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Norbert Werber erzählt aus seinem Stadtviertel. Foto: Andrea Pollak

Mein Herz gehört Sendling!
Norbert Werber erzählt aus seinem Stadtviertel

Norbert Werber: “Im Sudetenland geboren, wurde ich 1946 mit meiner Familie nach Unterfranken, nördlich von Bamberg, ausgesiedelt. Nach dem Besuch von Grundschule und Gymnasium, absolvierte ich eine kaufmännische Lehre bei Siemens, wurde übernommen und war bis 2003 als Industriekaufmann im Unternehmen tätig.
Seit 1969 wohne ich in Sendling, war hier über 12 Jahre im hiesigen Bezirksausschuss und 6 Jahre Stadtrat in München. Darüber hinaus gehörte ich diversen Gremien der Pfarrei St. Margaret an. In den über 30 Jahre ist mir Sendling zu einer lieben Heimat geworden.
Der Stadtteil verfügt über zahlreiche Geschäfte, hat eine ausgezeichnete schulische und medizinische Infrastruktur, im fußläufigen Bereich sind große Grünanlagen und auch Biergärten zu finden. Letztendlich ist der Marienplatz in 10 Minuten mit der U-Bahn zu erreichen. Es ist ein Viertel mit einer sehr guten Lebensqualität. Deshalb lebe ich gerne hier.
Sendling hat sich vom Dorf, das landwirtschaftlich geprägt war hin zu einem modernen Stadtteil entwickelt. Die Entwicklung seit der Eingemeindung nach München im Jahre 1877 habe ich versucht, facettenförmig festzuhalten.“

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Diese Woche in Winfried Noés isarbote-Kolumne ... Foto: Andrea Pollak

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Die Zeit der „Roten Armee“
Am Abend des 28. April stürmten 100 Kommunisten aus Giesing das Polizeipräsidium, zerstörten die Einrichtung und vernichteten die Akten des Erkennungsdienstes und der Fahndungsabteilung.
Am Tag darauf rief Egelhofer den Generalsstreik aus. Sein Antrag, die Angehörigen der „Bourgeoisie“ auf der Theresienwiese zusammenzutreiben und beim Einmarsch der „Weißen Truppen“ in München zu erschießen, wurde nur mit 1 Stimme Mehrheit abgelehnt.
Dem Aufruf zum Generalstreik wurde Folge geleistet. Die Straßenbahnen fuhren nicht mehr, die Schulen wurden geschlossen. Im Hof des Ludwigsgymnasiums wurden am 30. April 2, bei Schleißheim von den „Roten Garden“ gefangengenommene Angehörige des 8. Husarenregiments aus Berlin erschossen. Durch Folterungen und Misshandlungen waren sie zu der Aussage gebracht worden, an der Ermordung von Karl Liebknecht und Rosa Luxemburg beteiligt gewesen zu sein.
Am gleichen Tag wurden als Vergeltung für die bei der „Schlacht bei Dachau“ gefallenen Mitgliedern der „Roten Garden“ auf Anordnung Egelhofers zahlreiche Bürger als Geiseln festgesetzt. pro Gefallener sollten 5 Geiseln erschossen werden. Insgesamt sollten 22 Geiseln erschossen werden. Zahlreiche „Rotarmisten“ weigerten sich, der Anordnung Egelhofers Folge zu leisten. Doch fanden sich einige Freiwillige dazu bereit, nachdem ihnen versichert worden war, dass es sich hier um „Arbeiterverräter und Plünderer“ handele. In der Nacht wurden dann die 22 Geiseln im Hof des Ludwigsgymnasiums erschossen.
Aufgeschreckt durch die Nachricht über die Geiselmorde, bewaffneten sich zahlreiche
Bürger, ehemaligen Unteroffiziere und Schutzleute und schlossen sich, zunächst ohne Führung, zu bürgerlichen Kampfverbänden zusammen. Diesen gelang es, die Kommunisten aus dem Polizeipräsidium, dem Wittelsbacher Palais, dem Zeughaus und der Schwindschule zu vertreiben. Soldaten entwaffneten Rote Trupps und Wachen. Die „Weißen Truppen“ hatten unterdessen den Ring um die Stadt geschlossen. Der Einmarsch nach München war für den 2. Mai geplant. Aufgrund der Hilferufe der in der Stadt München kämpfenden Bürger rückten verschiedene Regimenter und Freikorps, entgegen dem Befehl des kommandierenden Generals Oven, teilweise unter heftigem Beschuss und Widerstand der „Roten Armee“ bis in die Innenstand vor.

In Sendling stießen die heranrückenden württembergischen Truppen nur auf geringen Widerstand in der mit Maschinengewehren „Über München wurde das Kriegs- und Standrecht verhängt. Am 2. Mai erfolgte der ordnungsgemäße Einmarsch der Regierungstruppen und Freikorps. Es kam zu heftigen Kämpfen in allen Stadtteilen gespickten“ Implerschule. Nach Lanzhammer müssen die „Helden der Besatzung“ schnell verschwunden sein.

Der besetzte Südbahnhof musste gegen eine bewaffnete Volksmenge verteidigt werden. An der Bahnunterführung in der Lindwurmstraße kam es zu kurzen heftigen Kämpfen. Vereinzelt wurde auf die einziehenden „Weißen Truppen“ aus Fenstern und Dachluken geschossen. Die „Partisanen“ wurden von den Regierungstruppen sofort standrechtlich erschossen. In Mittersendling kamen so 6, im übrigen Sendling 3 „Rotgardisten“ ums Leben.

Am Goetheplatz wurde die Gegenwehr der „Roten Truppen“ immer heftiger. Vor allem von den Dächern wurde mit Maschinengewehren auf die Regierungstruppen geschossen. Erst nach dem Einsatz von Artillerie und Minenwerfern war der Widerstand gebrochen.

Am Nachmittag wurde der Sendlinger Torplatz mit Unterstützung von Freiwilligen und bewaffneten Bürgern von den Regierungstruppen besetzt. Die Verbindung Sendlings zur
Innenstadt war wieder hergestellt.

Im Hof des Elysiums wurde der Redakteur Anton Josef Leib „nach Empfang der hl. Sterbesakramente“ als Volksaufwiegler standrechtlich erschossen. Nach Aussagen Lanzhammers war er kein kämpfender Revolutionär, schrieb aber in seiner Zeitung „Grobian“ aufreizende Artikel.
“Die Sendlinger Bürger konnten – im wahrsten Sinn des Wortes – wieder ruhig schlafen“. Denn in den Wochen zuvor wurde fast jede Nacht Sturm geläutet und die ganze Nacht durch krachten Schüsse durch die Straßen“ – so Lanzhammer.

In den folgenden Tagen machten sich die Regierungstruppen auf die Suche nach „Spartakisten“ und „Rotarmisten. In Stadelheim wurden 50 „Spartakisten“ standrechtlich erschossen und am gleichen Tag weiteres 42 „Rotarmisten“ nach Verurteilung durch ein Standgericht hingerichtet. Im Keller des Hofbräuhauses wurden 12 sozialdemokratische Arbeiter wegen angeblichen Waffenbesitzes ohne gerichtliches Urteil erschossen.

Am 6. Mai wurden 26 Mitglieder des Katholischen Gesellenvereines in ihrem Vereinslokal verhaftet, nachdem sie als „Spartakisten“ denunziert worden waren. Grausam misshandelt wurden sie ohne Verhör erschossen. Die beiden Haupttäter wurden später zu 14 Jahren Zuchthaus verurteilt.

