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Vor 60 Jahren starb der geniale Tragikomiker Karl Valentin Der Münchner Schriftsteller Alfons Schweiggert, Verfasser mehrerer Standardwerke über Valentin, erinnert zum 60. Todestag am 9. Februar an dessen letzte Lebenswochen
Ein Jahr nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs gab Valentin sein Münchner Kellertheater, die „Ritterspelunke“ auf. Ende 1940 schloss es für immer die Pforten und um Valentin wurde es still. Er zog sich aus einem geliebten München nach Planegg zurück, von ihm als „Ausland“ bezeichnet. Dort verfasste er vereinzelt Artikel und Dialoge. Seinen kargen Lebensunterhalt verdiente er sich vor allem mit Schreinerarbeiten und als Hausierer. Nach Kriegsende wollte er im Alter von 63 Jahren noch einmal neu anfangen. Er wollte wieder auf der Bühne auftreten, Filme machen, Schallplatten aufnehmen, im Rundfunk seine Stücke aufführen. Ja, er wollte - aber die anderen nicht. Nichts klappte. Er erhielt eine Absage nach der anderen. Der Komiker verfiel in immer tiefere Depressionen, die auch in seinen Briefen, Dialogen und Artikeln ihren Niederschlag fanden. Als es einem Freund im Rundfunk gelang, doch einige seiner alten Platten zu spielen, kamen aus der bayerischen Bevölkerung zuhauf Protestbriefe: „ ... Aufhören mit dem Schmarrn - schickt´s den Deppen hoam - wir wollen in dieser Zeit was wirklich Lustigs ...“ Als Valentin davon erfuhr, weinte er vor Trauer, Wut und vor Hunger. Im Dezember 1947 erkrankte Valentin an einer fieberhaften Bronchitis, ließ sich aber Mitte Dezember für eine Weihnachtsfeier in der Großfärberei und Wäscherei Arnold in Pasing engagieren. In einem eiskalten Hausgang, der als Garderobe diente, erkältete er sich aufs Neue und erlitt einen Rückfall. Dennoch trat er in der Sivesternacht 1947/48 abermals auf, diesmal im „Simpl“. Der Schauspieler Gerd Fröbe erinnerte sich später an die Begegnung mit dem Komiker. Er trat vor Valentin auf und konnte für sich einen großen Publikumserfolg verbuchen. „Als ich nass geschwitzt von der Bühne ging, sah ich ihn mit großen erstaunten Augen in der Kulisse stehen. Neben ihm die Liesl Karlstadt, von ihm `das Fräulein´ genannt. Valentin hatte eine Zither unterm Arm.“ Nach Valentins Auftritt begab sich Fröbe Schlag zwölf Uhr zur Garderobe, um mit ihm auf das neue Jahr anzustoßen. „Allein stand ich mit meiner Sektflasche und drei Gläsern vor dem Verschlag und klopfte“, so notierte Fröbe. „`Herein.´ Seine verkratzte Stimme. Valentin. Da hockte er mehr als er saß auf einem Stuhl, die langen Stelzen von sich gestreckt. Er hielt eines dieser Sprühgeräte in den Mund und sprühte sich in den Rachen. Ich wusste, dass er mit seiner Stimme immer Probleme hatte. `Herr Walentin´, sag ich, `es wär mir eine große Ehre, wenn ...´ - `Valentin heiß ich und nicht Walentin. Sagst ja auch nicht Water, sondern Vater, oder? Nun gieß schon ein!´ Wir prosteten uns zu. Unvermittelt sagte er: `Nach dir kann man aber auch sterben.´ Ich verstand nicht gleich, sagte: `Ach, Herr Valentin, jetzt wollen wir nicht sterben, jetzt wollen wir erst mal leben, jetzt, wo der Scheißkrieg vorbei ist!´ Er winkte ab. `Na, na, du verstehst mi net. I hob glei zur Liesl g´sagt, als wir´n Beifall ghört ham. `Du, heut sterben wir!´ ... Des musst du weitermachen - du bist der richtige - i bin scho zu alt, vierundsechzig, i kann ja nimmer.´ Er klopfte sich an die linke Brust. `I hab koa Luft mehr!´ ...Da kam Theo Prosel in das Karbuff, um über Engagements zu reden. Ja, Mehrzahl! Engagements! Eines für Valentin vom ersten bis Ende Februar und eines für mich, für den ganzen März. Unfassbar!“ Vom 1. bis 12. Januar 1948 trat Valentin erneut mit Liesl Karlstadt im „Simpl“ auf und nach zehntägigen Pause zeigte sich das Komikerduo vom 22. bis zum 31. Januar im „Bunten Würfel“ zum letzten Mal. „Der Geigenvirtuose“ hieß eine der letzten Darbietungen. Das Stück endete mit Valentins Worten: „Entschuldigen S´!