kann, hat kürzlich in einem Interview bekannt, dass er bei unserer Nationalhymne mitsingt und den Patriotismus aus Stolz auf die Leistung von Klinsmanns Mannen befürwortet.
Im Freien, unter wolkenlosem Himmel, bei einem Haferl Tee in einem Cafe am Rotkreuzplatz, habe ich mich in diesen Tagen umgesehen. Die Front des Hotels neben mir zieren Fahnen aus aller Herren Länder, ein buntes Willkommen an unsere Gäste aus aller Welt. Da sitzt am Nebentisch ein Vater mit seinem Junior. Der Papa, ein Einheimischer, in unserem Trikot und sein Sohnemann strahlend im brasilianischen Shirt. Ein ganz kleiner Dreikäsehoch wackelt krummbeinig daher, gewandet im italienischen Fußballhemde, aber muttersprachlich in schönstem Bayerisch fordernd: „I wui a Eis!“. Seine Mama, auf der Wange die eindeutigen drei Farbstreifen und in Shorts unserer Mannschaft, nickt nachsichtig und
zückt den Geldbeutel.
Noch irgend welche Fragen?



M Ä N N E R
Zur Zeit erleben wir tagtäglich, wie tapfere Recken neunzig Minuten sich die Seele aus dem Leib wetzen, um ihrem Land den Verbleib in der WM zu erhalten. Sie stürzen sich mit Mut in Zweikämpfe, schreien den Frust über einen Schuss an die Latte heraus und reißen sich gegenseitig in die Arme, wenn der Ball im Tor landet. Für Frau allerdings ist es ästhetisch nicht unbedingt so hübsch, wenn sie ihre Spuckorgien ins leuchtende Grün des herrschaftlichen Rasens betreiben. Oder ist gerade dies typisch männlich?
Für wen die Spezies Mann immer noch das unbekannte Wesen darstellt, und wer sich bei der Entschlüsselung desselben brillantest amüsieren möchte, der sollte seine Schritte in die Kammerspiele lenken. Dort steht mit dem Liederabend „Männer“ ein absolutes Highlight auf dem Programm.
Wenn das Licht im Zuschauerraum aus- und auf der Bühne angeht, wird man der Zuschauertribüne eines Fußballstadions als Bühnenbild gewahr, auf der verteilt acht optisch gänzlich unterschiedliche Männer sitzen. Oberhalb ihrer Köpfe und der Ränge hängen Urinale und darüber befinden sich Telefonkabinen. Eine Leuchtanzeige tut die 88. Spielminute kund, als die Aufführung mit Mozarts Don Giovanni-Ouvertüre - abgewandelt in einen (noch) hoffnungsfrohen Jabba-da-dada-Chor aus acht Kehlen geschmettert -, beginnt. Das Spiel endet 0:0. Die Herren sitzen betreten schweigend herum, - und bleiben. Was dann die nächsten 90 Minuten das Publikum zu Jubel- und Lachstürmen hinreißt, ist die ganze Skala männlicher Befindlichkeiten, ausgedrückt in Liedern und Körpersprache und von Regisseur Franz Wittenbrink meisterlich in Szene gesetzt. Der Zuschauer wird u.a. eingeführt in machohaftes Imponiergehabe („Sex Machine“), sentimentale Einsamkeit („Ich bin so allein“ = eingedeutschter Paul Anka „I`m just a lonely boy“), Liebe (Percy Sledges „Wenn a Mann a Frau liebt), Eitelkeit („Ich brech` die Herzen der stolzesten Fraun“), Vorlieben („Girls, girls, girls“), Sehnsucht (Maffays „Es war Sommer“), Aggression (Demolierung der Tribüne, wobei so mancher Sitz zu Bruch geht) gepaart mit Kuschelbedürfnis, das bei Lagerfeuerromantik sich auf „Brokeback Mountain“ zu bewegt.
All diese Spektren männlicher Existenz werden von einem Ensemble vorgetragen, das sowohl phantastisch singen als auch schauspielern kann. Eine komischere, - und oftmals anrührendere – Boygroup hat München noch nie gesehen. Unser bayerischer Tatortkommissar Miroslav Nemec findet sich überraschend gut in diese Männerriege ein. Seinen besten Auftritt hat er mit einem Zusammenschnitt von mehreren Grönemeyer-Liedern zu einem „Flugzeuge im Bauch“. Hier gewinnt er neben exzellentem Gesang auch eine darstellerische Tiefe, die in ihrer Bitterkeit und Verzweiflung das Herz des Zuschauers bewegt. Nemec wie seine Geschlechtsgenossen zeigen raue Schale und weichen Kern. Gierig und Testosteron ausdampfend hängen sie in den Telefonkabinen an den Sex Hotlines und verzehren sich doch - frei nach Heintje – letztendlich nach ihrer „Mama“. Und am Ende des Liederabends werden sie auch von einer Frau an den heimatlichen Herd zurückgepfiffen. Winnie Böwe befördert sie mit der Comtur-Arie aus Don Giovanni auf den Lippen in die häusliche Hölle.
Das frenetisch klatschende Publikum trotzt dem Ensemble allabendlich Zugabe um Zugabe ab. Die acht singenden Schauspieler oder schauspielernden Sänger, musikalisch untermalt von Wittenbrink am Klavier und Peter Pichler an der Gitarre, geben das Mannsein in all seinen Facetten mit derartiger Echtheit, Inbrunst, Komik und unwerfendem Charme, dass man nicht nur sie, sondern Männer schlechthin lieben muss. Wie arm wäre die Welt ohne dieses heroisch stark-schwache Geschlecht !!!



K Ö N I G    F U S S B A L L ...
... herrscht in seinem eigenen Reich, und ab Juni ist dies unsere Republik.
Nun ist ja München bereits unglaublich erfolgsverwöhnt: der FC Bayern holte 2006 zum zweiten Mal hintereinander und zum ersten Mal in der Fußballgeschichte das „Double“, sprich deutschen Meistertitel und DFB-Pokal. Die Schlappe in der Champions League verschweigen wir einmal diskret.
Ein von Klischees durchdrungenes männliches Wesen wird sich fragen: „Woher weiß sie das als Frau?“ Mir entfleucht ein simples „Phhhh!“ als Antwort. Gleichzeitig lehne ich mich aber bequem zurück und schwelge etwas in Erinnerungen. Schon im zarten Alter von 19 Jahren mit einem FC Bayern-Mitglied verlobt, sah mich an Samstagen das Stadion als Fußballbraut – und das nicht mitgeschleppt im Würgegriff, sondern von Herzen und mit Hingabe. Die Atmosphäre dort, aufgeladen von Begeisterung (wenn für uns ein Tor fiel), von Aggression (wenn einer unserer Helden gefoult wurde), von Enttäuschung (wenn die Tordifferenz zu unseren Ungunsten sprach) und von grenzenlosem Jubel (wenn „wir“ als Sieger vom Platz gingen), hat mich schon immer fasziniert und mitgerissen. Den Ausspruch der erhabenen Doofintellektuellen: „Wie können nur 22 ausgewachsene Männer 90 Minuten hinter einem Ball her rennen!“ kann ich ebenfalls nur mit einem „Phhhhh!“ quittieren. Aber ich will großzügig sein. Man kann nicht von jedem die Sensibilität erwarten, die Eleganz bei den Spielzügen eines Zinedine Zidane, die Artistik eines Fallrückziehers wie früher z.B. von Uwe Seeler, die Brillanz eines Doppelpasses wie zwischen Franz Beckenbauer und Gerd Müller sowie eines erfolgreichen Alleinganges aus der Defensive quer über das Feld gekrönt von einem Schuss ins Tor zu erkennen und zu schätzen. Es tun mir sogar jene direkt leid, welche die nationale Tragödie in einem Meisterschaftsspiel nicht zu erspüren vermögen, wenn über 90 Minuten ein Tor heiß ersehnt wird , dieses in den letzten Sekunden endlich fällt und ein Schiedsrichter es dann wegen – selbstverständlich angeblichem! - „Abseits“ nicht als Tor gibt. Diesem „Abseits“ kann ich nur etwas abgewinnen, wenn es nicht gegen uns geht und ein österreichischer Fernsehkommentator so schön „offseid“ und „refferiii“ für Schiedsrichter sagt. Was habe ich mir nicht auf der Tribüne die Seele aus dem Leib gebrüllt, unsere Mannschaft bis zur absoluten Erschöpfung angefeuert. Einfach herrlich! Diesen Genuss habe ich mir auch gegeben, als ich kurzzeitig mein Domizil von Deutschland nach Italien verlegte und im Mailänder San Siro-Stadion abwechselnd für Inter oder AC Mailand meine Stimmbänder malträtierte. Das letzte Mal, dass ich an einem Spielfeldrand stand und Urlaute herausbrüllte, was das Zeug hielt, war, als unsere Fußfall-Stadtratsmannschaft gegen die Stadtratsmannschaft aus Moskau im Sechziger Stadion spielte. Während die Russen mit einem Fantross von 100 Leuten anreisten, war ich der einzige, armselige Fan, der einsam versucht hat, gegen die Übermacht der Moskauer Anhänger anzuschreien. Aber es war schön wie immer, und die Feier hernach hat mehr für die deutsch-russische Verständigung getan als so manche Treffen von Spitzenpolitikern beider Länder.
Am 9. Juni wird nun München Schauplatz des WM-Eröffnungsspieles sein. Lokalpatriotisch wünsche ich Klinsmanns Mannen ein - zur Abwechslung - echtes fußballerisches Können über die ganze Distanz. Ich habe ja nichts gegen Costa Ricas Mannschaft. Aber im mittelamerikanischen Antritt ein bisschen fußlahm, so ein ganz kleines bisschen, das wäre doch gar nicht übel, oder?! Hauptsache all jene, die ein Vermögen für eine Eintrittskarte ausgegeben haben und all die Millionen Zuschauer, die vor dem Fernseher kleben, bekommen ein tolles Spiel zu sehen. Vielleicht könnten sich auch alle Hooligans auf dem Weg zu uns verfahren und außerhalb unserer Landesgrenzen anstatt in unserer Allianz Arena landen.
Die Welt wird auf München schauen und nach der Weltmeisterschaft hoffentlich schwärmen, noch nie einen derart friedlichen, aber zugleich spannenden und vergnügungsreichen World Cup wie bei uns erlebt zu haben. Lieber Leser, ich werde mich auf alle Fälle amüsieren wie Bolle, bei allen Spielen ein Lokal mit Großleinwand aufsuchen und mich der Fußballeuphorie hingeben. Schön wird`s, aufregend wird`s!


 

D A N K E,
Richter Weitmann,
D A N K E !

Walter Weitmann. Dieser Name wird mir unvergesslich bleiben!!
Als Vorsitzender Richter im Karolina-Prozess verhängte er sowohl für Mehmet A., der Karolina grauenvollst zu Tode gefoltert hat, als auch für Karolinas Mutter Zaneta C., die ihre kleine Tochter nicht vor den qualvollen Misshandlungen schützte, sondern sogar bei ihnen teilweise mitwirkte, die Höchststrafe wegen Mordes: lebenslänglich. Außerdem wurde eine besondere Schwere der Schuld festgestellt. Damit kann die Strafe der beiden nicht nach 15 Jahren Haft zur Bewährung ausgesetzt werden.
Das Martyrium der Dreijährigen: Auspeitschen mit Gürtel und Holzstock, Eintauchen in über 50 Grad heißes Wasser, Versengen der kleinen Finger mit Feuerzeug, Verschmoren von Beinen und Gesäß mit glühenden Plastikschraubverschlüssen (insgesamt 28 große Brandflächen auf der Haut), bei Minustemperaturen nächtelanges Einsperren im dunklen Keller. Welcher Münchner hat nicht während des Prozesses vor der 1. Strafkammer diese Schilderungen der Qualen, die Karolina tagelang bis zu ihrem Tod am 7.Januar 2004 erlitt, in den Medien gelesen und auf eine gerechte Sühne dieses Verbrechens gehofft?
Auch ich habe den Prozessverlauf verfolgt und mit Entsetzen das Auftreten von zwei psychiatrischen Gutachtern vor Gericht registriert, die auf eine verminderte Schuldfähigkeit bei Mehmet A. durch Persönlichkeitsstörung infolge eines jahrelangen Alkohol- und Drogenkonsums befanden. Hätte sich die Strafkammer diesen Gutachten angeschlossen, wäre die Anklage wegen Mordes nicht mehr haltbar gewesen. Man hätte eventuell auf Körperverletzung mit Todesfolge und Misshandlung Schutzbefohlener erkannt. Mehmet A. wäre nach ein paar Jahren wieder ein freier Mann gewesen.
Mir wurde bei den Ausführungen der Psychiater ganz schlecht – und zwar nicht als Stadträtin, sondern als Bürgerin, Mensch und Mutter. Ich bin keine Juristin und dadurch unbeleckt vom Wust der Paragraphen, dem unsere Gesetzesvertreter unterworfen sind. Und mir wurde nicht das erste Mal schlecht beim Auftreten von Gutachtern. Sobald ein Angeklagter zum Zeitpunkt der Tat einen Vollrausch, ein Kindheitstrauma oder irgendeinen psychischen Defekt nachweisen kann, bekommt er nicht mehr die volle Härte des Gesetzes zu spüren, sondern seine Tat muss von rechts wegen strafmildernd bewertet werden.
Nun kann man freilich die Ansicht vertreten, dass z. B. eine Mutter, die im Verlauf von Jahren alle ihre neugeborenen Kinder tötet, krank sein muss, dass jemand, der als Kind schlimme Qualen erlitten hat und als Folgeerscheinung im Erwachsenenalter andere umbringt, zwanghaft handelt und für sein Tun nicht voll verantwortlich ist. Wie oft wurde nicht bereits in unserem Land ein vorzugsweise junger Mensch, der arbeitslos, suchtkrank und verzweifelt sein kleines Kind zu Tode misshandelt oder vernachlässigt hat, zu geringer Gefängnis-, wenn nicht gar zu einer Bewährungsstrafe verurteilt? Warum fällt uns im Allgemeinen die Vorstellung schwer, dass unter uns Ungeheuer leben, die eben von Haus aus nicht edel, hilfreich und gut waren, nicht durch Manipulation von außen zu Monstern mutierten, sondern charakterlich einfach so sind wie sie handeln?
Für mein rein subjektives Befinden wiegt bei der Rechtsprechung der gewaltsame Tod eines Menschen in der einen Waagschale im Verhältnis zu den Defiziten in der Waagschale desjenigen, der ihm das Leben genommen hat, zu gering.
Außerdem kann ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass Neugeborene und Kinder im Paragraphendschungel keine echte Lobby in diesem Land haben und Verständnis eher für die Nöte des Peinigers zu herrschen scheint als dass das Verhindern von Zukunft und Leben der Tötung eines Erwachsenen in der Schwere gleichgesetzt wird. Bei diesen Worten schreien wahrscheinlich Juristen auf, aber als Laie muss es erlaubt sein, seinen Betrachtungen Ausdruck zu verleihen.
Gänzlich fern jeder Realität stelle ich mir vor, Tote könnten vor Gericht erscheinen und ihre Ängste und Qualen selbst schildern, die sie erlitten haben, als sie getötet wurden. Wie schwer würden dann ihre eigenen Aussagen im Verhältnis zu Gutachten über verminderte Schuldfähigkeit wiegen?
Unsere Richter sind von Gesetz wegen gottlob unabhängig. Richter Walter Weitmann sah es in seiner Urteilsfindung als erwiesen an, dass Mehmet A. nicht krank ist, sondern es dessen Ziel war, Karolina auszuschalten und er auf sadistischste Art und Weise dieses Ziel verwirklicht hat. Karolina kann sich für die gerechte, lebenslängliche Haftstrafe ihres Mörders nicht mehr bedanken, aber ich tue es und hoffe, dass der Mut dieses Richters, der größten Respekt verdient, in ähnlichen Fällen Schule machen wird!