Vereinzelt kam es noch zu nächtlichen Feuergefechten und Mordanschlägen. Dem Aufruf, die Waffen abzuliefern, wurde Folge geleistet. So wurden in der Zeit zwischen 2. bis 16. Mai ca. 51.000 Gewehre, Karabiner und Pistolen, über 70.000 Stichwaffen, 300.000 Handgranaten und ca. 8 Millionen Patronen abgeliefert.

Das Leben in München normalisierte sich zunehmend. Am 15. Juni 1919 konnten die 50 neu- gewählten ehrenamtlichen Stadträte ihr Amt antreten.




Die 3. Revolution

In der Nacht zum 7. April 1919 wird vom Zentralrat und dem revolutionären Arbeiterrat München die „Räterepublik Baiern“ ausgerufen.
Die Minister wurden durch sogenannte „Volksbeauftragte“ ersetzt. So wurde der Volksbeauftragte für Volksaufklärung der Anarchist Gustav Landauer, der für Finanzen Silvio Gsell, dessen Schriften über die Theorie des Gelds allgemeine Heiterkeit erregten. Der Kellner Reichert wurde Volksbeauftragter für das Militärwesen.

Des weiteren wurde die sofortige Bildung einer „Roten Armee“ und die Aufnahme brüderlicher Verbindungen mit dem russischen und dem ungarischen Volk angekündigt. Eine Zusammenarbeit mit der Reichsregierung wurde abgelehnt.

Die vom Landtag eingesetzte Regierung Hofmann ging zunächst nach Nürnberg, später nach Bamberg.

Beginnend mit den Arbeitern bei Maffei wurde mit der „Bewaffnung des Proletariats“ begonnen. 2 Tage später stellte die Reichsbank die Zahlungsüberweisungen nach Bayern
ein, die Telefonverbindungen von München zu anderen bayerischen und außerbayerischen Städten wurden unterbrochen. Das Landessekretariat der bayerischen SPD übersiedelte nach Bamberg.

Die Kommunisten besetzten alle öffentlichen Gebäude.
Ein neuntägiger Generalstreik fand statt.

Während in München die Arbeiter bewaffnet, Geiseln festgesetzt, die Safes der Münchner Banken geöffnet und deren Inhalt beschlagnahmt wurde, fanden in Berlin erste Besprechungen über die Lage in München statt. Es wurde beschlossen, neben bayerischen und württembergischen Truppen auch preußische Verbände gegen München marschieren
zu lassen.

Bei Dachau fanden erste Gefechte zwischen bayerischen Regierungstruppen und „Roten Garden“ statt. Die Münchner Zeitungen durften nicht mehr erscheinen, die Ausfallstraßen aus München wurden von den „Roten Garden“ gesperrt.

Polizeipräsident von München wurde zunächst Johannes Dosch, ein steckbrieflich gesuchter Krimineller, der dann von dem Vertreter in Damenwäsche Köberl abgelöst wurde. Beide wurden wenige Tage später verhaftet und durch den Dentisten Waldschmidt ersetzt.
Dieser musste seinen neuen Posten einen Tag später an den Kommunisten Ferdinand Mairgünther abgeben.

Neben deutschen Anarchisten und Kommunisten, die zum großen Teil aus allen Regionen Deutschlands kamen, waren bei der 3. Revolution Angehörige aus dem Ausland führend beteiligt. So der russische Student Towia Axelrod, als Politischer Kommissar, eine Frau Friedjung, aus Litauen, als Mitglied des Propagandaausschusses und der
Verkehrskommission, Max Levin, geboren in Moskau, Mitbegründer der KPD und des Spartakusbundes, Eugen Levine’, geboren in Petersburg, als der Führer der KPD in München. Zu erwähnen ist auch ein Ret Marut, geboren in San Francisco, ein angeblicher unehelicher Sohn von Kaiser Wilhelm II, der später unter dem Namen B. Traven als Schriftsteller Weltruhm erlangte.

Am frühen Morgen des Osterdienstags wurden Geistliche als Geiseln festgesetzt, so auch der 3. Pfarrer der Matthäuskirche und spätere Pfarrer an der Sendlinger Pfarrei Maria
Himmelfahrt, Hans Maiser, später Landesbischof von Bayern.

Auch in Sendling wurden an diesem Osterdienstag um 4 Uhr morgens die Geistlichen von St. Margaret festgenommen. In der Implerschule wurden sie 5 Stunden verhört und erst nach vehementen Einsprüchen der Kirchenverwaltung wieder freigelassen.

Während in Berlin die Anordnungen für einen Großangriff auf München vom Reichswehrminister erlassen wurden, wurden in München fortgesetzt Bürger verhaftet.
Die „Rote Armee“ wurde gebildet.

Im Soldatenrat kam es zu heftigen Auseinandersetzungen über die Räteregierung. Die Versorgungslage in München wurde als katastrophal bezeichnet. Die Wahl eines neuen „Aktionsausschusses“ – ohne einen einzigen Kommunisten – wurde durch die Übernahme der Macht von Seiten der „Roten Armee“ – an ihrer Spitze Egelhofer - gegenstandslos.




Die 2. Revolution

Aufgrund des Attentates auf Eisner bildeten die 3 sozialistischen Parteien (USP, KPD, SPD) sowie die Vollzugsräte der Arbeiter- und Soldatenräte einen „Zentralrat der bayerischen Republik“. Dieser übernahm sofort die vollziehende Gewalt. Über München wurde der Ausnahmezustand verhängt.

Es wurde ein dreitägiger Generalstreik ausgerufen, die Festnahme des Ministers für militärische Angelegenheiten angeordnet und Geiselfestsetzungen sowie die Schließung der Schulen beschlossen. Die Redaktionen der Zeitungen wurden besetzt. Mesner und Geistliche mussten 5 Tage lang ein Trauergeläute von 12.00 bis 13.00 Uhr von allen Kirchen gestatten. Bewaffnete Kommunisten besetzten die Hauptverwaltung und die Druckerei der katholisch sozialen Vereine.

Unter großer Anteilnahme der Bevölkerung wurde Eisner am 26. Februar 1919 auf dem Ostfriedhof beigesetzt.

Immer heftiger traten die Extremisten auf. Eine „Deputation der permanenten Proletarierversammlung“ verlangte im Namen von 5000 „Proletariern“ u.a. die sofortige Ausrufung der Räterepublik, die sofortige Verbindung mit Russland und die Bildung einer „Roten Armee“. Auf dieser Versammlung bezeichnete Landauer„Proletarierversammlung“ die Sozialdemokratische Partei als „ekelhaftes Lebewesen“. Ein weiterer Redner, Mühsam, beantragte die Ausrufung der Räterepublik. Der Antrag wurde vom „Arbeiter-, Bauern- und Soldatenrat“ abgelehnt. In München kam es zu dieser Zeit laufend zu Plünderungen. Am
8. März 1919 legten SPD, USP und der Bauernbund dem Rätekongress einen Antrag auf die sofortige Einberufung des Landtages vor, den dieser gegen die Stimmen der äußersten Linken annahm. Entsprechend dieses Beschlusses wurde der Landtag für den 17. März einberufen und der SPD-Abgeordnete Hoffmann (aus der Pfalz) zum Ministerpräsidenten gewählt. Einen Tag später wurde das Kabinett vorgestellt, dem unter anderem der Abgeordnete der SPD Endres als Minister für Justiz und Hans Unterleitner (USP) als Minister für soziale Angelegenheiten angehörten. Mit großer Mehrheit wurde im Landtag das Gesetz über die „Abschaffung des bayerischen Adels “beschlossen”.