“ Dann verließ der Komiker die Bühne. Es klang beinahe so, als wolle er das Publikum dafür um Entschuldigung bitten, dass er ihm so lange mit seinem „Blödsinn“ auf die Nerven gegangen war. Manch einer der Zuschauer empfand beim Anblick des ehemals gefeierten und jetzt vielfach nur mehr belächelten alternden Komikers Mitleid. Der spindeldürre Mann, so registrierten Beobachter, strahlte eine Wehmut aus, als hätte er seinen in Kürze stattfindenden endgültigen Abtritt erahnt. Nach seinem letzten Gastspiel hatte man, wie es heißt, versäumt. für Valentin ein Nachtquartier reservieren zu lassen. Er nächtigte deshalb in der unbeheizten Garderobe des Theaters. Am nächsten Morgen fuhr er, schwer erkältet, mit dem ersten Zug nach Planegg. Seine Frau, die ihm die Türe öffnete, war von seinem Aussehen entsetzt. Sein Gesicht war eingefallen, er wirkte apathisch und war nicht ansprechbar. Er wankte in sein Zimmer und ging sofort zu Bett. Zwar schien es, als habe sich Valentin nochmals besser gefühlt, denn am 5. Februar, vier Tage vor seinem Tod, schieb er an seine zweite Bühnenpartnerin Anne-Marie Fischer und deren Schwester Erika: "Liebe Erika u. Annemi, ... vor meiner Abreise am Montag Früh werde ich euch, wenn es mir besser geht noch mal besuchen. Alles Gute Karl Valentin". Die Formulierung „wenn es mir besser geht“ weist darauf hin, dass Valentin am 5. Februar noch an eine Genesung geglaubt haben muss. Sein Hinweis „meine Abreise am Montag früh“ gibt jedoch bis heute Rätsel auf. Von einem Reiseplan Valentins war jedenfalls nichts bekannt. Vielleicht, so munkelte man später, ahnte Valentin seine allerletzte Reise voraus. Ab dem 6. Februar verschlechterte sich sein Gesundheitszustand rapide. Skurril wie sein Leben war auch der Tod am 9. Februar 1948, einem Rosenmontag. Valentins angeblich letzte Worte vor dem Hinscheiden: „Wenn ich g´wußt hätt, dass ´s Sterbn so schön is, dann wär ich schon früher gestorbn“ sind - wie mittlerweile bekannt ist - von dem Schriftsteller Sigi Sommer nachträglich erfunden worden. In Wirklichkeit endete sein Leben mit einer Frage: „Ist die Werkstatt abgeschlossen“, wollte er vor seinem Hinscheiden wissen. „Der Tod kam sanft zu dem lebenslang von Todes- wie von Lebensangst Geplagten“, erinnerte sich seine Tochter Gisela. „Ohne Todeskampf entschlief er in den Armen seiner Gattin, die ihm wirklich die Treue hielt, bis der Tod sie schied.“ Valentin war nun für immer verstummt. Doch das Echo dieses endgültigen Schweigens sollte auf die Dauer unüberhörbar werden. Am lustigsten Tag des Jahres, am Faschingsdienstag, den 10. Februar 1948, brachte man den Leichnam zum Planegger Waldfriedhof. Die Münchner versuchten nach den Kriegswirren gerade wieder ihre Lebensfreude zu mobilisieren. Mit Sterben und Tod hatten sie sich lange genug beschäftigen müssen. Jetzt wollten sie wieder leben. Bis heute kursiert das unausrottbare Gerücht, Valentin sei an Hunger gestorben. Dazu meinte der Regisseur und Schriftsteller Kurt Wilhelm, der mit Valentin noch im Münchner Rundfunk gearbeitet hatte: „Dass er verhungert ist, ist eine sentimentale Mär. Zu essen hatte er sicher nicht viel, wie wir alle, aber wenn er verhungert sein sollte, dann nicht körperlich, sondern seelisch. Aus Mangel an Liebe und Resonanz seitens seiner Mitmenschen, denen er sein Leben lag manisch Freude zu machen versucht hatte. Und wie wenig breite Anerkennung bekam er zurück. Dabei war er sich doch so sicher, gut zu sein: `Ich bin doch a Komiker, ich weiß doch, was wirkt ...´ “ Am Aschermittwoch wurde Valentin bei Schnürlregen, der noch dünner war als der Verstorbene selbst, auf dem Planegger Waldfriedhof bei München beigesetzt. Die Zeitung meldete: „Als die Leichenträger den Sarg die Treppe hinuntertransportierten, da hatten sie es nicht allzu schwer: der Geist, den Valentin in reichlichem Maße besaß, wog nichts, und sein dürrer irdischer Körper hatte es nur noch auf dreiundneunzig Pfund gebracht. Er wird wohl damit der magerste aller Engel auf der himmlischen Tanzwiese sein.“ Seither liegt Karl Valentin im “Ausland“ begraben, wie er Planegg nannte. Manche behaupten, dass er bis heute noch immer nicht so richtig in sein geliebtes München zurückgekehrt sei.
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