Q U O    V A D I S,
young boy?

„Ich will Spaß, ich gib Gas“. Diese Kurzformel frei nach einem Oldie schießt ein Schüler in der Oberstufe spontan aus der Hüfte auf meine Frage, wie er sich sein späteres Leben vorstellt.
Spaß – wie soll der aussehen? Antwort: Chices Auto, stylishe Wohnung, Reisen, Feste, tolle Freundin. Wie soll dieser Spaß finanziert werden? Nach Minute der Ratlosigkeit folgende Antwort: durch tollen Job. Woher diesen nehmen? Keine Antwort. Wie soll Gas geben aussehen? Tagsüber dynamisch unterwegs, um alle sich bietenden Chancen zu ergreifen, nachts in den angesagten locations Hully Gully bis zum Abwinken. Woher die Kraft nehmen? Das dynamische Element tagsüber wohl oder übel auf die Stunden nach high noon beschränken, um dem Luxuskörper ausschlafen zu gönnen. Noch irgendwelche Pläne? Nein. Ob seine Vorstellungen nicht etwas realitätsfern und zu einseitig sind? Verständnisloses Kopfschütteln. Die sonnendurchflutete Welt der Hochglanzwerbung muss es sein, wird es sein. Alles andere ist absolut undenkbar. Ob er sich nicht dabei zu billig verkauft? Diese Frage bleibt unbeantwortet, da vom Sinn her nicht erfasst.
Psychologen, Soziologen unterstellen heute der Jugend Orientierungslosigkeit. Ich, der ich mit den Heranwachsenden von morgens bis abends in einer Ganztagesschule mein Tagwerk verbringe, kann dies nicht unterschreiben. Die Jugend ist nicht wirklich orientierungslos. Da zumeist durch zwei berufstätige Elternteile und deren Bedürfnisse sich selbst überlassen, hat sie sich ihre eigene Orientierung gezimmert und diese ist durch die Scheinwelt der Werbung, durch Fernsehserien und Filme über die Schönen und Reichen dieser Welt geprägt. Von Kindesbeinen an sind sie in unserer Wohlstandsgesellschaft gewohnt zu konsumieren und stellen sich ihre Zukunft als selbstverständliches Schlaraffenland vor. Selbige Gesellschaftsexperten nennen die Jugend durch Leistungsdruck überfordert. Haben sie sich je mit den Lehrplänen an unseren Schulen auseinandergesetzt? Wie wenig hoch die an sie gestellten Ansprüche tatsächlich sind, zeigen die vielen Stunden der Freizeit, die sie vor den Elektronikmedien verbringen oder in denen sie einfach herumhängen und gegen Langeweile ankämpfen. In meiner Jugend sang man: „Born to be wild“. Was aber tagtäglich vor mir sitzt, ist ungefähr so wild wie eingeschlafene Füße. Das einzige, was sie sich erobern, unsere Youngsters, boys wie girls, ist am Wochenende „Wodka for free“ an der Theke der Münchner Musikhallen. Am Montag geben sie dann mit Schilderungen ihrer Erlebnisse im Vollrausch an. „In“ ist, wer säuft und mit Einladungen zu Parties protzen kann.
Irgendwelche Ideale? Fehlanzeige.
Mir kommt es oft so vor, als stecke diese Jugend in der Zwangsjacke der Moderne fest, als hätte man ihnen einen Glassturz übergestülpt, innen weich mit Watte ausgelegt, aber gleichzeitig keimfrei steril. Man gibt ihnen Vergnügungsutensilien, damit sie sich ruhig verhalten, schüttet sie zu mit Materiellem, wiegt sie in trügerischer Sicherheit, die ganz schnell gefährliche Risse bekommt, wenn Kinder und Heranwachsende aus dem sozialen Abseits mit Brachialgewalt ihnen brutal ihre „Spielsachen“ zu entreißen versuchen. Was der Jugend vorenthalten wird, sind immaterielle Tummelplätze, auf denen sie eine facettenreiche Persönlichkeitsentwicklung erfahren könnten. Dazu müssten ihnen aber die theoretisch vielstrapazierten Werte vorgelebt , durch Gespräch und Tat der große Strauß an Möglichkeiten des Lebens in seiner ganzen Buntheit und Vielfalt aufgezeigt werden. An die Hand genommen, könnten sie durch positives Ausloten der Grenzen ihrer selbst das Spektrum ihrer Fähigkeiten und echten Neigungen kennen lernen. Diese Dimensionen bleiben ihnen in der Regel aber verschlossen.
Treten sie ins Berufsleben ein, rächen sich die ungenutzten Jahre. Die Wirklichkeit packt ihre Keule aus. Der Hauptschüler findet kaum Lehrstellen vor. Er muss froh sein, wenn er irgendeinen Ausbildungsplatz bekommt. Plötzlich muss er den ganzen Tag arbeiten und das für wenig Geld. Auf einmal ist gar nichts mehr chic und Verbesserung nicht in Sichtweite. Perspektivelosigkeit macht sich breit. Sie strampeln für eine kleine Wohnung, ein Bier am Abend, gelegentlich einmal Urlaub. Der Realschüler hat etwas mehr Chancen am Arbeitsmarkt. Nach gutem Abschluss einer Lehre kann er darauf hoffen, sich hocharbeiten zu können. Die meisten Türen stehen dem Abiturienten offen, wenn er ein Hochschulstudium erfolgreich absolviert, - sofern die Studienrichtung in einen Beruf mündet, in dem es freie Stellen gibt. Er hat die größtmögliche Freiheit zur Selbstverwirklichung und Selbstentfaltung, vorausgesetzt, er hat dem „erkenne dich selbst“ Raum gegeben. Will er aber seine Teenagervorstellungen von Spaß und Gas geben verwirklichen, ist ultimative Flexibilität und Mobilität angesagt. Wie bleibt bei all diesem Streben noch Zeit für eine Familiengründung? Das Land schreit nach Kindern. Dennoch verlockt kein Elterngeld der Erde die Jungkarrieristen zu Verzicht auf ihren anerzogenen Egoismus. Außerdem sind sie viel zu beschäftigt, ihren Platz an der Sonne einzunehmen. Sie hetzen durch die sich immer schneller drehende Welt.
Philosophen vermissen Visionen in unserer Republik. Zu Visionen braucht man Zeit zu Besinnung, einen Unterbau an ideellen Werten, eine Sehnsucht nach einer Welt, die nicht nur von Geld und Status diktiert wird. Ihre Basis wäre eine Jugend und junge Erwachsenengeneration, die auf die Frage: „Quo vadis?“ antwortet: „Ich will alles – und das nicht nur für mich, sondern für alle“.
Es liegt an uns, sie auszustatten - mit dem Wissen darüber, was dieses „Alles“ in seinem ganzen Ausmaß bedeutet und mit dem charakterlichen Rüstzeug, es umzusetzen.



G E N U S S  P U R:
„C A T S“  im Deutschen Theater
In den 80iger Jahren sah ich in Wien zum ersten Mal das Musical „CATS“, - damals unter der Intendanz von Peter Weck. Meine Begeisterung für dieses geniale Katzenschauspiel war derart groß, dass ich in den 90iger Jahren bei einem Besuch in London unbedingt die Originalversion sehen wollte und mir auch die Inszenierung in Zürich nicht entgehen ließ.
Und als nun im Deutschen Theater letztes Jahr und heuer Webbers Meisterwerk auf dem Spielplan stand und steht, war ich beide Male bei den ersten, die dem Jellicle Ball, dem Kernpunkt der Handlung, beiwohnten. Ich weiß gar nicht, worüber ich als erstes schwelgen soll, denn jedes einzelne Detail ist derart wunderbar, dass es einem in der Gesamtheit die Sprache verschlägt. Bevor die Musik anhebt, ist der Zuschauer mit dem besten an Bühnenbild konfrontiert, was das Genre Musical zu bieten hat: ein überdimensionaler Müllhaufen aus verbeulten Konservendosen, kaputten Regenschirmen, verrostete Fahrräder, Plastikbechern und Glasflaschen, Zeitungsfetzen und Zahnpastatuben, - diese Abfallprodukte der menschlichen Zivilisation proportional in ihrer Riesenhaftigkeit auf die Katzendarsteller abgestimmt. Durch sie zieht sich eine Beleuchtung, die sich über die Decke des gesamten Theaters fortsetzt und dramaturgisch im Verlauf der Handlung einzigartig eingesetzt wird, um die Stimmung, sei sie euphorisch, lustig oder verzweifelt, durch Lichteffekte entsprechend zu unterstützen und direkt das Herz der Zuschauer anzusprechen.
Nach den ersten Takten der Musik registriert man beglückt, dass am Mischpult jemand sitzt, der sein Handwerk versteht: die Lautstärke ist exakt ausgesteuert, keine übermäßige Phonzahl zerreißt das Trommelfell. Die Musiker spielen exzellent. Nach der „Ouvertüre“ bewegen sich die ersten Katzen auf Samtpfoten durch das Publikum auf die Bühne zu. Ihre Kostüme, ihre Schminke, - einfach perfekt.
Und dann wird der Zuschauer mitgerissen durch ein Feuerwerk aus Musik, Tanz, Gesang, Bühnenbild und Licht, in einen Rausch versetzt, der im Musical-Theater konkurrenzlos ist. Wo zuerst hinschauen, was zuerst in sich aufnehmen? Sich nur den brillanten Songs Webbers hinzugeben, die von erstklassigen Sängern dargeboten werden, wäre schon ein Genuss an sich, aber gleichzeitig tanzen und bewegen sich die Katzendarsteller, jeder für sich meist ganz verschieden, so phantastisch, das Licht taucht die Gegenstände auf der Bühne in immer neue Facetten, dass man mit dem Lauschen, Staunen und Schauen gar nicht mehr nachkommt. Jedes Detail zu registrieren, ist auch für einen Cats-Junkie wie mich nach vielen Aufführungen immer noch unmöglich, so sehr ich es auch versuche. Und obwohl ich mich erst daran gewöhnen musste, dass die herrlichen Katzengedichte von T.S. Eliot als Text der Songs, - eine geniale Idee von Webber – im Deutschen Theater statt im Original auf Deutsch vorgetragen werden und der Darsteller des Rum Tum Tugger jedes andere Lied besser singt als sein eigenes, seinen Typus leider als überzogene Karikatur seiner selbst rüberbringt und seine Rolle damit völlig verschenkt, verbeuge ich mich vor der Leistung, die hier dem Publikum dargeboten wird. Wieder bewundere ich die Kondition der Darsteller, die ohne Dialogpausen über zwei Stunden hindurch singen und gleichzeitig tanzen und dies auf höchstem Niveau, denn Songs und Choreographie mit vielen Elementen des klassischen Tanzes versetzt verlangen den Katzen alles ab. Ich sage bewusst „Katzen“, denn sie bewegen sich derart geschmeidig und ganz wie echte „CATS“, dass man vergisst, Menschen vor sich auf der Bühne zu sehen.
Nach der Aufführung verlasse ich gegen 23 Uhr überwältigt und verzückt das Theater, singe im Auto auf der Heimfahrt glückselig meine gerade gehörten Lieblingslieder vor mich hin und drücke zu Hause meine beiden Katzen völlig beseelt an mich.
Übrigens: wer nach CATS keine Katzen liebt, muss psychisch ein Rad ab haben und wer einen Abend puren Genusses in der Musical-Landschaft erleben will, sollte so schnell wie möglich versuchen, noch eine Eintrittskarte für das Deutsche Theater zu ergattern. Der Abend würde auch Ihnen garantiert unvergesslich bleiben, da sooo schön!