Gut zwei Wochen nach Zusammentritt des Landtages forderten die Radikalen am 4. April 1919 „die Beseitigung der Parteien, die Einigung des gesamten Proletariats, die Ausrufung des Generalstreikes, die Ausrufung der Räterepublik und die Verbrüderung mit dem russischen und ungarischen Proletariat (letzteres unter Führung von Bela Kun). Diesen Forderungen schlossen sich die Soldaten des 1. Infanterieregimentes an.Auf einem außerordentlichen Gautag der Sozialdemokraten Südbayerns erklärten sich auch diese mit der Errichtung einer Räterepublik unter der Voraussetzung einverstanden, dass sich die 3 sozialistischen Parteien an der Schaffung einer Räterepublik beteiligten.



Die 1. Revolution

Am 7. November 1918 fand eine Großkundgebung auf der Theresienwiese mit den
Hauptrednern Erhard Auer und Kurt Eisner statt, bei der vor allem Auer für eine
Entwicklung zum Volkstaat und nicht wie Eisner für Streik und Revolution eintrat.
Nach der Kundgebung marschierte der weitaus größere Teil der Teilnehmer unter
Führung von Erhard Auer durch die Innenstadt, während Kurt Eisner und Hans
Unterleitner mit einem kleineren Teil der Teilnehmer zu den Kasernen marschierte,
um die dort stationierten Soldaten zu „befreien“. Nachdem sich die Truppen der
Marsfeld-, Türken- und Max II-Kasernen den Demonstranten angeschlossen hatten
löste sich die gesamte Münchner Garnison auf. Mit Eisner an der Spitze bildete
sich ein „Arbeiter- und Soldatenrat“. Das Telegrafenamt, der Hauptbahnhof, der
Landtag und die Redaktionen der bürgerlichen Zeitungen wurden besetzt. Der
König verließ München.

In einer 2. Sitzung des Arbeiter- und Soldatenrates wurde von Eisner die Republik
ausgerufen und das Haus Wittelsbach für abgesetzt erklärt. In der Folge wurde
eine provisorische Regierung gebildet, der u.a. Erhard Auer als Innenminister,
Albert Roßhaupter als Minister für militärische Angelegenheiten und Hans Unterleitner als Minister für soziale Angelegenheiten angehörte. Der Landtag wurde aufgelöst und durch einen provisorischen Nationalrat ersetzt.

In Sendling kam es zur Plünderung der Keksfabrik Feurich. Neben den gesamten
Vorräten an Keksen und Zwieback wurden vor allem Rohstoffe und auch Treibriemen gestohlen. Der in Sendling liegenden Minenwerferabteilung gelang es, die
Plünderer zu vertreiben, nachdem die Schutzmannschaften es abgelehnt hatten
einzugreifen. Die Arbeit im Betrieb konnte erst nach 3 Tagen wieder aufgenommen werden.

Auf dem Übungsgelände eben dieser Minenwerferabteilung wurden einige Tage später von Kindern zwei Zünder zur Explosion gebracht. 16 Kinder wurden schwer verletzt.
 

Die allgemeine Lage wurde immer turbulenter. Um diese in Griff zu bekommen,
wurden Mitglieder der Gewerkschaften ausgerüstet mit Gewehren, gekleidet mit
schwarzen Mänteln und Mützen, gekennzeichnet durch rote Armbinden zur Verstärkung
der Polizei eingesetzt. Hinzu kam, dass infolge von Versorgungsschwierigkeiten
mit Kohlen die Straßenbeleuchtung ab 21.00 Uhr abgeschaltet und der Straßenbahnbetrieb ab 19.00 Uhr eingestellt wurde.

Wiederholt erließ Eisner Aufrufe, für Ruhe und Ordnung zu sorgen, jedoch war ihm
die Entwicklung bereits entglitten. Sein Innenminister Erhard Auer wurde von einer
demonstrierenden Menge zum Rücktritt gezwungen, den Eisner aber für nichtig erklärte.

Am 17.12..1918 formierten sich die Radikalen zum Spartakusbund, dessen Ziel der
Kampf für den Bolschewismus nach russischem Vorbild war. Eisner dagegen trat
ebenso wie Hans Unterleitner für einen Kampf mit geistigen Waffen in.

Aufgrund von Gerüchten über einen Spartakistenaufstand und einem Gefangenenausbruch im Lager Lechfeld wurden die Christmetten militärisch und polizeilich gesichert, in einigen Kirchen sogar abgesagt.

Die Sylvesternacht wurde in einer Weise begangen, wie sie München noch nie erlebt hatte. Nach Zeitungsberichten fanden bis 4 Uhr morgens an allen Ecken und Enden der Stadt Schießereien mit scharfer Munition statt. Das Getöse durch Maschinengewehrfeuer, detonierende Handgranaten und abgeschossene Leuchtraketen nahm den Charakter
einer Feldschlacht an.
 

Am 12. Januar 1919 fanden Landtagswahlen statt. In München entfielen auf die Bayerische Volkspartei 25%, die Deutsche Volkspartei 19%, die Mehrheitssozialisten (SPD) 47% und die Unabhängigen Sozialisten 5%.

7 Tage später, am 19. Januar fanden die Wahlen zur verfassungsgebenden Deutschen
Nationalversammlung in Weimar statt. Für den 24. Stimmkreis (Oberbayern und Schwaben) verteilten sich die Mandate wie folgt: Deutsche Volkspartei 1 (Dr. Quidde, der spätere Friedensnobelpreisträger), Bauernbund 2, Bayer. Volkspartei 6, Sozialdemokraten 6 (darunter Erhard Auer).
Die Aufrufe des Ministers für militärische Angelegenheiten, Albert Roßhaupter, zur
Bildung des „Volksheimatschutzes“ gegen „die Gefahr eines drohenden Krieges im Lande.
den der Bolschewismus entfesseln kann“ sowie die Aufrufe von Kasernenräten und Kommandeuren zur Bildung einer Volkswehr gegen Anarchie und Bolschewismus bewirkten lediglich heftige Proteste und Androhung von Gegenmaßnahmen durch die Radikalen.

Am 18. Februar 1919 wurde auf dem Weg zur konstituierenden Sitzung des Landtages
Kurt Eisner von Graf Arco von Valley erschossen. Als Innenminister Erhard Auer im
Landtag die Erschießung Eisners mitteilte, wurde er von dem Mitglied des Revolutionären

Arbeiter- und Soldatenrates, dem Schenkkellner und Metzger Alois Lindner, nieder-
geschossen. Bei einem weiteren Schusswechsel wurde u.a. der Abgeordnete und Mitbegründer der Bayerischen Volkspartei Heinrich Osel tödlich getroffen.



Umbruch und Revolution 1918

„Trotz der Gasbeleuchtung aber war es in den Jahren 1917und 1918 nicht bloß in Sendling sondern auch sonst in der Stadt recht dunkel. Aus Furcht vor feindlichen Fliegern einerseits sowie wegen Kohlemangel andererseits waren nicht nur die Straßen in tiefes Dunkel gehüllt, sondern selbst in den Wohnungen durfte nur noch ein paar Stunden das Gas brennen, ja das Licht ging zuweilen vor der Zeit aus“. So schreibt der Sendlinger Chronist Hans Lanzhammer.
Neben dem Mangel an Kohlen und Gas wurde ein immer größer werdender Mangel an
Nahrungsmitteln spürbar, so dass jeder hungerte.