GREISLICH, EINFACH NUR GREISLICH
So lautete der Titel einer Glosse, die ich vor Jahren schrieb. Diese Formulierung kam mir damals als Altbayerin in den Sinn, als ich von der obersten Etage des Mercedes Gebäudes an der Arnulfstrasse auf die Stadtsilhouette Münchens blickte und mir der hoch aufragende Monolith, „Uptown“ genannt, unweigerlich ins Auge stach.
Vom 33. Stock aus die ganze Stadt im Blick, stand, - meinem subjektiven, ästhetischen Empfinden nach -, dieser schmale, eckige, architektonisch einfallslose Kasten gänzlich unmotiviert in der Gegend herum. Während um ihn dächermäßig ein sich mehr oder weniger einheitliches Bild ergibt, aus dem auch die bisherigen Hochhäuser sich nicht unangenehm herausheben, hat man hier willkürlich einen überdimensionalen Pflock in die Gegend gerammt, der sich in die städtische Landschaft einfügt wie ein Betonmeiler neben einem niedrigen Bauernhaus. Und ganz schwindlig wurde mir bei der damaligen Diskussion, ob man nicht ähnlich grandiose Türme queerbeet in München platzieren könnte. Die Befürworter sprachen von moderner Stadtarchitektur, deren Hochhausgiganten als bunte Tupfer wunderbar mit der über Jahrhunderte gewachsenen Bauweise harmonieren würde. Nun bin ich zwar kein Architekt, aber ich kann, so lange ich mich auch bemühe, der Moderne zu huldigen, keine notwendige Parallele zwischen New York und München entdecken. Und auch Frankfurts Mainhattan halte ich hier für nicht erstrebenswert. Bin ich im Mittelalter stecken geblieben?
Dass ich mit meiner Abneigung gegen diese vereinzelten Monolithen nicht allein stand, bewiesen die Bürgerproteste stadtweit angesichts der begonnenen Hochhausdiskussion und im Kleinen die Demo in Neuhausen-Nymphenburg, als den Münchnern am Birketweg Hochhäuser unterjubelt werden sollten, die man vom Rondell des Schlosses Nymphenburg hinter den königlichen Bauten hätte aufragen sehen. Vereinzelte Politiker sprachen sich sogar dafür aus, dass die Frauentürme die Höchstmarke für Häuser im Stadtgebiet sein sollten.
Die Argumente Pro und Contra gingen hin und her. Die CSU-Stadtratsfraktion startete eine Initiative für ein Ratsbegehren, in der eine Neuausrichtung der städtischen Hochhauspolitik gefordert wurde. Wir traten u.a. dafür ein, dass die Silhouette der Münchner Altstadt zu schützen sei, was konkret Hochhäuser innerhalb des Altstadtringes verbiete. Unser nächster Punkt bezog sich auf die Sichtachsen. Auch hier forderten wir einen Schutz der Sichtbeziehungen von und zur Altstadt und deren Randgebiete, welche die unverstellte Sicht auf Wahrzeichen der Stadt wie Alter Peter und Frauentürme sowie auf besondere historische Bauten, Denkmäler und Kirchen beinhaltete. Ebenso sei die Sichtverbindung aus der Innenstadt nach Süden Richtung Alpen grundsätzlich freizuhalten. Eine einheitliche Höhenbegrenzung wollten wir nicht festlegen, da sie nach Örtlichkeit individuell zu gestalten sei. Je näher aber der Innenstadt, desto stärker müssten die Frauentürme als Orientierungsmerkmal gelten. Außerdem legten wir auf Ästhetik, auf eine künstlerische Ausgestaltung im Rahmen der Architektur wert. Unsere Initiative zielte auf die Erarbeitung eines konsensfähigen Hochhauskonzeptes unter besonderer Berücksichtigung von Hochhaus-Ensembles ab. Jeder moderne, ästhetisch ansprechende Hochhausbau könnte in Ensemblebauweise, - also nicht ein einsamer Wolkenkratzer, sondern mehrere im harmonischen Verbund -, an Standorten wie Hauptverkehrs- und Haupteinfallstrassen realisiert werden.
Leider kam es, wie es kommen musste: in der Vollversammlung des Stadtrates, stimmte die rot-grüne Mehrheit unsere Initiative nieder und verhinderte damit ein Ratsbegehren. Rot-Grün hatte allerdings die Rechnung ohne die Münchner gemacht. Sie setzten ein Bürgerbegehren durch, das am 21. November 2004 ein Anti-Hochhäuser-Votum und eine generelle Höhenbegrenzung von 100 Metern brachte. Zwei von der Abstimmung unmittelbar betroffene Bauherren beugten sich, höchstwahrscheinlich zähneknirschend, dem Bürgerentscheid: Siemens speckte seine Hochhausprojekte in Obersendling ab. Der Süddeutsche Verlag plante seine Konzernzentrale in Steinhausen vollständig um.
Dieser Bürgerentscheid war eine Niederlage für die rot-grüne Stadtplanung, ein Schock für die Wirtschaft und eine ganz persönliches Waterloo für Oberbürgermeister Ude. Für die Öffentlichkeit gab man erst mal klein bei; dass aber das Votum die Gemüter der Verlierer nicht ruhen lässt, war abzusehen. Und so verwundert es mich keineswegs, dass nun, im zeitlichen Abstand von fast 1/2 Jahren, die Hochhaus-Diskussion wieder auflebt. Rot-grün formuliert vorsichtig: „Bei einigen Standorten in der Stadt sind die Planungen noch nicht abgeschlossen.“ Neue Türme sind also nicht ausgeschlossen, wenn Fragen nach architektonischer Qualität, Einfügung in die Nachbarschaft „zufrieden stellend“ beantwortet werden könnten. „Zufrieden stellend“ für wen? Für Stadtbaurätin Thalgott, für Bauherren, für OB Ude? Sie wollen aus ihren Fehlern bei der ersten Hochhausdebatte lernen und sich mit Argumenten besser gegen Kritiker rüsten. Die CSU hingegen will den Bürgerentscheid vom November 2004 auch weiterhin respektieren und nicht aufweichen.
Was mich selbst anbelangt, so habe ich mir nach langer Zeit wieder einmal von oben einen Blick auf „Uptown“ gegönnt. Bei der Möglichkeit weiterer Turmprojekte dieses Stils erfasst mich immer noch das kalte Grauen. Auch heute lautet mein ganz individueller, in den Augen der Glasmonolithen-Fans unbelehrbarer Kommentar: „Greislich, einfach nur greislich.“



FLIEGEN OHNE FLÜGEL
verspricht die BMG (Bayerische Magnetbahnvorbereitungsgesellschaft mbH) auf
ihrer Homepage. Einstieg in Richtung Zukunft propagiert Siemens im Gemeinschaftsunternehmen mit Thyssen Krupp.
Mit diesen Slogans wird der Transrapid vollmundig angepriesen. Für seine Befürworter gilt er als Meilenstein der Technologie. Geht man diesen Maximen auf den Grund, so stößt man tatsächlich auf nicht von der Hand zu weisende Vorteile dieser Hochgeschwindigkeitsmagnetschwebebahn. Sie schwebt berührungs- und verschleißfrei auf einem Magnetkissen. Ohne Reibungsverluste kommt sie ohne Rollen oder Räder aus, braucht keine Achsen, Getriebe oder störende Oberleitungen. Äestheten rühmen ihre Optik als herausragend schön. Ökologen geraten ins Schwärmen, denn mit ihr bleibt die Umwelt nicht auf der Strecke: sie ist flüsterleise (selbst bei Tempo 300 ist sie leiser als ein PKW mit 70 oder ein LKW mit 45 km/h), sie verbraucht wenig Energie ( bei einer Fahrt von 400 km/h etwa 6,4 Megawatt Strom = die Energie von vier bis fünf Windrädern) und sie produziert keinerlei Abgase oder andere Schadstoffe, da sie weder Benzin, noch Diesel oder Öl benötigt. Diese Spitzentechnologie verbindet sich für den Fahrgast mit höchster Bequemlichkeit: der Münchner und von überall in Bayern in unserer Stadt ankommende Reisende, die zum Flughafen wollen, checken am Hauptbahnhof ein, geben ihr Gepäck ab, steigen ein und sind 10 Minuten später bereits am Flugzeug.
Die S-Bahn legt die gleiche Strecke in 40 Minuten zurück. Aber es geht hier nicht darum, den Transrapid gegen die S-Bahn oder gegen das Auto auszuspielen. Bis zum Jahr 2015 erwartet der Flughafen etwa doppelt so viele Fahrgäste wie heute – über 50 Millionen Menschen pro Jahr. Um dieses Reiseaufkommen zu bewältigen, brauchen wir ein integriertes Verkehrskonzept, das alle Verkehrsträger einschließt und das Angebot spürbar verbessert. Die Autobahnen zum Flughafen müssen entlastet , die Infrastruktur gestärkt werden. Alle Verkehrsträger haben ihren Platz in einem vernetzten, gut aufeinander abgestimmten Verkehrssystem.
Überflüssig zu betonen, welche Vorbildfunktion die exzellente Shuttleverbindung des Transrapids in München für Flughäfen und Metropolen in aller Welt und welche Auswirkungen hin wiederum diese auf die deutsche Wirtschaft haben wird, wenn wir unsere Spitzentechnologie nicht nur wie bisher nach Shanghai, sondern weltweit exportieren können. Aber ohne bewährte Anschauung im eigenen Land wird mit keinen Auslandsaufträgen für uns zu rechnen sein. Und noch schlimmer: man wird unsere Technologie im Ausland nachbauen und wir schauen finanziell in die Röhre. Damit würden wir uns ein fatales Wiederholungserlebnis bescheren: wir haben zwar den Computer erfunden, gebaut wurde er indes im Ausland. Wirtschaftlichen Reichtum und Ruhm erwarben nur die anderen.
Die Magnetschwebebahn objektiv betrachten, heißt aber auch, die Argumente ihrer Gegner zu beleuchten. Für sie ist der Transrapid kein Meilenstein, sondern ein Millionengrab. Noch gut ist mir in Erinnerung, wie die Losung von Rot-Grün lautete: Kindergärten statt Transrapid, was den Eindruck beim Bürger erwecken sollte, dass die Stadt die Kosten für seinen Bau selbst aufbringen muss und die gewaltigen Summen doch besser in soziale Einrichtungen investiert werden sollen. Ude versuchte hier einen populistischen Dreh, der gänzlich an der Wahrheit vorbei geht. Die Kosten für den Transrapid tragen der Bund und die EU, nicht die Stadt!!!!!! Da dieser Fakt allmählich bis zu den Münchnern durchdrang, versuchen Ude und seine rot-grünen Mannen jetzt mit einem neuen Gegenvorschlag, den Flughafenshuttle zu verhindern. Die Express –S-Bahn wurde aus dem Hut gezaubert und auch gleich ein Name für sie gefunden: München Airport Express kurz MAEX. Nun könnte man fordern: das eine tun und das andere dabei nicht sein lassen, sprich Transrapid und Maex bauen, da beide Vorhaben, - ersteres über den Münchner Norden und letzteres über den Münchner Osten -, also örtlich weit entfernt voneinander fahren sollen. Der springende Punkt bei der Express-S-Bahn ist allerdings: wer finanziert sie? Denn für den Maex stellt weder Bund, noch EU, noch Bahn, noch bayerische Landesregierung Gelder zur Verfügung. Die leeren Stadtkassen verbieten jegliche Investition. Will vielleicht gar ein Milliardär sein Füllhorn über München ausschütten? Für den 5. April hat Ude die „größte bisher da gewesene“ Bürgerversammlung mit dem Bau des Transrapid auf der Tagesordnung angesetzt. Wollte sich Ude nicht als purer Populist enttarnen, sollte er an diesem Tag einen Privatinvestor für seine Express-S-Bahn präsentieren. Ist er dazu nicht in der Lage, bleibt der Maex ein rot-grünes Luftschloss, - mit einem schalen Nachgeschmack, der sich gegen die Stadtregierung wenden könnte. Die Münchner lieben nämlich politische Taschenspielertricks nicht allzu sehr ...