Vor diesem Hintergrund und dem Scheitern der deutschen Offensive im März 1918 kam der
„seelische Zusammenbruch“ wie es Josef Hofmiller in den Süddeutschen Monatsheften
beschreibt.

Alle Parteien verlangten mehr oder weniger heftig eine stärkere Mitwirkung des Volkes. Die
 Forderungen reichten von einer reinen Beamtenregierung (Christlicher Bauernverein), über die Überführung Deutschlands in einen Staat mit vollkommener Selbstverwaltung in Reich, Staat und Gemeinde (SPD) bis hin zur Beseitigung aller bestehenden Gewalten nach Umsturz
und Revolution – so Eisner als Vertreter der USP.

Bei einer Wahlveranstaltung für die Reichstagsersatzwahl im Wahlkreis München II, zu der
auch Sendling gehörte, verlangte Eisner Umsturz, Revolution und die Beseitigung aller
bestehenden Gewalten. „Dies sei in Deutschland mit mehr Besonnenheit, Ruhe und weniger
Gewalt als in Russland zu bewerkstelligen“.

Der von der SPD – als Nachfolger für den bisherigen Abgeordneten Georg von Vollmar –
nominierte Erhard Auer appellierte in einer Gegenveranstaltung für Disziplin, da eine Umgestaltung mit Gewalt das Verhängnisvollste und der deutsche Arbeiter der Hauptleidtragende wäre.

Auf die Forderungen der Parteien reagierte der König. Er teilte den von ihm berufenen Ministern mit, dass sie auch „von dem Vertrauen des Landtages als der Vertretung des Volkes getragen werden müssen,“ Sämtliche Minister, die bis dato dem König unterstanden, traten daraufhin zurück.

In Sendling sorgten in jenen Tagen 7 österreichische Flugzeuge für Aufregung. Auf ihrer
Flucht aus Innsbruck landeten sie in der Nähe des Waldfriedhofes. Da wegen des Nebels
die Hoheitsabzeichen nicht erkennbar waren, wurde Fliegeralarm ausgelöst und der Straßenbahnverkehr eingestellt. Die Sendlinger „zeigten sich jedoch mehr neugierig als beunruhigt“.
FORTSETZUNG FOLGT – informieren Sie sich über Die 1. Revolution!



Die politische Struktur in Sendling bis 1914

Wenn Lanzhammer in seinem Buch „Alt-Sendling und seine Beziehung zu München“ schreibt, dass die Liberalen in München Sendling nicht viel oder gleich gar nichts zukommen lassen, weil es „schwarz“ war, so mag die für die Jahre 1880/1890 gestimmt haben.

Aber bereits 1908 war Sendling nicht mehr „schwarz“, es war rot. Bei den Gemeindewahlen erhielten die Sozialdemokraten 39,2% der Stimmen, die Liberalen 24,3% und das Centrum 23,3%.

Der Stadtbezirk Sendling hatte sich in seiner Struktur weg von der Landwirtschaft hinzu einem Industriestandort entwickelt.
Zum zweiten etablierten sich in den Facharbeiterkreisen wir auch bei den „kleinen“ Handwerkern sogenannte „Lesevereine“ bzw. auch „Volksbildungsvereine“, die sozialdemokratisch orientiert waren. Aus diesen Vereinen entstand der „sozialdemokratische Wählerverein“.

Der Leseverein Sendling tagte abwechselnd in verschiedenen Gaststätten in der Bavaria-, Lindenschmit- oder Senserstraße.

Innerhalb dieses Wahlvereines bildeten sich Sektionen und Ortsvereine, deren Ziel vor allem die Bildungsarbeit und nachgeordnet die parteipolitische Basisarbeit war. Darüber hinaus wurden gesellige Abende und Faschingsveranstaltungen durchgeführt.
Es fanden „Arbeitersportfeste“ statt, wie auch die Feiern zum 1. Mai.

Vorsitzende der Sendlinger Sektion waren bis 1907 Kleinhandwerker, so die Schuhmacher Leander Feller und Alois Riedinger. 1907 übernahm Martin Gruber, Redakteur die der Parteizeitung „Münchner Post“ bis 1933, den Vorsitz. Des weiteren populäre Politiker in Sendlinger ansässig, wie z.B. Erhard Auer oder Albert Roßhaupter.

Die politische Strömung war zu dem bei der Münchner Bevölkerung stark gegen die Kirche und damit auch gegen das Zentrum ausgeprägt.

So setzten sich in der Reichstagswahl 1912 im Wahlkreis München II, zu dem auch Sendling gehörte, Georg von Vollmar, SPD, und im Wahlkreis München I in der Stichwahl Kerschensteiner (Liberale) durch. Diese Wahl brachte der SPD in Sendling ein Ergebnis von 64,5%, den Liberalen 20,2% und dem Zentrum 14,4%.

Bei der Landtagswahl 1 Monat später entfielen in Gesamt-München 4 Mandate auf die Blockliberalen und 8 Mandate auf die Sozialdemokraten.Im Stimmkreis München IX siegte Erhard Auer. Auf die SPD entfielen in Gesamt-Sendling 78,7%, auf das Zentrum 21,3%.
Zu erwähnen ist, dass der Stimmkreis IX nur Teile von Sendling umfasste. Das Gebiet von Sendling gehörte zu Teilen zum Stimmkreis VII (gewählt Albert Roßhaupter, SPD), zum Stimmkreis VIII (gewählt Adolf Müller, SPD) und eben zum Stimmkreis IX mit Erhard Auer als Direktmandatar.

Bei dieser Wahl gab es eine Absprache der Liberalen und der SPD gegen das Zentrum. Das Zentrum hatte nämlich versucht, Beamten zu verbieten, sozialdemokratisch orientierten Gewerkschaften anzugehören. Das stieß bei den Liberalen auf Ablehnung.
So einigten sich diese mit den Sozialdemokraten, darauf, dass pro Wahlkreis jeweils nur ein Kandidat einer Partei zur Wahl stehe, der von der anderen Partei unterstützt würde.

Diese Wahlbündnisse bzw. Absprachen waren vor dem 1. Weltkrieg gang und gäbe.1884 beispielsweise, als Georg von Vollmar das erste Mal für den Reichstag kandidierte, ging die SPD mit den Liberalen zusammen. Das Motto für diese Koalition war:„Das Zentrum muss aus München raus“. Im Wahlkreis München I unterstützte die SPD die Nationalliberalen, im Wahlkreis München II unterstützten die Liberalen die SPD.

1899 kam es in einigen Wahlkreisen zu einer Koalition zwischen SPD und Zentrum, so auch 1905. 1907 hinwieder koalierte das Zentrum mit den Liberalen.

Die Gemeindewahlen 1914 brachten der SPD in Sendling mit 50,9% der abgegebenen Stimmen die absolute Mehrheit. Zweitstärkste Partei wurde das Zentrum mit 25,3%. Die Liberalen hatten sich in die „Liberale Liste“ (in Sendling 11,5%) und die „Altliberalen“
(in Sendling 4,8%) gespalten. Die Liste der Hausbesitzer erhielt 5,3%, die der Christlich
Sozialen 2,1%.

Im April 1914 fanden in Sendling laut Stadtchronik im Abstand von 8 Tagen zweipolitische Veranstaltungen im „Elysium“ in der Kidlerstraße statt (heute steht dort die evangelische Himmelfahrtskirche).