E I N  W I N T E R M Ä R C H E N
Es war einmal ein Winter im schönen Bajuwarenlande, in dem der Schneefall gar nicht enden wollte. Das goldglänzende Munichen verwandelte sich in eine Sinfonie in weiß. Alle Dächer schienen von Zuckerguss überzogen. Bäume und Sträucher beugten sich unter Frau Holles Flockenzauber. Die ganze Stadt versank in einer malerischen Idylle weißer Kristalle.
Wen allerdings das Abenteuer lockte, der brauchte nur auf die Strasse hinauszutreten. Ei, was war das für ein Spaß, über die Rutschbahnen aus Schnee und Eis dahin zu gleiten, – für Erdenbürger, die im örtlichen Zirkus als Akrobaten die Zuschauer erfreuten. Normalsterbliche lernten das Fürchten und manch Unglückseligen wurde in umliegende Hospitäler Einblick gewährt, während sich der Medicus ihrer gebrochenen Knochen annahm. Pflichtbewusste Werktätige litten gar sehr, denn wie zu ihrem Broterwerb gelangen? Ihre Autos waren kaum freizuschaufeln. Die Schneeberge hatten sich allzu hoch aufgetürmt. Der angebliche Segen der Bevölkerung, die öffentlichen Verkehrsmittel, kam teilweise ganz zum Erliegen. Die Arbeitsfront vermeldete alarmierende Absentenzahlen. In Fabrikhallen standen lediglich einzelne Versprengte herum, die wohl in unmittelbarer Nachbarschaft wohnten.
Die Not war groß zu Munichen, denn die Institution, gemeinhin als Stadtwerke bekannt, die allem hätte Abhilfe schaffen können, hatte sich offensichtlich der Naturgewalt tatenlos ergeben. Tapfere Stadtbewohner, die sich hinaus wagten, spähten und kreuzten und kreuzten und spähten, aber keine gestreute Strasse in den Wohnvierteln weit und breit. Bus- und Trambahnverkehr brach völlig zusammen. Die verzweifelten Bürger, die Unmengen an Talern für Brennstoff an die Stadtwerke abgeführt hatten, um nicht in ihren Behausungen zu erfrieren, fragten sich in diesem Chaos, wo die ganzen Säcke voll Dukaten wohl hingewandert sein konnten? In den Kauf des Stachus Untergeschosses, in die Olympia GmbH, in die leere Stadtkasse? Jedenfalls nicht in Schienenraumfahrzeuge. Man rief in diesem Chaos nach Krisenmanagement, doch bei den Stadtwerken fand man nur Krise und kein Management. Da ein Volksaufstand befürchtet werden musste, alarmierten die so reichen, aber gänzlich überforderten Stadtwerker die Freiwillige Feuerwehr und bettelten um Hilfe. Die wäre auch gern ausgerückt, aber es bestand Schneekettenpflicht und die städtischen Löschfahrzeuge hatten keine. Für ein Fahrzeug trieb man Schneeketten noch aus Bundeswehrbeständen auf. Es waren nur leider die falschen. Nun wollte man dennoch ausrücken, aber Schneemassen auf dem Hof zur Strasse hin machten dieses Ansinnen unmöglich . Da nahte endlich Rettung in Form von zwei Fahrzeugen des Winterdienstes. Aber ach, sie begaben sich zum Gaswerk gegenüber, das am Tag des Herrn überhaupt nicht in Betrieb war. Ein wunderbares Schauspiel war von der Feuerwache aus zu beobachten. Von den beiden Fahrzeugen, - beide ohne Schneeketten -, rutschte das erste gegen die Einfahrtsmauer und blieb liegen. Die Feuerwehr, die eigentlich der Hilfe bedurfte, erbarmte sich, schaufelte das Fahrzeug frei, machte es wieder flott und beide Fahrzeuge zogen sang- und klanglos ab. Also schaufelte sich anschließend die Feuerwehr selbst frei und fuhr Zeitdimensionen verspätet los. Nun sollte am darauf folgenden Tag die Trambahnlinie 19 wieder zum Laufen gebracht werden. In der Landeshauptstadt aber war kein passendes Schienenraumfahrzeug vorhanden. Es musste aus dem fernen Frankenlande, genauer aus Nuremberg, angekarrt werden. Bis dahin schaufelten und schaufelten, Stunde um Stunde, Freiwillige Feuerwehr, Berufsfeuerwehr und Technisches Hilfswerk. Und zu allem Überfluss flatterte drei Tage später, - Tauwetter hatte mittlerweile eingesetzt und der Schnee auf dem Dach war nur noch wenige Zentimeter hoch -, die Meldung herein, dass das Gerätehaus besagter freiwilliger Feuerwehr von Munichen Mitte einsturzgefährdet sei ob der Schneemassen. In sprichwörtlichem Gehorsam wurde das Gerätehaus sofort gesperrt. Ein heller Kopf warf aber einen Blick auf den kaum mehr vorhandenen Schnee und hob die Sperrung wieder auf. Die Meldung war dummerweise tagelang über Behördenkanäle unterwegs gewesen und, als die Gefährdung tatsächlich bestanden hatte, waren im Gerätehaus die Recken munter an ihren Fahrzeugen zu Gange …
Auch dieser Winter ging irgendwann vorüber und der Frühling hielt im geplagten Munichen Einzug. Dass der Stadtregierung nicht nur Streusalz, Schneeketten und Schienenraumfahrzeuge im entscheidenden Moment fehlen, sondern möglicherweise auch mit Hirnschmalz geschmierte Bahnen im Oberstübchen, zeigt der Umstand, dass die Stadtwerker ungehindert so weiterwurschteln durften wie bisher und wenn sie nicht gestorben sind, dann leeren sie auch heute noch die Geldbeutel der Bürger, um sie dann im Winter durch Vollversagen allein zu lassen.



DAS ULTIMATIVE POWER-PAKET …
... unserer Zeit: Die Frau, the woman,
la femme, la donna
Wer an dieser Antwort frevlerisch etwaige Zweifel hegt, der sollte sich dieser unumstößlichen Wahrheit in kleinen Schritten nähern.
Für den Anfang genügt ein kurzer Blick in das Kinderzimmer zweier Sprösslinge. Der Sohnemann lässt einen Zug endlos im Kreis über die Schienen seiner Eisenbahn fahren, sitzt stundenlang hingerissen und selbstvergessen an seinem Lolli lutschend vor diesem, für ihn faszinierenden Schauspiel. Seine kleine Schwester bittet ihn säuselnd darum, auch am Lolli lutschen zu dürfen und strahlt ihn an dabei an wie einen Mini-Apoll des Olymp. Doch der selbsternannte Bahnvorsteher ist gegen diese Umgarnungsversuche mangels Reife unempfindlich und reagiert nicht. Sie nähert sich gelassen den Schienen, stößt mal kurz den Zug von denselben, reißt ihm den Lolli aus dem Mund und macht sich mit ihrer Beute geschwind vom Acker. Bis der völlig verdutzte Bruder reagiert, ist sie außer Reichweite.
Die Eva von heute ist also schon als Dreikäsehoch Circe und Amazone zugleich. Denn sie wird nicht mehr von Windelbeinen an auf gehorsame Puppe getrimmt, sondern darf erziehungstechnisch emanzipiert sein, sobald sie sprachlich „Will“ und „Meins“ ihrer Umwelt entgegenschleudern kann.
Wir überspringen ihre Schul- und eventuell Studienzeit, in der sie gleichrangig ihren männlichen Klassenkameraden und Kommilitonen um einen guten Abschluss gerungen hat. Nun ist sie erwachsen und im Beruf. In ihren Zwanzigern verlangt ihr das Leben mehrere Grundsatzentscheidungen ab: stur auf Karriere hinarbeiten und/oder Mann zum Heiraten suchen und wenn verheiratet, dann Kinder oder nicht; wenn Kinder, dann als Mutter und Hausfrau zu Hause oder Familie und Beruf gleichzeitig. Die cleverste Eva, die mit reichlich Circe-Genen ausgestattet ist und ihr Heil nicht im täglichen Malochen an der Arbeitsfront sieht, wird sich auf die – finanzielle – Sonnenseite des Lebens schlagen, einen betuchten Mann wählen, mit ihm hilfreiches Hauspersonal gleich mit heiraten, möglicherweise Charity-Lady werden und ihrem Mann den Rücken freihalten, damit seinem Erfolg ja nichts im Wege steht. Das Gros der Frauen wird sich aber zu einem Spagat anschicken, der es in sich hat. Sie wird heiraten, Kinder bekommen und berufstätig sein.
Werfen wir einen Blick in ihren Alltag: sie steht frühmorgens auf, macht für alle Frühstück, bringt den Kleinsten ihrer Nachkommenschaft in den Kindergarten, den Größeren in die Schule und wetzt zum Arbeitsplatz, selbstredend gepflegt und nach Möglichkeit topfit, denn die Konkurrenz schläft nicht. Am Abend, wenn sie wie die Vogelmama wieder im Nest einfliegt, wollen die hungrigen Mäuler gestopft werden und der Gatte möchte seinen neuesten Coup im Büro dringend los- und dafür bewundert werden. Sie startet am Freitag auch nicht in ein Wellness Wochenende, sondern in den Supermarkt am Eck zum Wocheneinkauf. Sie schleppt die Tüten nach Hause, dass die Arme fast am Boden schleifen. Statt Saturday Night Fever bringt sie die Wohnung auf Vordermann, chauffiert den Sohnemann zu irgendeiner Sportaktivität, füllt Trommel um Trommel der Waschmaschine und sinkt irgendwann ermüdet in die Kissen. Bevor sie matt entschlummert, fragt sie sich gelegentlich, ob nicht ihre Stirn das Wort „Idiot“ ziert. Aber dann trägt der Ehemann einmal den Müll hinunter, sagt ihr, wenn er mit einer Erkältung auf dem Totenbette liegt „Du bist die Beste! Wie du das alles nur schaffst!!!!“, Klein-Susi drückt ihr ein dickes Dankesbussi für ein von Mami verfasstes Deutsch-Referat auf die Backe, im Job bekommt sie als perfekte Marketingfrau den Abteilungsleiterposten – und sie ist glücklich, strahlt, tief im Innern überzeugt, dass jeder einzelne Klimmzug der Mühe wert ist.
Bis zur Lebensmitte fährt sie ein Langstreckenrennen, das jeden Olympiarekord in den Schatten stellt, hat unzählige Vielseitigkeitsprüfungen mit Auszeichnung bestanden. Die allseits bewunderten Zehnkämpfer sind dagegen ein ganz müder Abklatsch. Sie geht als ruhmreiche Siegerin durch die Ziellinie, denn sie hatte für Mann und Kinder, wie Reinhard Fendrich singt, ein Herz wie ein Bergwerk quer durch alle Ups and Downs, bei ihren Erfolgen jubelnd Beifall geklatscht, bei Niederlagen sie warm im Arm gehalten, als Florence Nightingale fiebrige Nächte ihrer Liebsten durchwacht, am Arbeitsplatz mit kontinuierlicher Selbstdisziplin Karriereleitern erklommen.
Nun ist sie in einem Alter, von dem so intelligente Geister behaupten, dass sie eher von einem Tiger angefallen wird als noch einmal einen Mann kennen zu lernen. Ist sie immer noch glücklich verheiratet, gehen derartige Aussagen an ihr unbemerkt vorbei. Sieht das Leben sie als Witwe oder Geschiedene, kommt sie ins Grübeln. Die Kinder sind erwachsen, im Job ist alles erreicht. Sie hat Zeit durchzuatmen - und bringt sich nahezu masochistisch als Frau auf den Prüfstand. Sogar die Selbstbewusstesten unter ihnen werden plötzlich für Anti-Aging Reklame empfänglich, stehen nach einem langen Arbeitstag nachts im Bad und fragen sich, ob sie zu so später Stunde nicht rubbelnderweise den Kampf gegen die Cellulites aufnehmen sollen, machen die Waage zu ihrem täglichen Quälinstrument und müssen registrieren, dass oft respektable, attraktive Herren mit den berühmten grauen Schläfen sich bei jungen Frauen zum Affen machen in der Hoffnung, selbst noch einmal jung zu werden.
Ein Mann, dem die Medien ständig vor Augen führten, dass nur schön und knackig begehrenswert ist, würde verzweifeln, in Selbstmitleid zerfließen und zu allem greifen, was Trost verspricht. Nicht so die lebensgestählte Eva. Nach kurzer Sinnkrise eliminiert sie alles in ihr und um sie herum, was sie herunterzieht, macht sich einen Schlitz ins Kleid und findets ganz wunderbar. Sie geht die Sonne putzen, erinnert sich an ihren ersten Erfolg damals im Kinderzimmer. Nur dieses Mal hebt sie so ganz nebenbei die Jungladies von den Schienen, wischt jegliche Lollies vom Tisch und macht den Mann ihrer Wahl zum Gott – nicht nur für eine Nacht. Sie lebt ihm Faszination vor, - ein dauerhaftes, unwiderstehliches Angebot vom definitiv ultimativen Power-Paket des 21. Jahrhunderts.