Am 22. April berief die Sektion Sendling des sozialdemokratischen Vereins München zu einer Versammlung ein, in welcher der Landtagsabgeordnete Erhard Auerein Referat hielt. Anschließend wurde nachstehende Resolution angenommen:

“Die heute, den 22. April, im großen Saal des Elysiums tagende, außerordentlich zahlreich besuchte Volksversammlung spricht ihre tiefste Entrüstung über die beschimpfenden Äußerungen aus, die sich Stadtpfarrer Gilg in einer Versammlung gegen die Sozialdemokraten geleistet hat und weist diese unerhörten Beschimpfungen mit aller Schärfe zurück. Dieses unqualifizierte Verhalten des Stadtpfarrers ist umso bedauerlicher, da Stadtpfarrer Gilg als Lokalschulinspektor die Erziehung einer großen Anzahl von Kindern sozialdemokratischer Eltern zu überwachen hat. Diese Eltern können unter den gegebenen Umständen dem Schulinspektor Gilg kein Vertrauen mehr entgegen bringen. Die Versammlung beauftragt die Vorstandschaft, diese Resolution der Lokalschulkommission zur Kenntnis zu bringen.“

Dass den Pfarrer Gilg und mit dem Landtagsabgeordnete Erhard Auer eine „echte Männerfreundschaft“ verband, ist durch die Baugeschichte der Margaretenkirche begründet.

Im Gegenzug fand am 30. April eine Versammlung statt, zu der diesmal der katholische Arbeiter- und Arbeiterinnenverein Sendling eingeladen hatte.

Das Thema des Abends lautete: „Die Sozialdemokratie, eine Kultur- und Volkspartei ?“
Diese Versammlung war als Unterstützung für Pfarrer Gilg gedacht, aber ganz besonders von Mitgliedern der SPD besucht.
“Nach einleitenden Worten des Versammlungsvorsitzenden Lohr“ – so die Stadtchronik – „der über die Vorgeschichte der heutigen Versammlung berichtete, und den damit in Verbindung stehenden ziemlich umfangreichen Briefwechsel zur Verlesung brachte, sprach der Landtagsabgeordnete Oswald (Zentrum, später Bayerische Volkspartei) in einer
1 ½-stündigen Rede über das Thema des Abends, und nach ihm der sozialdemokratische Abgeordnete Auer. Mitternacht war vorüber, als der Vorsitzende eine inzwischen eingelaufene Resolution zur Verlesung brachte. Nachdem sich über dieselbe eine Diskussion entsponnen hatte, wurde sie durch die Stimmenmehrheit der Sozialdemokraten abgelehnt.



Die Kriegsjahre in Sendling (1914 – 1918)
Nach der anfänglichen Begeisterung und der Freude über die ersten großen Siege, stellte sich in Sendling wie auch in Gesamt-München langsam eine gewisse Ernüchterung ein. Das vorherrschende Thema war ab 1916 die immer schlechter werdende Versorgungslage der Bevölkerung.

Im Dezember 1916 wurde vom Kommunalverband München-Stadt eine Fleischverwertungs-anlage in der Daiserstraße errichtet, und zwar in der stillgelegten Wurstfabrik „Frankenwerk“.

Hier wurde das von der „Viehsammelstelle für Heeresverpflegung“ nicht übernommene
minderwertige Vieh zur Herstellung von küchenfertigen Fleischwaren, wie Hackfleisch
Wurstwaren und Leberkäs verarbeitet. Gestreckt wurden diese Produkte mit Graupen, Kraut, Kartoffeln, Mehl usw.. Das Hackfleisch sowie die mit Kartoffelzusatz hergestellte Fleischwurst – so der Chronist – entsprach „in Bezug auf Aussehen und Geschmack den berechtigten Anforderungen“. Pro Pfund (500 gr.) dieser Erzeugnisse waren zwei Zehntelanteile der Fleischmarken abzugeben. Der Preis belief sich für das Pfund Lyoner-Wurst, Hackbraten und Hackfleisch auf 1,60 Mark, für Streichwurst auf 1,30 Mark und für Dauerwurst auf 2,60 Mark.

Die in der Daiserstraße hergestellten Fleischwaren kamen in Anstalten für Massenspeisungen und in Kantinen von Betrieben und Werkstätten mit anerkannten Schwerarbeitern. Als Schwerstarbeiter wurden Arbeiter in Munitionsfabriken eingestuft, die dadurch einen Anspruch auf mehr Verpflegung hatten.

Ebenfalls im Dezember 1916 wurde in Thalkirchen, im Saal der Thalkirchner Brauerei in
der Fraunbergstraße die 22. Volksküche in München eröffnet. In dieser Küche waren
6 große Kessel aufgestellt, in denen ca. 2.000 Portionen Essen zubereitet werden konnten. Für Besucher, die ihr Essen gleich in der Volksküche verzehren wollten, standen 200 Plätze zur Verfügung. Gleich am Eröffnungstag wurde die Volksküche von 500 Personen besucht.

Im März 1917 wurde nach 6 Wochen „Kohleferien“ der Unterricht an der Gewerbeschule
am Gotzingerplatz wieder aufgenommen. Insgesamt war an den Gewerbeschulen und an
30 weiteren Schulen in München der Unterricht eingestellt worden. Auf diese Weise ließen
sich wöchentlich 5000 Zentner Kohlen und Koks einsparen, mit denen rund 5000 Familien in jeder Woche versorgt werden konnten.

In den letzten Kriegsjahren wurde an den Sendlinger Schulen der Schulbetrieb stark
beeinträchtigt, da die Schulgebäude zum Teil als Lazarett verwendet wurden.

Das Elysium in der Kidlerstraße diente als Militärdepot. Im Tanzsaal waren bis
zu 100 Rekruten kaserniert, während die übrigen Räume als Kantine, Schreibstube,
Bekleidungskammer und Waschraum dienten.

Im Juli 1917 wurden die Schüler und Schülerinnen der höheren Volksschulklassen
von Thalkirchen und dem Sendlinger Oberfeld aufgefordert, sich zu leichteren, vorbe-
reitenden Arbeiten der Gemüsekonservierung zur Verfügung zu stellen. Zur Beteiligung
an dieser Arbeit, die täglich 4 Stunden in Anspruch nahm und pro Stunde mit 1 Mark
entlohnt wurde, war die Einwilligung der Eltern erforderlich.

Am 15. August 1917 wurde dem Metzger Franz Rinshofer in der Brudermühlstraße
1 Ochse abgenommen, den er im Haus Schäftlarnstraße 72 heimlich geschlachtet hatte.

Ebenfalls 1917 mussten die Glocken von St. Margaret auf dem Gelände der Städtischen
Elektrizitätswerke in der Isartalstraße abgeliefert werden. Als Entschädigung wurden
pro Kilogramm 2,-- Mark gezahlt. Hinzu kam die feste Grundgebühr von 1.000 Mark
für den Ausbau des Geläutes sowie eine Ablieferungsprämie von 766,50 Mark, so
dass die Pfarrei eine Entschädigung von insgesamt 3.939,50 Mark erhielt.
Auf dem Meldeschein für Dachkupfer hatte der Architekt Bämmel bereits 1915
vermerkt: „Ich kann deshalb eine freiwillige Ablieferung nicht ohne weiteres befürworten,
da der Kirchenverwaltung höhere Kosten entstehen würden, als die Entschädigung
ausmacht.“

An weiteren Ereignissen in dieser Zeit sind festgehalten, dass am 7. Oktober 1915
der Zufluchtsverein des Katholischen Fürsorgevereines für Mädchen, Frauen und
Kinder e.V. von der Rosenheimerstraße in die Plinganserstraße 115 übersiedelte.
Die Einweihung der neuen Bleibe begann mit einem Gottesdienst in der Kirche
St. Achaz, zelebriert von Geistlichen Rat Schneeweis. Es nahmen etwa 50, „meist
in jugendlichem Alter stehende Schützlinge“, die Aufsichtspersonen, Vorstands-
damen des Katholischen Fürsorgevereines und anderer Wohlfahrtsverbände teil.
Dem Gottesdienst schloss sich eine kleine Feier und ein Rundgang durch das neue Haus an.