DIE VISION DER BIO-RHYTHMIKER ...
... ist der münchenweite Schulanfang um 9 Uhr. Die Wagemutigsten unter ihnen träumen gar vom bayernweiten Läuten der Schulglocke im 21. Jahrhundert um revolutionäre 3600 Sekunden später als die ganzen hundert Jahre vorher.
Ihren Vordenker, den baden-württembergischen Ministerpräsidenten Oettinger; ließ die Vorstellung von übermüdeten Pennälern nicht ruhen, die sich um 8 Uhr morgens mit letzter Kraft in die heiligen Hallen der Bildung schleppen, um dann in der Klasse mit einem herzzerreißenden Gähnen den Kopf auf ihren Tisch sinken zu lassen, vom Schlafbedürfnis schier danieder gestreckt. Der Lehrer steht vor einem Bild des Jammers, ausgelöst vom gnadenlosen Bio-Rhythmus, der unschuldige Kinder vor 9 Uhr morgens in Morpheus Arme zwingt. Vielleicht reiht sich ja der Lehrer gleich in diese Schnarchsinfonie mit ein, da dessen bio-rhythmische Uhr auch nicht anders tickt wie die seiner Schutzbefohlenen. Soll vielleicht eine ganze Generation von wissensdurstigen Schülern samt lehreifrigen Pädagogen ihren Körper mit Frühaufstehen malträtieren und das auch noch völlig umsonst, da die friedlich dösende Physis das Hirn am Aufwachen hindert?? Diesem anscheinend durchschlagenden Argument konnte sich auch die FDP im Münchner Rathaus nicht verschließen, sprang auf diesen Zug auf und brachte einen entsprechenden Antrag ein.
Nun kann auch ich als Konrektorin einer weiterführenden Schule ein Lied von blassen, bleichen Schulranzenmohikanern singen. Allerdings rühren ihre Triefaugen nicht vom niedergeknüppelten Bio-Rhythmus her. Sie sind Ergebnis vom nächtlichen „Sandln“, wie wir Altbayern sagen, von Schülern neupsychologisch auch „Schlafstörungen“ genannt. Aber auch die ausgeschlafenen Schüler müssten in unserer Ganztagesschule spätestens am frühen Nachmittag in den Seilen hängen , denn dann nähert sich die Bio-Rhythmus-Kurve ganz frech der Null-Linie. Unser Bildungsanspruch bewegt sich allerdings nicht in Kurven. Er ist spätestens seit der Pisa-Studie und der angespannten Situation am Arbeitsmarkt immer gleich hoch, was für die ausgefallene(n) Stunde(n) am Morgen einen ausufernden Nachmittagsunterricht aller (!) Schulformen zur Folge hätte. Mit der Eigenständigkeit der Entscheidung , die Schüler entweder mittags zu entlassen oder aber ein Mittagessen zu stellen und danach nahtlos in die Nachmittagsbetreuung zu gehen, wäre es vorbei. Mir klingen noch die Klagen der Gegner des achtstufigen Gymnasiums in den Ohren, die gerade die vielen neuen Nachmittagsstunden anprangerten.
Außerdem lassen die Bio-Rhythmiker jegliche Lebenswirklichkeit außer acht. Und die sieht so aus, dass die meisten Mütter, die einem Broterwerb nachgehen, an ihrem Arbeitsplatz vor 9 Uhr morgens anwesend sein müssen. Bei späterem Schulanfang wäre die viel beschworene Vereinbarkeit von Familie und Beruf wieder einmal zum Lippenbekenntnis verkommen. Der Ausweg daraus könnte ketzerisch lauten, frei nach den Forderungen der Wirtschaft nach Flexibilität und Innovation, dass die Schulen neben den dann obligatorischen Speisesälen für das Mittagessen auch gleich Schlafsäle für die Grundschüler einrichten, die von ihren berufstätigen Müttern vor 8 Uhr morgens gebracht werden und dann ihren wohlverdienten, bio-rhythmischen Schlaf bis 9 Uhr nachholen. Oder denkt man eventuell heimlich an eine Familienzusammenführung der ganz anderen Art? Soll die Omi frühmorgens anreisen, um die Betreuung der Erst- und Zweitklässler zu übernehmen oder beim älteren Kind den Salto rückwärts ins Bett zu verhindern, sobald die Mama das Haus verlassen hat?
Der Lustgewinn, morgens eine Stunde später aus den Federn zu steigen, würde in jedem Fall einen immensen Aufwand bedeuten, der an den Nerven der berufstätigen Mütter und der Schulen samt Personal zerrte. Ganz zu schweigen von der Frage, die in der ganzen Debatte bisher kaum gestellt wurde: zu welcher frühabendlichen Stunde soll der Schüler nach einem langen Tag mit seinen Hausaufgaben beginnen? Vom Lernen für Schulaufgaben und Prüfungen will ich erst gar nicht reden. Der Druck auf unsere Kinder würde wachsen.
Da die CSU-Stadtratsfraktion all diese Konsequenzen in ihrer Ganzheitlichkeit im Blick hatte, erteilte sie dem FDP-Antrag und den revolutionären 3600 Sekunden längeren, morgendlichen Schlummerns eine klare Absage.



DIE ZWEITWOHNUNGSSTEUER UND IHRE OPFER
Welch ein Freudenjauchzen muss auf den Gängen der rot-grünen Stadtspitze im Rathaus erklungen sein, nachdem die glorreichen Idee, die leeren Kassen durch die Einführung der Zweitwohnungssteuer mit Euros zu füllen, sich in den Gehirnen von SPD und Bündnis 90/die Grünen/Rosa Liste eingenistet hatte und man bereits den warmen Geldregen förmlich vor sich nieder prasseln hörte. In den Augen müssen die Dollarzeichen wie bei Dagobert Duck aufgeleuchtet sein und die politisch linke Seele erlebte einen inneren Parteitag angesichts des hehren, sozialen Ansinnens, die Reichen endlich abzocken zu können. Im Visier hatte Rot-Grün den Auswärtigen, der sich in München eine Theaterwohnung leistet, in unsere Stadt zum Opernbesuch einfliegt, in seinem Domizil übernachtet, dann gen Heimatstadt wieder abdüst und dort gemütlich weiter sein Geld zählt.
Würde die Zweitwohnungssteuer ausschließlich diese privilegierte Kaste treffen, könnte die Stadt mangels Masse im Höchstfall ihr geliebtes Busbeschleunigungsprogramm um weitere 15 Sekunden ausbauen. Realität ist aber, dass ab 1.Februar sozial ungerecht ganz andere Schichten zur Kasse gebeten werden. Der junge Polizist, der nach München zwangsversetzt wurde und mit Fug und Recht als Geringverdiener bezeichnet werden kann, die Krankenschwester, die auf der Suche nach einem Arbeitsplatz nach München kam und eine absolute Normalverdienerin ist und schließlich der Student, der an unseren Hochschulen sich eingeschrieben hat, weil er an seinem Heimatort entweder erst gar keine Studienmöglichkeit vorfindet oder bereit ist, in das Bildungsangebot unserer Universität für einen guten Start in sein späteres Berufsleben zu investieren. Diese drei Gruppen stellen die Hauptbetroffenen der neuen Steuer dar. Und das Gesetz per se lässt keine Ausnahmen zu!
Befasst man sich näher mit der Satzung, werden erst die ganzen Auswüchse dieser angeblich so segnungsreichen Steuer sichtbar. Da unter den Wohnungsbegriff auch „einzelne Zimmer mit der Möglichkeit der Benutzung von Einrichtungen (Bad, Küche) in der übrigen Wohnung“ fallen, zahlt auch der Münchner, der in einer anderen Stadt studiert und zu Hause noch als Zweitwohnsitz sein Kinderzimmer im elterlichen Zuhause hat, Zweitwohnungssteuer für sein Kinderzimmer!!!! Ebenso blutet finanziell der Münchner, der an der Peripherie wohnt und im Zentrum irgendwo ein Zimmer hat, in dem er nach einem langem Arbeitstag übernacht, um auch morgens wieder schnell an seinem Arbeitsplatz zu sein. Wie gründlich Verfasser von Satzungen sind, erkennt man daran, dass auch der Schrebergartenpächter nicht vergessen wurde. Als Zweitwohnung gelten nämlich auch „Schrebergartenhäuschen bei entsprechender Ausstattung soweit eine Übernachtung möglich und nach der Nutzungssatzung zulässig ist“!!!!! Und schließlich zählen zu Zweitwohnungen ebenso „Mobilheime, Wohnmobile; Wohn- und Campingwagen, wenn sie nicht oder nur unwesentlich fortbewegt werden“!!!!! Wie kann sich auch ein Münchner Vater erdreisten, durch ein Wohnmobil mit der ganzen Familie billiger Urlaub machen zu können, ohne der Stadt von der Kostenersparnis etwas abzugeben?!
Da Steuern die unangenehme Eigenschaft haben, nicht als Sterntaler von selbst auf die Behörden nieder zu regnen, ist ein ungeheurer Verwaltungsaufwand bei ihrer Erhebung von Nöten. Um 9 % der Nettomiete einer Zweitwohnung zu kassieren (bei Eigentum wird eine hypothetische Miete von 10,28 Euro pro Quadratmeter veranschlagt), muss die Stadt 2006 schlappe 2,2 Mio Euro für Personal- und Sachkosten ausgeben. In den Folgejahren wird mit einem laufenden Bedarf von 1,4 Mio Euro gerechnet. Und dies ist nur eine vorsichtige Schätzung des Mindestaufwandes. Der große Posten der erforderlichen Datenverarbeitung mit entsprechender Software ist in diesen Summen noch gar nicht enthalten!
Die CSU-Fraktion im Rathaus appellierte vergeblich an die Stadtspitze, diese unsägliche Steuer fallen zu lassen. In der Vollversammlung vom 25. Januar wurde die CSU von der rot-grünen Mehrheit überstimmt und dadurch die Zweitwohnungssteuer ab 1. Februar festgeschrieben. Übrigens, wie lautet gleich wieder die Eigenwerbung der SPD? Wem es bei dieser Steuer entfallen sein sollte: „Wir, die SPD, sind die Partei des kleinen Mannes und die personifizierte, soziale Gerechtigkeit!“



CHRISTLICH-SOZIAL – Was ist das?
In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts ersann der Münchner Universalgelehrte Franz von Baader (1765-1841) die Wortverbindung „christlich-sozial“ gleichermaßen als Überbegriff für seine Philosophie der christlich verstandenen Nächstenliebe. Deren Wurzel liegt in der Freiwilligkeit jedes Einzelnen. Sie lässt den Menschen in Rücksichtnahme auf die Gemeinschaft agieren ohne auf die eigene Persönlichkeitsentfaltung zu verzichten, sich sozial im Sinne von gerecht verhalten, nicht im Sinne von Gleichschaltung, sondern trägt den Unterschieden zum
Nutzen aller Rechnung.
Im vergangenen Jahrhundert hat sich die Christlich-Soziale Union das Prinzip Baaders in ihren Parteinamen geschrieben und als Kernbegriffe Personalität, Solidarität und Subsidiarität genannt. Die Definition dieser Schlüsselwörter lautet für mich: die Personalität sieht das Individuum und seine Entfaltung im Mittelpunkt, die Solidarität, deren Ursprung im Streben nach Zusammenhalt der Individuen und Gruppen liegt, bedeutet für den Einzelnen, einen Beitrag für die Gemeinschaft zu leisten und Subsidiarität sorgt dafür, dass durch finanzielle Mittelbereitstellung das Überleben der Schwachen und Schutzlosen der Gesellschaft gesichert ist und wir nicht den Gesetzen der freien Wildbahn huldigen, die ein Überleben nur der Stärksten vorsehen. Diese politischen Grundsätze lassen sich allerdings nur real umsetzen, wenn sich der Einzelne in eigener Entscheidungsfreiheit diesen Kernelementen des christlichen Menschenbildes, das auch Toleranz dem Andersartigen gegenüber einschließt, verpflichtet fühlt, - vom Politiker über den Vorstandsvorsitzenden eines Konzerns bis zum
„kleinsten“ Arbeitnehmer.
Schauen wir uns in diesem, unserem Lande um, so müssen wir aber feststellen, dass Personalität sich von der gesunden Persönlichkeitsentfaltung zum weitverbreiteten, regelrechten Ego-Trip hin entwickelt hat, wobei die Solidarität der Gemeinschaft gegenüber sich in der vom Gesetzgeber erzwungenen Erfüllung von Vorschriften erschöpft; und diese Vorgaben werden noch trickreich umgangen, wenn man die ausufernde Schwarzarbeit und das Unwesen, das im Gesundheitssystem u.a. mit den Krankenkassenausweisen betrieben wird, bedenkt. Der Einzelne sucht nahezu brachial seinen eigenen Vorteil ohne jede Rücksicht auf den Nächsten. In der Wirtschaft sind Konzerne zu beobachten, deren ganzes Trachten auf Gewinnmaximierung ausgerichtet ist und die, anstatt soziale Verantwortung zu übernehmen, einen bisher nicht da gewesenen Stellenabbau betreiben. Die Subsidiarität schließlich wird vielerorts dazu benutzt, unsere Sozialsysteme gänzlich auszuhöhlen. Wir haben in unserer Stadt schon die dritte Generation von Sozialhilfeempfängern, für die Eigenverantwortung und Selbständigkeit absolute Fremdwörter sind. Junge, arbeitsfähige Menschen, die es vorziehen, es sich in der sozialen Hängematte bequem zu machen, gefährden die Finanzierung von Hilfsprogrammen für Behinderte, Kranke und Arme der älteren Generation, die schuldlos auf unsere Unterstützung angewiesen sind. Jeder Volkswirtschaftler im ersten Semester weiß, dass in einer egozentrischen Gesellschaft alle verlieren. Das andere Extrem, der Kommunismus, war ebenso zum Scheitern verurteilt, da er der menschlichen Struktur, die auf Vergleich ausgerichtet ist, zuwider läuft. Das Diktat der Gleichschaltung aller wird auf Dauer nicht akzeptiert und abgelöst.
Jeder soll nach seinen individuellen Fähigkeiten zu seinem eigenem Nutzen und dem der anderen handeln. Dabei muss ich immer an eine Münchnerin denken, die nie ein Bundesverdienstkreuz erhalten hat, immer im Stillen wirkte, aber für mich eine ideale, tatkräftige Personifizierung des Christlich-Sozialen darstellt. In den ersten Siedlungen für Arme, die noch keine Sozialhilfe im eigentlichen Sinn geschweige denn Hartz IV kannten, arbeitete sie im örtlichen Kindergarten. Jeden Morgen auf ihrem Weg in die Arbeit, sammelte sie in aller Frühe den „Stinker-Rudi“ auf. Dieser verwahrloste Junge kannte von zu Hause weder Zuwendung noch die Segnungen moderner Hygiene, was ihm von den anderen Kindern seinen despektierlichen Spitznamen eingetragen hatte Vor Dienstantritt steckte sie ihn in die Badewanne, wusch seine Kleidung und ganz nebenbei nahm sie ihn in den Arm. Diesen Service stellte sie auch nicht ein, als er in die Schule kam. Dem aber nicht genug: aus einem Münchner Krankenhaus holte sie ein behindertes Kleinkind, das dort, sagen wir kurz gefasst, von den Eltern vergessen worden war und chancenlos vor sich hin dämmerte. Sie schaffte diesem Mädchen als Pflegemutter ein Zuhause, zog es auf, förderte es und machte eine spätere, selbständige Existenz mit eigenem Broterwerb möglich. Ich habe das Christlich-Soziale eingangs vom theoretischen Prinzip her definiert.
Diese Münchner Kindergärtnerin hat es gelebt.