Am 30. Oktober 1915 wurde auf dem (alten) Sendlinger Friedhof der Gutsbesitzer
Simon Kafler beerdigt. „An der Spitze des Trauerzuges“ - so der Chronist - , der sich
unter dem Geläute der großen Glocke von St. Margaret zur reich geschmückten Ruhe-
Stätte bewegte, schritten die Abteilung 1 der Freiwilligen Feuerwehr München,
der Krieger- und Veteranenverein Sendling I, die Schützengesellschaft „Alte Schützen“
und der Katholische Männerverein. Kafler hatte mit zwei anderen Sendlinger Familien
Den Bauplatz für die neue Kirche kostenlos zur Verfügung gestellt und für den
Bau und die Kirchenausstattung viel gespendet. In Anerkennung dieser Unterstützung
wurde er vom König bei der Einweihung der Kirche mit dem Verdienstkreuz vom
Michaelorden 4. Klasse ausgezeichnet.

Im Jahre 1916 eröffnete die Katholische Gesamtkirchenverwaltung den Wettbewerb
unter den in München lebenden Architekten und Künstlern „zur Erlangung von
Entwürfen für die neue St. Korbinianskirche am Gotzingerplatz. Das Projekt um-
fasste die Kirche mit Sakristei, angebautem Pfarr- und Wohnhaus für Kirchenange-
stellte. Im Preisgericht waren unter anderem der städtische Baurat Prof. Grässl und
der Stadtpfarrer von St. Margaret Gilg vertreten. Der 1. Preis war mit 2.500 Mark
dotiert. Die Entwürfe waren bis spätestens 16. April 1916, abends 6 Uhr, im Büro
der Katholischen Gesamtkirchengemeinde einzureichen.
Diese Frist löste Proteste aus, da die an der Front kämpfenden Architekten und Künstler
Sich wegen der Kürze der Zeit nicht an dem Wettbewerb beteiligen konnten.


1917 tötete eine 17-jährige Werkmeistertochter aus der Zechstraße die 83 Jahre
alte Privatierswitwe Victoria Schweichart, „um eine Affaire zu haben“. Die Täterin
wurde von der Jugendstrafkammer des Landgerichtes München I zu 10 Jahren
Gefängnis verurteilt.

Im August des gleichen Jahres stirbt ein Berufsfeuerwehrmann aus der Meindlstraße
nach dem Genuss selbst gesammelter Pilze.

Im Dezember 1917 brach in der Thalkirchner Straße 204 ein Brand aus. Dieses Grund-
Stück, eine Art Gewerbehof, war an verschiedene holzverarbeitende Betriebe
vermietet. Das Hobelwerk, das Maschinenhaus und das Bürogebäude der Firma Hutterer
brannten vollkommen nieder, ebenso die benachbarte „Dampfspalterei“ Rasp.
Die vor der Firma Hutterer lagernden Vorräte sowie das verschiedenen Schreinereien
gehörende und hier lagernde Holz wurde ein Raub der Flammen. Oberhalb des
Hobelwerkes gelagerte Stühle, bestimmt für die Ostpreußenhilfe, verbrannten u.a.
10.000 Bündel Brennholz und 400 Rahmen Brennholz. Die Ursache für das Feuer wurde
nicht bekannt.

3 Monate später, im Februar 1918 brannte das Sägewerk Heller in der Schäftlarnstraße
nieder. Neben dem Vollgatter und dem Werkstattgebäude, einem 80 Meter langen und
40 Meter breiten Fachwerkbau wurde ein Teil des dort lagernden Nutzholzes vernichtet.
Der Schaden war beträchtlich.

So weit die wichtigsten Ereignisse in Sendling während des 1. Weltkrieges.