M Ü N C H E N  2 0 0 6
Die drei Großereignisse, die das kommende Münchner Jahr medientechnisch prägen werden, sind der Öffentlichkeit bereits bewusst: Die Fußball-Weltmeisterschaft im Sommer, der Papst-Besuch im Herbst und die Einweihung der neuen Hauptsynagoge im November.
OB Ude sagt, dass wir die Eröffnung der Fußball-Weltmeisterschaft sowie sechs spannende Spiele nur deshalb in unserer Stadt erleben können, weil wir die attraktivste Arena zu bieten haben und verweist dabei auf den „Lenkungskreis Stadion“, den er bis zur Eröffnung der Allianz-Arena letzten Sommer geleitet hat. Bei diesen Aussagen sieht man Ude buchstäblich als Vater der Arena vor sich. Tatsächlich aber war er es, der sich anfangs am heftigsten dem Bau eines neuen Stadions widersetzt  und erst  dann eingewilligt hat, als er sich durch den Druck der Öffentlichkeit dazu gezwungen sah. Diesen Verlauf haben schon viele Bauvorhaben in München genommen: zuerst wehrt sich der OB mit Händen und Füßen, dann sieht er für sein Veto kein Land mehr, der Bau wird durchgezogen und bei der Einweihung stellt er sich vorne hin und präsentiert sich als der eifrigste Verfechter des Vorhabens. Dies funktioniert allerdings nur bei all jenen Bürgern, die unter Amnesie leiden ...
Der Papst-Besuch erfreut nicht nur alle gläubigen Katholiken. Wenn eine große Tageszeitung mit der Schlagzeile: „Wir sind Papst“ das Gefühl der Deutschen wiederspiegelte, dann freuen sich die Münchner schlechthin auf seinen Aufenthalt im kommenden Herbst. Allerdings gibt es auch hier einen etwas peinlichen Aspekt, - zumindest für den Stadtrat. Schon vor Jahren, als Papst Benedikt noch Kardinal Ratzinger war und in unserer Stadt amtierte, wurde im Rathaus überlegt, ihm die Ehrenbürgerwürde zu verleihen. Rot-Grün entschied sich damals dagegen. Nun ist er Chef in Rom und die Diskussion um die Ehrenbürgerschaft kommt wieder hoch,  - ziemlich leise und nahezu unbemerkt, da Rot-Grün sich wegen ihrer ersten Verweigerung verlegen windet ...
Neben den erwähnten, ganz großen Events werden sich 2006 folgende Neuerungen im Münchner Leben bemerkbar machen: Die Altstadt und das angrenzende Hauptbahnhofviertel bekommen ein modernes Parkleitsystem mit Restplatzanzeige. Es soll unnötigen Parksuchverkehr verhindern und Autofahrer zügig auf dem kürzesten Weg zu einem freien Parkplatz lenken. Ende April/Anfang Mai wird im Olympiapark das private Sealife-Centre eröffnet. Im Rathaus hofft man, dass es sich zu einem Publikumsmagneten entwickelt. Eine neue Attraktion hält der allseits beliebte Tierpark ab Sommer bereit. Nach Bau von Urwaldhaus und Dschungelzelt wird die Orang-Utan-Anlage eröffnet. Außerdem steht die U-Bahnlinie U 6 nach Garching  vor ihrer Fertigstellung. Ab Oktober wird die U-Bahn  zum ersten Mal zwei Städte miteinander verbinden. Nur ihr Name muss noch gefunden werden. Da die U 6 durch ihre Streckenführung Universitäten beider Städte ansteuert, sollte, laut Ude und Ältestenrat, die Benennung das Hochschulwesen betonen. „Uni-Express“ , wie vielfach vorgeschlagen, kommt allerdings nicht in Frage, da missverständlich ...
Eines der größten Streitthemen 2006 wird der Transrapid, - für seine Befürworter ein „Meilenstein“, für seine Gegner ein „Millionengrab“. Die öffentliche Auslegung der Planungsunterlagen wird am 19. April beginnen, gefolgt von einer zentralen Bürgerversammlung Ende April/Anfang Mai: die Bürgerschaft soll mitentscheiden. Deren Votum wird aber nur umgesetzt, wenn es dem OB genehm ist. Als die Bürger gegen den Bau der Moschee am Gotzingerplatz stimmten, tat er dieses Ergebnis als Empfehlung ab und entschied gegen den Bürgerwillen ...
Was dem Münchner in diesem Januar unmittelbar an den Geldbeutel geht, sind die Preissteigerungen, die ein nicht unerhebliches Loch in seine Finanzen reißen, sei es, dass er den MVV nur nützen kann, wenn er die saftige Teuerung mitträgt, sei es, dass er zu Hause in den eigenen  vier Wänden frieren muss, wenn er die neue und so- und sovielte Strom- und Gaspreiserhöhung seit 2004 finanziell nicht mehr verkraften kann. Die Stadtwerke wollen nach dem Stachus-Untergeschoss die Olympia Park GmbH kaufen. Derartige Vorhaben werden aus der Bürgerabzocke mit den satten Gewinnen aus Strom und Gas finanziert! Düster sieht es auch aus, wenn er in ein städtisches Krankenhaus sich begibt, denn dort sieht er sich mit einer Erhöhung der Nebenkosten zu seinen Lasten konfrontiert. Das Klinikum Bogenhausen z. B. hebt die tägliche Grundgebühr des Telefons um 25 Prozent und die des Fernsehgerätes ebenfalls um 25 Prozent an. Die städtische Klinikum GmbH leidet unter ihrer schlechten finanziellen Ausstattung und die Krankenhäuser halten sich an die Patienten, um etwas Geld in ihre schwächelnden Kassen zu bekommen ...
Trotz der hohen Kosten, die viele zum Wegzug bewegen, bleibt München eine wunderschöne Stadt und ich bin fest zum Ausharren in unserer Metropole entschlossen. Schließlich will ich mich u.a.  an unseren; eingangs erwähnten, Großereignissen 2006 direkt und ohne Anreise erfreuen können.


ALL ÜBERALL AUF DEN TANNENSPITZEN ...
... setzte mein Vater an und ich fiel prompt ein „sah ich goldne Lichtlein blitzen“. Mit dieser Gedichtzeile begann das alljährliche Ritual des Wartens aufs Christkind meiner Kindheit. Wir hatten den Tannenbaum geschmückt und meine Mutter verbannte den Rest der Familie: meinen Vater, meine Schwester und mich in die Küche, da sie dem Christkind die Möglichkeit geben wollte, im Wohnzimmer in Ruhe seine Gaben auf dem dafür aufgestellten und mit herrlichen Weihnachtsdecken dekorierten Tisch auszubreiten. Ich begab mich immer zum Fenster, um die Lichter draußen zu bewundern, die Schneeflocken sanft fallen zu sehen. Mein Vater hielt mich im Arm und als ehemaliger Schauspieler (und nun Regisseur) zitierte er auswendig ganz wunderbar die schönsten Weihnachtsgedichte, manchmal auch Auszüge aus Thomas „Heiliger Nacht“, die er mit solcher Intensität seinen Töchtern vortrug, dass vor unseren Augen die Herbergssuche Gestalt annahm, die kalte Winternacht in Bethlehem, in der Joseph und die hochschwangere Maria in ihrer Armut und unfähig eine Unterkunft zu bezahlen in jeder Herberge weggeschickt wurden und schließlich als Obdach Zuflucht in einem Stall nahmen, in dem der Erlöser auf einfachem Stroh geboren wurde. Gänzlich erschüttert von der Geldgier und der Erbarmungslosigkeit der Bethlehemer Wirte und die Kälte jener Winternacht auf den Straßen förmlich auf meiner Haut spürend, genoss ich die Wärme, Sicherheit und Geborgenheit dieser Stunde in unserer Küche immer ganz besonders, fühlte mich stets privilegiert und rundherum gut aufgehoben. Und als dann noch das traditionelle Glöckchen aus dem Wohnzimmer erklang und mit ihm vom Plattenspieler "Maria durch ein Dornwald ging“, war mein Glück absolut perfekt, denn die Tür zum Wohnzimmer ging auf, und das Lichtermeer aus echten Kerzen vom Weihnachtsbaum und überall drapierten Kerzenleuchtern ließ alljährlich mein Kinderherz gleich mit erstrahlen. Dann ging es zum Gabentisch und das herrlichste war das Aufreißen des Geschenkpapiers, um die Schätze darunter zu sichten, an sich zu drücken und in Besitz zu nehmen. Beim anschließenden Weihnachtsschmaus am festlich gedeckten Esstisch ließ es sich in der allgemeinen Wonne mein Vater allerdings niemals nehmen, auf die Obdachlosen aufmerksam zu machen, auf all jene, die nichts zu essen haben, auf schwelende Konflikte hinzuweisen, die beim Fest der Liebe ausbrechen und wie viele sich wohl in der Weihnachtsnacht gegenseitig den Schädel einschlagen, - und wie gut es uns geht.
Heute bin ich die Mutter, die versucht, auf ihre mittlerweile erwachsenen Töchter am Weihnachtsabend immer noch die gleiche Atmosphäre der Wärme, Geborgenheit und Sicherheit zu übertragen, die ich damals zu Hause genießen durfte. Meine Eltern leben nicht mehr. Ich vermisse sie sehr, höre, während ich diese Zeilen schreibe, meinen Vater, wie er mit seiner sanften Stimme die Gedichte rezitiert, sehe das Lichtermeer vor mir, das Strahlen meiner Mutter über die Freudenjauchzer ihrer Tochter beim Anblick ihrer Geschenke, kann noch ihre zutiefst liebevollen Umarmungen fühlen. Einen Weihnachtsbaum wird es bei uns leider nicht geben, denn unsere Katzen haben Jahre zuvor mehrere in die Horizontale befördert und ich habe schließlich klein beigegeben. Auf die Terrasse stelle ich auch keinen, denn unser Hund bellt ihn aus unerfindlichen Gründen herzzerreißend und zur Nervenbelastung meiner Nachbarn ausdauernd an. Aber das Glöcklein von damals wird erklingen, „Maria durch ein Dornwald ging“ wird erschallen und ich werde, wie so oft, Gott dankbar sein, dass er mir meine Kinder geschenkt hat und sie um mich sind. Gerade höre ich vom Arbeitszimmer aus, wie sie im Haus sich lachend unterhalten. Die Liebe, die ich dabei für sie empfinde, ist so stark, dass ich meine sie sogar körperlich im Herzen zu spüren. Mit dem Lachen meiner Töchter und ihrer Liebe für mich gehört mir die Welt, - nicht nur an Weihnachten, sondern an jedem Tag des Jahres.



„EIN MEILENSTEIN DER SCHANDE“...
... sei die 1000. Hinrichtung seit Wiedereinführung der Todesstrafe 1976 in den USA – so der Kommentar eines Verteidigers von Kenneth Lee Boyd, der letzte Woche durch Giftspritze in einem Gefängnis in Raleigh/Bundesstaat Carolina exekutiert wurde.

Gemäß der amerikanischen Gegner der Todesstrafe gebe es keine glaubwürdige Studie, dass die „capital punishment“ abschreckender wirkt als andere Strafen. Im Gegenteil: Die 12 US-Bundesstaaten, in denen sie abgeschafft wurde, haben die geringsten Mordraten des Landes. Dies ist auch der Grund, warum amnesty international den sofortigen Stopp der Hinrichtungen in den USA fordert. Ihr stärkstes Argument aber sind die DNA-Tests, durch die sich immer öfter herausstellt, dass Unschuldige im Todestrakt sitzen. Dies legt die Vermutung nahe, dass in der Vergangenheit möglicherweise dutzende Menschen unschuldig
exekutiert wurden.
Wie sieht es in Europa aus? Lediglich in Weißrussland wird noch hingerichtet. Unsere Stadt hat sich am 30. November neben 323 Städten weltweit, darunter 30 Hauptstädten, am Welttag gegen die Todesstrafe beteiligt. Das Motto lautete: „Städte für das Leben – Städte gegen die Todesstrafe“. Von 16 Uhr bis in die frühen Morgenstunden wurde auf den Münchner Justizpalast der Schriftzug „Nein zur Todesstrafe“ in verschiedenen Farben beleuchtet projiziert. In diesem Gebäude waren bis 1949 Todesurteile gefällt worden, darunter auch die von Roland Freisler, dem berüchtigten Präsidenten des Volksgerichtshofs, 1943 im Schwurgerichtssaal verhängten Todesurteile gegen die Mitglieder der Weißen Rose.