Der Bau der Sendlinger KircheDer Bau der Sendlinger Kirche


Teil 2
Zwischenzeitlich, im Jahr 1903 war ein jäher Preissturz bei den Immobilien Eingetreten, so dass die Grundstücke nur zur Schleuderpreisen hätten verkauft werden können. Nach dem Richtfest wurde offenbar, dass die Summen des Kostenvoranschlages nicht eingehalten werden konnten. So erklärte der leitende Architekt, dass die bisherigen Aufwendungen 700.000 Mark betrugen, für die Fertigstellung aber noch 872.000 Mark erforderlich seien. Der Kirchenbau sollte also statt 1,1 Million Mark 1,572 Millionen Mark kosten. Auf Befragung erklärte der Architekt u.a. schriftlich – zu den Sitzungen des Kirchenbauvereines erschien er ab jetzt nicht mehr persönlich: “Der ursprüngliche Voranschlag hatte eigentlich vom Anfang an keine wirkliche Geltung gehabt, weil darin die Baukosten nur in einem allgemeinen Überschlag schätzungsweise aufgeführt seien.“ Zum dritten stellte sich erst später heraus, dass mit der Kassenführung nicht alles in Ordnung gewesen sein konnte.
Ein gravierendes Versäumnis des Kirchenbauvereines wie auch des Pfarrers war, dass niemand mit der zentralen Bauüberwachung betraut war, sondern dies dem Architekten überlassen blieb. Der Kirchenbau kam deshalb nicht mehr so schnell voran wie ursprünglich geplant. Die finanziellen Schwierigkeiten häuften sich und des wurden Stimmen laut, die sogar die Einstellung des Kirchenbaus forderten. Um aus den finanziellen Schwierigkeiten herauszukommen, entschloss sich die Kirchenverwaltung im Jahre 1904 eine Kirchensteuer zu „Fünfzehn von Hundert“ zu erheben. Der gleiche Beschluss wurde auch in den Jahren 1905 und 1906 gefasst. Diese Kirchensteuer war, so schreibt der spätere Pfarrer Gilg „bei der großenteils politisch auf dem Boden des Marxismus stehenden Bevölkerung nicht bloß vollkommen neu und ungewohnt, sondern auch unbeliebt. Dieser Boden war für die Werbearbeit der Marxisten äußerst günstig.“
Die Sozialdemokraten (von Pfarrer Gilg „Marxisten“ genannt) veranstalteten Versammlungen, in denen sie gegen den Kirchenbauverein und die Kirchenverwaltung, und insbesondere gegen den damaligen Pfarrer Reiner zu Felde zogen. Bei der Neuwahl der Kirchenverwaltung 1906 wurden „ 2 Marxisten“ gewählt, die grundsätzlich jegliche Kirchensteuer für den Kirchenbau ablehnten. Mit ihren 2 Vertretern waren sie aber noch in der Minderheit. 1908 stellten der Redakteur bei der Münchner Post Martin Gruber – ein Sendlinger – und der Landtagsabgeordnete Erhard Auer bei der Kreisregierung den Antrag, dass zusätzlich 3 weitere Kirchenverwalter gewählt werden sollten. Die Anzahl der Mitglieder der Kirchenverwaltung wie auch der Kirchengemeindevertreter sei im Hinblick auf die „mächtig angewachsene Zahl der Kirchengemeindemitglieder viel zu gering“ – so die Begründung des Antrages. Diesem Antrag entsprach die Kreisregierung. So kam es 1909 zu den Ergänzungswahlen. Der Auftakt des Wahlkampfes für diese Wahl war eine Veranstaltung der SPD im Kochelbräu. Als Referent verwies Martin Gruber auf die schlechte finanzielle Lage des Kirchenbauvereines, und prangerte die „Misswirtschaft sondergleichen“ der Kirchenverwaltung an. Er bezweifelte die Rechtswirksamkeit des Beschlusses, eine Hypothek für den Kirchenbau aufzunehmen.
Am Schluss seiner Rede forderte er die Steuerzahler auf, die „Bezahlung der Kirchensteuer“ zu verweigern. Unterstützt wurde die Agitation der Sozialdemokraten unbewusst durch ein anderes „maßgebendes Ausschussmitglied des Kirchenbauvereines“. Dieses hatte vor dem Katholischen Männerverein Sendling erklärt: „Der Sendlinger Kirchenbauverein ist reif für den Konkurs ! – Wenn die Lieferanten und Unternehmer drängen würden, müsste der Kirchenbauverein Konkurs anmelden.“ Das Thema „Sendlinger Kirchenbau“ fand ein lebhaftes Echo in der Münchener und Augsburger Tagespresse. Speziell in der Münchener Post, dem Organ der SPD, wurde es von Martin Gruber „ausgiebig behandelt“. Martin Gruber wohnte in der Pfeuferstraße 41, seine Frau war eine geborene Bosserau. Sie stammte aus der Pfalz, ihr Bruder war dort katholischer Geistlicher, ausgezeichnet mit dem Titel eines Monsignore, für die Gründung zahlreicher caritativer Anstalten. Bei ihm verbrachte die Familie alljährlich den Sommerurlaub. Übrigens: die Tochter von Grubers heiratete später den Tanzlehrer Peps Valenci.
Bei den Ergänzungswahlen gewann die SPD alle 3 Mandate. Damit hatten die “Marxisten“ die absolute Mehrheit in diesem Gremium. Mehr und mehr kam das Ordinariat in München zu der Ansicht, dass der damalige Pfarrer Reiner für die Beaufsichtigung und Durchführung des Kirchenbaues nicht der richtige Mann sei. Vor allem wegen der Gefährdung des Kirchenbaues hielt man eine Auswechselung des Pfarrers für unvermeidlich. Die Sozialdemokraten sprachen schon offen von der Verwendung des Kirchengebäudes als Sängerhalle oder ähnliches. Der Wechsel in der Pfarrei wurde Mitte 1909 vorgenommen. Pfarrer Reiner wurde in die Nähe von Wasserburg am Inn versetzt. Nach Sendling kam als neuer Pfarrer Alois Gilg, bisher in Eggstätt am Chiemsee. Tatkräftig ging Pfarrer Gilg daran, einerseits den Bau voranzutreiben, andererseits die Finanzen zu ordnen.
Vorrangig musste die Finanzierung der halbjährlich fällig werden Hypothekenzinsen und Tilgungen gesichert werden. Hierfür wurden die während der Messen gesammelten mittels Klingelbeutel gesammelten Opfergelder verwandt. Die Sammlungen bisher nur an Sonn- und Feiertagen üblich wurden auf die Werktagsmessen ausgedehnt. Zum zweiten wurden die Zahlungen aus der „Diözesan-Konkurrenz- Kasse“ für die fälligen Kapitaldienste verwandt. Weiter wurden Bettelbriefe in plakativer Form an alle Seelsorger in der Erzdiözese verschickt. Das Ergebnis dieser Briefe waren 6.000 Mark und mehr pro Jahr. Die anderen Pfarreien unterstützten den Pfarrer von Sendling, weil das Verhalten der mehrheitlich sozialistischen Kirchenverwaltung als Paradebeispiel für den Kampf der SPD gegen die katholische Kirche gesehen wurde. Des weiteren konnte durch Umfinanzierungen sowie durch zusätzliche Zahlungen begüteter Sendlinger Bürger der finanzielle Spielraum ausgeweitet werden, so dass der halbjährliche Schuldendienst gesichert war. Dadurch war es Pfarrer Gilg möglich den Bau der Kirche zu forcieren und den Innenausbau so weit voranzutreiben, dass Weihnachten 1909 Auf dem neuen Hochaltar die Festmessen in würdiger Form gefeiert werden konnten. Der Hochaltar wurde vom Königshaus gestiftet (deshalb das Königswappen an oberster Stelle des Altars).
Nachdem der Schuldendienst abgesichert war und der Bau Fortschritte machte, flossen ab 1910 die Spenden wieder. Der Bauer Stemmer stiftete 40.000 Mark, eine Verwandte desselben 20.000 Mark und ein anonymer Geber 3.000 Mark. Es erfolgten testamentarische Vermachungen zu Gunsten des Kirchenbaues. Außerdem konnte ein Grundstück des Kirchenbauvereines zu einem guten Preis an die Stadt München verkauft werden. Selbst Erhard Auer verlangte in einer Sitzung der oberbayerischen Landtagsabgeordneten, dass die Kirchengemeinde Sendling 1.000 Mark aus dem Fonds für Kulturbauten in Oberbayern erhalte.
Trotzdem ging der „Kampf“ der Sozialdemokraten unter Führung von Martin Gruber in Sendling unvermindert weiter. So hatte eine Frau aus Rosenheim ihr Vermögen der Pfarrkirche Sendling vermacht, mit der Auflage, 6.450 Mark an den „Verein der Zentrumswähler in München“ zu zahlen. Der Pfarrer und der Kirchenpfleger zahlten daraufhin den Betrag an den „Zentrumswahlverein“, was Gruber zur Beschwerde bei der Kreisregierung veranlasste. Die Regierung entschied, dass Pfarrer und Kirchenverwalter das Geld wieder herbeischaffen müssten, sobald der Beweis erbracht sei, dass ein anderer Verein und nicht der „Zentrumswahlverein“ Anspruch auf dieses Legat habe. Der Beweis wurde nie erbracht. Auch wurde die Rechtmäßigkeit des Beschlusses über die Aufnahme der Hypothek in Höhe von 700.000 Mark bestritten. Von der sozialistischen Mehrheit wurden 2 Gutachten bestellt und ein Verfahren bei der Kreis-Regierung angestrengt. Erfolg dieser Aktion: Die Rechtmäßigkeit des Hypothekenbeschlusses wurde bestätigt. Die angefallenen Gutachter- und Verfahrenskosten in Höhe von 1.040 Mark mussten vom Kirchenbauverein aufgebracht werden. Noch einmal musste sich Pfarrer Gilg an die Kreisregierung wenden, da die sozialdemokratisch dominierte Kirchenverwaltung den Einbau einer geschenkten Orgel ablehnte, mit der Begründung: „Die Orgel würde in der, dem Kirchenbauverein gehörenden Kirche aufgestellt, und außerdem könnte der Gottesdienst auch ohne Orgel abgehalten werden“. Der Entscheid der Regierung fiel so aus, dass die „Marxisten“, mit Gruber an der Spitze, aus Gründen der besseren Einsicht“ dem Einbau der Orgel zustimmten.
1913 kam es zu den turnusmäßigen Kirchenwahlen. Gewählt werden mussten 7 Kirchenverwalter und Ersatzmänner, 21 Bevollmächtigte und 8 Ersatzmänner für die Kirchengemeinde St. Margaret 5 Bevollmächtigte zur Gesamtkirchengemeinde München. Letztere Institution war von Kardinal von Bettinger mit Zustimmung der 23 von 25 Kirchenverwaltungen eingerichtet worden. Sinn dieser Institution war es, u.a. eine Art finanziellen Lastenausgleich zwischen den reicheren Gemeinden der Stadtmitte und den ärmeren Gemeinden am Stadtrand zu Schaffen. Eine der beiden Kirchenverwaltungen, die dies ablehnte, war Die Kirchenverwaltung von St. Margaret. 7 – Den Wahlkampf eröffnete Erhard Auer mit einer großen Versammlung. Hier erklärte er, dass das Treiben des Pfarrers von Sendling darauf hinaus laufe, den Steuerzahler noch mehr Kirchenumlagen aufzubürden. Für die Fertigstellung der Kirche seien noch mindestens 1 Million Mark erforderlich. Des weiteren wurde dem Pfarrer der Vorwurf gemacht, dass 4000 Steuerzahler um ihr Wahlrecht geprellt worden seien, da die Frist für die Anmeldung zur Eintragung in das Wählerverzeichnis nicht hinreichend bekannt gewesen sei. Neben Propaganda und Agitation versuchte man die Kirchenahlen selbst zu stören und gar zu verhindern. Es wurden den Anhängern der „Pfarrhofpartei“ gefälschte Stimmzettel in’s Haus geschickt. Dem Pfarrer wurden von der Mehrheit der Kirchenverwaltung nur 3 Wahlhelfer zur Seite gestellt, die ihrer Aufgabe nicht gewachsen waren. Der Führer der Abstimmungsliste war „ohne Übung im Alphabet und konnte nur mühsam im alphabetisch geordneten Wählerverzeichnis die Namen der Abzustimmenden finden. Es erschienen Nichtkatholiken und Nichtwahlberechtigte zur Wahl, was wegen des Suchens im Wählverzeichnis zu erheblichen Schwierigkeiten führte. Der Pfarrer selbst war aufgrund dessen gezwungen, von 10 – 17 Uhr ununterbrochen im Wahllokal anwesend zu sein. Pfarrer Gilg schrieb dazu: „Man musste den Eindruck gewinnen, als wollten die Marxisten absichtlich der Wahlhandlung Schwierigkeiten bereiten, um für alle Fälle wenigstens Gründe für eine Wahlanfechtung parat zu haben.“
Trotz dieser Schwierigkeiten konnten die Wahlen ordnungsgemäß durchgeführt werden. Nach der Auszählung ergab sich, dass die Sozialdemokraten die absolute Mehrheit in der Kirchenverwaltung und damit die Wahl verloren hatten. Die Sendlinger Kirchenwahl war von einem solchen Interesse, dass sich Kardinal von Bettinger persönlich per Telefon bei Pfarrer Gilg über den Wahlausgang informierte und zum Sieg über die „Marxisten“ gratulierte. „Hintennach“, so Pfarrer Gilg, „machte einer der Genossen die resignierte Äußerung: Nun mögen sie halt ihren Kobel fertig bauen“. Damit konnte der Bau der Kirche in Sendling beschleunigt fortgesetzt werden. Die Wahl der Bevollmächtigten für die Kirchengemeinde, wie auch für die Gesamtkirchengemeinde München brachten das gleiche Ergebnis wie die Wahl zur Kirchenverwaltung. Die Wahl der Bevollmächtigten für die Gesamtkirchengemeinde München wurde von Erhard Auer und Martin Gruber wegen 8 Verstößen gegen die Wahlordnung angefochten. Die Kreisregierung verwarf jedoch die Beschwerde, worauf die Beschwerdeführer Berufung beim königlichen Verwaltungsgerichtshof einlegten. Diese wurde jedoch einige Tage später, kurz vor dem Verhandlungstermin zurückgezogen. Die Kosten für das gesamte Verfahren, 300 Mark, mussten Auer und Gruber selbst tragen. Nach 11-jähriger Bauzeit konnte die Sendlinger Kirche im Jahre 1913 fertig gestellt werden. Am 16. November nahm Kardinal von Bettinger die feierliche Einweihung vor. Ehrengäste waren König Ludwig III. und seine Gemahlin Therese sowie der gesamte Hof.