„Städte für das Leben – Städte gegen die Todesstrafe“ – ein prägnantes, ein richtiges Motto.
Heutzutage gibt jeder demokratische Humanist gern ein Plädoyer für das Leben ab. Diese Einstellung setzt aber voraus, dass dem Leben per se höchsten Wert, höchste Priorität eingeräumt wird. Wenn ich diese Maxime aber bis in die tiefsten Tiefen durchdenke, entdecke ich – fern aller religiöser Überlegungen – eine rein verstandesmäßige, logische Kette als deren Konsequenz. Diese lautet für mich: plädiere ich für das Leben, ist alles, was Leben vernichtet, abzulehnen. Für die Politik ergäbe sich als logische Kette ein Nein zu Krieg, zu aktiver Sterbehilfe, zu Stammzellengewinnung aus Föten, zu Abtreibung (speziell zu Spätabtreibungen bis inkl. Geburt) , für jeden Einzelnen überdies ein Nein zum Selbstmord.

Doch wie sieht die Wirklichkeit tatsächlich aus? Weltweit haben Kriege in jüngster Vergangenheit unzählige Opfer unter Soldaten und Zivilbevölkerung gefordert. Waffenlieferungen sorgen dafür, dass Vernichtungswaffen stets vor Ort sind. Aktive Sterbehilfe findet in manchen Ländern durch Legalisierung Eingang in die Gesetzgebung. Gesellschaften, die sich auf ihr Banner geschrieben haben, Todkranken durch Gift oder entsprechende Cocktails zu „helfen“, schreiben schwarze Gewinnzahlen. Die Wissenschaft will medizinische Gegenmittel zu bisher unheilbaren Krankheiten finden, indem sie im Reagenzglas Föten erst heranzüchtet, um sie dann nach Gewinnung von Stammzellen wieder zu vernichten. Die natürliche Gewinnung von Stammzellen aus der Nabelschnur nach jeder Geburt reicht offensichtlich nicht aus. In Umsetzung der Bundesgesetzgebung gibt die bayerische Staatsregierung, die stets die rückläufigen Geburtenzahlen beklagt, alljährlich Millionen für Abtreibungen aus. Im Münchner Stadtrat wurde über die Fortsetzung des ambulanten Schwangerschaftsabbruches am Klinikum Schwabing (und die entsprechenden Gelder dafür) abgestimmt. Tatsächlich stimmten von allen 80 Stadträten quer durch die Parteien lediglich drei CSU-Stadträte (ich eingeschlossen) gegen eine Fortsetzung. Dass man diese Gelder für finanzielle Hilfsprogramme für Frauen, die aus wirtschaftlicher Not eine Abtreibung erwägen, einsetzen könnte, - auf diese Idee kommt anscheinend niemand. Der CSU-Bundestagsabgeordnete Johannes Singhammer versuchte mit entsprechenden Eingaben im Bundestag eine Gesetzesänderung zu den Spätabtreibungen bis inkl. Geburt ins Rollen zu bringen, - bei der letzten rot-grünen Bundesregierung ein vergebliches Unterfangen. Und um die Kette abzuschließen: die Rate der Selbstmorde ist erschreckend hoch – gerade auch
unter Jugendlichen.

Wie ist es also um das viel strapazierte Plädoyer fürs Leben bestellt? Anhand meiner äußerst grob gefassten und kurzen Erläuterungen würde ich sagen: trübe, sehr trübe. Die internationale Diplomatie ist immer noch nicht in der Lage Krieg als ultimative Lösung durch andere zu ersetzen. Aktive Sterbehilfe, Spätabtreibungen behinderter Föten rufen das Schreckgespenst der Euthanasie wieder auf den Plan. Wenn der Mensch immer älter und das Geld immer knapper wird, wer kann garantieren, dass nicht durch die Hintertür aktiver Sterbehilfe eines Tages für ein „sozial verträgliches Frühableben“ gesorgt wird? Schon jetzt werden im europäischen Ausland lebenserhaltende Apparaturen von Komapatienten (vom Jugendlichen bis zum Greis) vielfach nach einigen Tagen abgestellt. Der – für mich - dusseligste Satz der 70iger Jahre „Mein Bauch gehört mir“ hat u.a. Diskussionen hervorgerufen mit dem Tenor, dass mit Abtreibung nicht Leben, sondern nur ein Zellhaufen abgetötet wird.

Kehren wir zum Ausgangspunkt und zum Nein zur Todesstrafe zurück, so müsste die verstandesmäßige Grundüberlegung zu allem, was Leben betrifft, lauten: ist der Mensch Herr oder Richter über Leben und Tod? Dazu gibt es eine ganz einfache, rationelle Antwort, die in ihrer Einfachheit vielen zuwiderläuft: Der Mensch kann sich das Leben nicht selbst geben und darf es dadurch sich und anderen nicht nehmen. Es entzieht sich somit seiner Verfügungsgewalt. Jedoch spielt der Mensch gerne Gott . Am Leben dürfen sich aber keine Allmachtsphantasien vergreifen – gleich ob Menschenfreund oder Menschenfeind, gleich ob religiös Gläubiger oder Atheist, gleich ob glühender Wissenschaftler, der zum Wohle der Menschheit forscht, gleich ob Ärzte, die das Leiden eines Todkranken abkürzen möchten, gleich ob einer/eines Verzweifelten, die/der nur im Tod des ungeborenen Kindes oder seiner selbst einen Ausweg sieht.
Leben ist der Ursprung allen Seins und höchster Wert. Jegliche Lebensvernichtung ist für mich nicht so sehr ein Meilenstein der Schande, sondern immer eine Bankrotterklärung, ein Meilenstein des Scheiterns - der Politik, der Menschen, unserer Gesellschaft schlechthin.



B L I C K  I N S  P A R A D I E S
Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag – sie alle ein Synonym für November, - der Monat, in dem die Natur stirbt, die Welt in trübem Grau versinkt, Tristesse in die Seele kriecht, Melancholie  dem schwermütigen Gemüt Rilkes Zeilen einflüstert: „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“
Bevor Sie, lieber bayerischer Leser, an der Psyche kränkelnd sich ganz dem „Dauersosln“  ergeben, im Bett bleiben, die Decke über den Kopf ziehen und Ihren Weltschmerz pflegen, empfehle ich als letzte Rettung folgendes Kontrastprogramm: Da man sich dem „allseitigen Dodeln“ (für Neubayern übersetzt: „dem jedermann umzingelnden Tod“ ) nicht entziehen kann, werfen Sie einen Abend positiv verklärender Verzückung für Ihr wundes Herz ein, verabschieden Sie sich vom Bild des „Schnitter Tod“ als ultimativen Schrecken, als Vernichter Ihres Lebens, als Ende von allem und treten Sie der Vorstellung vom Tod als Freund, der Sie nach der Vielseitigkeitsprüfung irdischen Daseins ins ewige Leben geleitet, näher. Kurz gesagt: gehen Sie ins Volkstheater und schauen sich den „Brandner Kaspar“ an.
Wer kennt nicht die Geschichte des sich verzweifelt ans Leben klammernden, an seiner herrlichen bayerischen Heimat und bayerischen Way of Life hängenden Brandner, der, als ihn Gott abberufen will, dem Tod durch Einflössen von Hochprozentigem und Betrug beim Kartenspiel weitere 18 Jahre Verlängerung auf diesem Planeten abluchst und sich dann schließlich nach furchtbarem Schicksalsschlag zu einem einstündigen Aufenthalt im Jenseits mit garantiertem Rückkehrrecht auf die Erde überreden lässt. Aus der einen Stunde wird Ewigkeit, denn der Brandner will nicht mehr zurück: Er durfte im Himmel einen Blick ins Paradies tun.
Und der Zuschauer tut mit ihm diesen Blick in ein bayerischen Paradies, in dem in seinem Haus in seinem angestammten Dorf seine verstorbene Frau, seine Enkelin, sein Hund auf ihn warten. Dass diese Schau nicht mit einem milden Lächeln des Publikums begleitet wird, das ausdrücken will: „nettes Märchen, aber im wirklichen Leben ....“, liegt an der grandiosen Inszenierung des Intendanten des Volkstheaters Christian Stückl und seines hervorragenden Ensembles , allen voran des „Boandlkramers“ Maximilian Brückner, der sich mit seiner nahezu „außerirdischen“ Leistung den Münchner Theaterpreis erspielte. Stückl gelingt es mit exzellenten dramaturgischen Einfällen, die Sogwirkung besitzen, im Zuschauer die Bereitschaft zu wecken, sich hoffnungs- und sehnsuchtsvoll mit dem Bild des menschlichen Menschenfreundes „Boandlkramer“ und dem ewigen Leben in Seligkeit auseinander zu setzen. Wenn im Theater  der Vorhang fällt und das Licht angeht, sieht man ausnahmslos heitere, strahlende Gesichter, manche gar verklärt, verzückt. Dass der Tod und das Danach seine Betrachter beschwingt nach Hause entlässt, gehört zu den einmaligen Raritäten in diesem Monat des tiefschwarzen Blues.
Jeder muss für sich entscheiden, wie er sich der Umkleidekabine zum Jenseits nähern will.  Für alle jene, die düstere Ängste vor der Todesstunde niederdrücken, ist das tröstliche Fazit aus dem Brandner Kaspar eine klare Absage an jede Schreckensvision, - oder frei nach Hesse: „Wohl an denn Herz , nimm Abschied (von jeder Qual) und gesunde.“



SYPHILIS IS BACK IN TOWN ...
... oder stadtratstechnisch seriös formuliert: Infektionskrankheiten sind auf dem Vormarsch - auch in unserer Landeshauptstadt. Am Beispiel Syphilis, die lange als besiegt galt, wird deutlich, dass Handlungsbedarf gegeben ist. Experten des Robert-Koch-Institutes schlagen Alarm: 2004 wurden in Deutschland 3.354 neue Infektionen registriert. Seit 2001 ist dies eine Steigerung um 50 %. Unsere Republik hat die größte Syphilis-Inzidenz aller westeuropäischen Länder. In München hat sich die Rate der Syphiliserkrankungen gegenüber dem Vorjahr verdreifacht.
Aber auch andere sexuell übertragbare Krankheiten breiten sich immer mehr bei uns aus.
2600 HIV Infizierte und Aidskranke leben in München. Die Tendenz der HIV-Neuinfektionen ist steigend. Im Jahr 2003 war der Anstieg in München und Bayern sogar überproportional hoch. Im bundesdeutschen Städtevergleich liegen wir nach Berlin und Hamburg bereits an dritter Stelle (Stand Juni 2005). Besonders besorgniserregend ist die Zunahme der Doppelinfektionen von HIV mit Syphilis, Genitalherpes u.a. Mehr als 75 % aller HIV-Infizierten haben Syphilisantikörper.
Wirft man einen Blick auf die wichtigsten Ursachen für diesen bedenklichen Anstieg, so ist ein Rückgang des Schutzverhaltens in der gesamten Bevölkerung seit ca. 1996 zu verzeichnen. Ebenso nimmt das Schutzverhalten bei homo- und bisexuellen Männern ab. Es herrschen übersteigerte und teilweise falsche Vorstellungen von der Machbarkeit der verbesserten Behandlungsmöglichkeiten bei HIV. Kaum zu glauben ist, wie groß die Wissenslücken zu Übertragungswegen und Schutzmöglichkeiten bei der Altersgruppe der 16-29-Jährigen sind.
Eine zusätzliche Gefahr der Ausbreitung droht durch infizierte, ausländische Prostituierte vornehmlich aus Osteuropa, die bei uns ohne Kondom arbeiten. Laut des Präventionsprojektes JANA e.V. kommt es zudem täglich zu 2000 Kontakten zwischen deutschen Freiern und tschechischen Prostituierten entlang der bayerisch-tschechischen Grenze. In der Beratungsstelle wird gerade hier eine hohe Zunahme von Syphilis und Genorrhoe festgestellt. Überproportional hoch ist auch die Zunahme von HIV-Neudiagnosen bei Migranten aus Hochprävalenzregionen oder allgemein verständlich: von Zuwanderern aus Ländern mit höchster AIDS-Rate.
Auf welchen Säulen versucht unsere Stadt diese sexuell übertragbaren Krankheiten einzudämmen? Sie lauten Prävention durch Aufklärung und Information, Beobachtung, Überwachung und Kontrolle ( Information der Öffentlichkeit zur Art der Erkrankung, zu den Übertragungswegen und zu den Möglichkeiten des Schutzes. Beobachtung des normalen Infektionsgeschehen. Überwachung und Kontrolle durch Meldung von Einzelerkrankungen und Ausbrüchen). Meiner Meinung nach müssten Aufklärungsveranstaltungen an Schulen deutlich ausgebaut und jugendgerecht aufbereitet werden. Des weiteren müsste auch die vor Jahren leider abgeschaffte, regelmäßige Gesundheitsuntersuchung der Prostituierten wieder zwingend vorgeschrieben werden. Dass Männer die Dienste der Liebesdienerinnen im Durchschnitt lieber ohne Kondom in Anspruch nehmen, ist eine Katastrophe, da sie ihre Ehefrauen und Partnerinnen, die gar nicht wissen, wie ihnen geschieht, auch infizieren. Im Juni 2006 werden zur Fußball-WM Tausende von osteuropäischen Prostituierten in München erwartet. Da kann man als Altbayerin nur resignierend bemerken: „Guade Nachd scheene Gegend ...“
Weltweit stehen die Infektionskrankheiten mit ca. 17 Millionen Todesfällen pro Jahr an erster Stelle der Todesursachen. Am häufigsten führen AIDS, Tuberkulose und Malaria zum Tode. Gott sei Dank sind die Tuberkulosefälle in Deutschland noch verschwindend gering und auch Malaria gehört hier noch zu den weitgehend zu den exotischen Krankheiten.
In unserem Land wähnte man sich letztes Jahrhundert immer auf der sicheren Seite, da man glaubte, gegen alle Infektionskrankheiten die richtigen Impfstoffe zu besitzen. Diese Zeiten der Sorglosigkeit sind vorbei.



GLITZER, GLAMOUR, GAUDIUM - eine Hommage
Wo ging und geht der Münchner Teenager im Fasching hin, wenn er unter dem Kommando „Eins vor, seitwärts“ gerade mühevoll die ersten Tanzschritte erlernt hat und auf einem Ball eine holde Maid im Arm wiegen will? Er taucht in die strahlende Glitzerwelt des Deutschen Theaters ein.
Auch ich, als pummelige, unsichere, aber ungeheuer neugierige 16jährige wagte mich in die Faschingshochburg und fühlte mich augenblicklich wie Alice in ein Wunderland versetzt. Die Dekoration, - ein Feuerwerk aus Farbe, Form, Licht -, verzauberte mich, schenkte mir im Einklang mit der Musik und den fetzigsten Showeinlagen meinen ersten Ballrausch der Beschwingtheit, des Wohlfühlens, der Leichtigkeit. Diese ultimative Genussdröhnung gebe ich mir bis heute, Jahr um Jahr, ist fester Bestandteil meiner Kalenderrubrik „Highlights“.
Ein echter Deutscher-Theater-Junkie kann aber auch nicht ohne seine regelmäßige Dosis Broadway-Glamour leben, die er sich ausschließlich durch die Shows in der Schwanthalerstraße zu verabreichen vermag. Über die Jahrzehnte hinweg hat ihn die Begeisterung aus dem Zuschauersessel gerissen und stehend Ovationen zollen lassen. Shirley Mac Laine wirbelte über die Bühne, Eartha Kitt erhöhte eines jeden Pulsschlag mit der verrauchten Erotik ihrer Stimme, Marcel Marceau dockte an jedes Herz mit seiner Zauberwelt der Gestik und Mimik an. Lange bevor München überhaupt wusste, wie sich das Wort Musical schreibt, hat hier 1961 die Erstaufführung der Original-Broadway-Produktion der „West Side Story“ in Deutschland stattgefunden. Wer sich dem Olymp des Balletttanzes hingeben wollte, durfte Michail Baryshnikow und Rudolf Nurejew erleben. 1993 trat hier gleich an 37 Abenden in Folge ein damals gänzlich unbekannter Magier namens David Copperfield seinen Siegeszug durch Europa an. Der Hippie der Woodstock-Generation sang jede Zeile bei „Hair“ mit, in Ehren ergraut tut er das nostalgisch auch noch heute, seine Kinder lassen sich von „Jesus Christ Superstar“ an seiner Seite ebenso mitreißen wie er einst das Meisterwerk des jungen Webber im gleichen Haus genoss. Bei der „Rocky Horror Picture Show“ warfen erst letztes Jahr unzählige Frank`n`Furters, Riff Raffs und Magentas völlig entseelt Reis, verwandelten entfesselt den Raum in einen Hexenkessel. Frenetischer Jubel begleitete allabendlich die grandiose Show „Falco meets Amadeus“.
Die Sternstunden höchster professioneller Bühnenkunst sind nicht zu zählen. Aber sie alle sind mit einem Namen verbunden: Plapperer, zuerst mit Dr. Kurt Plapperer, der das Deutsche Theater noch sein eigen nennen konnte und seit 1982 mit seinem Sohn Heiko Plapperer-Lüthgarth als Prinzipal und Geschäftsführer des mittlerweile städtischen Theaters. Beide Männer schenkten durch ihr Können, ihr Geschick, ihre Leidenschaft ungetrübte Freude oder, wie die Lateiner sagen, Gaudium. Hätte man den Glückspegel der Fans während einer Show gemessen, das Thermometer wäre zersprungen. Tiefe Dankbarkeit war es, was Heiko Plapperer in seiner Abschiedsgala letzten Montag entgegenschlug. Nach 23 Jahren erfolgreichster Intendanz hatte er sich entschlossen , für sich den Vorhang in diesem Theater fallen zu lassen. Als Mitglied des Kulturausschusses im Rathaus kann ich seinen Abgang nachvollziehen. Wie zermürbend müssen auf ihn die endlosen Diskussionen bereits 2003 gewirkt haben, als Oberbürgermeister Ude das Theater wegen seines angeblich gänzlich maroden baulichen Zustands und der dadurch im Raum stehenden Renovierungskosten schließen wollte. Dass Ude dem Theater nie recht gewogen war, zeigt schon seine Abwesenheit bei allen Premieren. Das Genre musikalischer Bühnenunterhaltung, selbst auf höchstem Niveau, war offensichtlich nicht sein Ding und wurde von ihm daher für München als verzichtbar erklärt. Da hatte er aber die Rechnung ohne die treue Fangemeinde gemacht. Ein Sturm der Entrüstung brach los und Ude gab dem Druck der Öffentlichkeit nach. Bis 2007 ist die Spielbarkeit des Theaters garantiert. Für die Sanierungskosten am Bau und die Spielzeiten der nächsten 25 Jahre wurde ein Investorenwettbewerb ausgeschrieben. Als Stadträtin werde ich keinesfalls aufgeben, für den Erhalt dieses Musentempels zu kämpfen. Seine Lichter dürfen nie ausgehen; und wie dereinst Cato im römischen Senat werde ich allen naserümpfenden Fanatikern, bei denen Kunst einseitig im Reich der Dichter und Denker angesiedelt ist, nimmermüde entgegenhalten: „Ceterum censeo, templum glamorosum gaudii
non esse delendum“.



DIE EINSAMKEIT DES KINDES
Ein Spielplatz irgendwo in Deutschland. Am Rande der Sandkiste steht ein kleiner Dreikäsehoch, hält sich selbst an den Händen fest, die Augen verschleiert von Traurigkeit. Niemand um ihn herum nimmt diesen stummen Hilfeschrei wahr. Er bleibt in seiner Not allein.
Kaum eine Woche vergeht, in der nicht in den Print-Medien von Spitzenwerten des Versagens in unserer Gesellschaft zu lesen ist und die allesamt unsere Kinder, unsere Jugend betreffen: die hohe Rate der Selbstmorde, der Drogenabhängigen, der Aussetzung und/oder Tötung von Neugeborenen, von Kindsmisshandlung und Kindsmissbrauch, von Kinderpornographie, der Schulschwänzer, der Gewalt an Schulen, der Arbeitslosen nach Ausbildungsende.
Diesen grausigen Statistiken stellen wir eine Unzahl von Präventions- und Erziehungsprogrammen entgegen. Drogenkliniken und Therapieeinrichtungen haben Hochkonjunktur. Ein Heer von Mediatoren und Streitschlichtern müht sich an Schulen. Kataloge von Maßnahmen zur Vereinbarkeit von Familie und Beruf werden aufgelegt, das Erziehungsgeld erhöht. Kinderkrippen, -gärten und -horte werden gebaut, sogenannte „Babyklappen“ eingerichtet. Psychologen und Sozialarbeiter erleben einen nie gekannten Beschäftigungsgrad. Jugend- und Sozialämter arbeiten bis zum Anschlag. Die Polizei durchforstet das Internet nach Kinderpornographie, hebt Händlerringe aus, holt Schulschwänzer von der Straße. Das Kultusministerium versucht mit neuen Lehrplänen die Hauptschulen aufzuwerten, Schulabgängern Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu eröffnen.
All diese Anstrengungen scheinen trotzdem nicht zu greifen, da sie der verzweifelte Versuch sind, Symptomen zu Leibe zu rücken und die Ursachen außen vor lassen. Die bayerische Verfassung spricht von Kindern als unserem „köstlichsten Gut“. Kaum ein Politiker, der nicht Kinder zur Zukunft unserer Gesellschaft deklariert und das Augenmerk auf sie einfordert. Kaum ein Gesicht, das nicht verzückt in einen Kinderwagen blickt und damit nicht der Ausruf „Wie süß!“ einhergeht. Wir lamentieren über die niedrige Geburtenzahl. Ein Volk von Pharisäern?
Wirft man einen Blick auf den Ist-Zustand in unserem Land, stellt man ein eklatantes Missverhältnis fest zwischen dem Lippenbekenntnis zur Liebe zu Kindern und zu dem, wie diese Liebe tatsächlich gelebt wird. Was braucht ein Kind, um gedeihen zu können? Um die Stärke zum Nein gegen Drogen, gegen Gewalt aufzubringen? Um Leistungsbereitschaft in der Schule zu entwickeln? Um zu einer Persönlichkeit heranzureifen, die den Wechselfällen des Lebens gewachsen ist, Verantwortung für sich übernimmt, sozial zum Nächsten ist und an der Gestaltung der Zukunft in seinem Umfeld mitarbeiten will?
Die Antwort ist so simpel, dass sie fast schon beschämend ist: ein Kind braucht Urvertrauen, Geborgenheit, Wärme. Fakt ist, dass ein Kind nicht betrügbar ist. Es erkennt, ob ihm echte Zuwendung zuteil wird oder diese nur geheuchelt ist. Auf Vorspiegelung, auf Unechtes reagiert es zuerst mit einem Kampf um Liebe und Anerkennung, später mit Verweigerung, Isolierung, Identitätsstörungen, im schlimmsten Fall mit Selbstzerstörung.
Die Frage ist, was hält uns davon ab, Kindern das zuteil werden zu lassen, was sie brauchen und was ihnen, da sie nicht darum gebeten haben, in diese Welt gesetzt zu werden und ihr wehrlos ausgeliefert sind , auch zweifelsfrei zusteht? Die Antwort umfasst ein Begriff erschöpfend: „Egotrip“. Die letzten Jahrzehnte haben uns, manchmal zwangsweise, zu Egomanen gemacht: Philosophien, die Eigenliebe zum Non-Plus-Ultra glücklichen Daseins hochstilisiert haben, zeigen ihre Früchte in Konzentriertheit auf das eigene Ich und dessen Bedürfnisse. Der Rückgang des Wirtschaftswunders schürt Ängste und fördert negative Auswüchse des Überlebenskampfes. Die Emanzipationsbewegung der Frau brachte die längst überfällige Gleichberechtigung, hat aber auch ihren Preis: Frauen, die unter Doppelt- und Dreifachbelastung bei den an sie gestellten Anforderungen selbst kräftemäßig auf der Strecke bleiben. Eine Werbung, die merkantile Güter als für alle erreichbar suggeriert und die entsprechende Gier weckt.
Die Menschen reiben sich auf und werden aufgerieben zwischen der rastlosen Suche nach – ja, was für einem -, Glück und den mörderischen Anforderungen des Arbeitsmarktes nach Jugendlichkeit, Flexibilität, Mobilität. Wo findet da ein Kind noch seinen kindgerechten Platz? Es wird angesichts der Problematik der Eltern verwaltet, in Institutionen abgeschoben. Als stellvertretende Schulleiterin einer Privatschule beobachte ich einen noch nie da gewesenen Einsatz von Psychopharmaka an verhaltensauffälligen Kindern. Wohlstandsverwahrloste Jugendliche irren orientierungslos, sich selbst überlassen, zwischen Einkaufsmeilen, Fernseher, Computer und Vergnügungsstätten herum, unfähig, Leistung zu entwickeln; füllen Langeweile, Leere und Labilität mit Drogen. Der Ehrgeiz finanziell gut situierter Eltern treibt Kinder in einen Leistungsdruck, der an den eigenen Fähigkeiten gänzlich vorbeigeht. Anstatt die vorhandenen Talente zu fördern, muss das Kind auf Gedeih und Verderb darauf hingetrimmt werden, einen vorhandenen Betrieb irgendwann zu übernehmen oder in die, exakt gleichen, Fußstapfen des erfolgreichen Vaters zu treten. Kinder in Familien, die bereits in der dritten Generation Sozialhilfe beziehen, schicken sich an, - ohne Perspektiven -, den gleichen Weg zu gehen.
Es ist höchste Zeit, in dieser Spirale innezuhalten. Unserer Gesellschaft bleiben nur zwei Möglichkeiten. Die eine lautet, offen den Bankrott zu erklären, zuzugeben, dass wir nicht in der Lage sind, kindgerechte Eltern zu sein. Wir delegieren die Verantwortung an Dritte, finden uns mit allen Statistiken ab, geben Unsummen für Kinderaufbewahrungsorte aus, stellen alle Schulen auf Ganztagesbetrieb um, erweitern die Lehrerausbildung um ein Studium der Psychologie oder sterben einfach aus, indem wir erst gar keine Kinder mehr bekommen.
Die andere Möglichkeit ist das zu oft zitierte und dadurch überstrapazierte „Herz für Kinder“ zu öffnen, zu fühlen und uns von echter Liebe lenken und leiten zu lassen. Wahre Zuwendung lässt uns die Hilflosigkeit eines Neugeborenen spüren, unsere eigene Verantwortung für seine Bedürfnisse. Wir würden erkennen, dass Kinder nicht dazu da sind, unsere eigenen Wünsche zu erfüllen. Wir würden ihnen das schenken, was der größte Luxus ist, Zeit. Zeit für Nähe, Wärme, Geborgenheit, Vertrauen. Wir würden uns für eine Werteverschiebung entscheiden, die eine Hinwendung zum echten Wir mit unseren Kindern bedeutet. Die Folge wäre eine gesellschaftliche Revolution, die sich auf alle Sektoren, auch auf die der Wirtschaft erstrecken würde.
Die Einsamkeit des Kindes spiegelt die Verarmung, wenn nicht sogar Verkrüppelung der Gefühlswelt seiner Umgebung wider. Wollen wir und können wir gesunden?




                                                                                                      
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