Der Bau der Kirche
St. Margaret

Teil 1
Bedingt durch die Bevölkerungszunahme in Sendling wurde die alte Sendlinger Kirche, die nur 300 Besucher konnte, zu klein. 1892 wurde deshalb von 73 Sendlinger Bürgern der „Kirchenbauverein Sendling“ gegründet. Weck des Vereins war: „Zur Erbauung einer neuen katholischen Pfarrkirche in Sendling Beiträge zu sammeln“.
Innerhalb von 9 Monaten schlossen sich dem Verein 527 Bürger an und brachten insgesamt in diesem Zeitraum die für die damalige Zeiten staatliche Summe von 12.700 Mark auf. Durch Veranstaltungen im Elysium (in der Khidlerstraße) sowie durch Sonderkollekten erbracht, verfügte der Verein sechs Jahre später bereits über flüssige Mittel in Höhe von 111.000 Mark. Hinzu kam der Platz für den Kirchenbau, eine Fläche von 2,13 Tagwerk. Dieser war eine Schenkung der Sendlinger Bauern Alois Stemmer, Simon Kafler und Anton Berger. Außerdem hatte Prinzregent Luitpold das Protektorat für den Kirchenbau Übernommen und die Summe von 40.000 Mark, zahlbar nach Baufort- schritten in
4 Jahresraten, in Aussicht gestellt.
Jetzt begann der Kirchenbauverein mit Planung und Projektierung der neuen Kirche. Er beauftragte mit dem Entwurf des Bauplanes den Architekten Michael Dosch. Die neue Kirche sollte im Stil der italienischen Hochrenaissance entstehen, 70 Meter lang und 32 Meter breit mit Platz für 4000 Personen. Als Honorar für den Architekten wurden 6 % der anfallenden Baukosten vereinbart.
3 Jahre nach Auftragserteilung konnte der Architekt wegen „langwieriger und schwieriger Verhandlungen mit der Localbaukommission“ noch keinen Plan vorlegen. Dieser wurde 1 Jahr später von Dosch eingereicht, der vom Ministerium wegen allzu hoher Baukosten (2 Millionen Mark) abgelehnt wurde. Der Plan wurde überarbeitet und es wurde ein Bau mit einem Kostenvolumen vom 1 Million Mark und zusätzlich für die Einrichtung
100.000 Mark projektiert.
Der Plan fand die Zustimmung des Kirchenbauvereines, der Kirchenverwaltung und der staatlichen und städtischen Behörden, so dass mit dem Bau begonnen werden konnte. Zu dieser Zeit betrug das Vermögen des Kirchenbaufonds: 160.000 Mark jederzeit verfügbares Bargeld, 700.000 Mark fest zugesagte Hypotheken, und 650.000 Mark Verkehrswert der 13 Tagwerk Grundstücke, insgesamt also eine Summe von 1.510.000 Mark. Mit diesen Mitteln im Hintergrund, konnte der mit 1,1 Million Mark Kosten veranschlagte Kirchenbau in Angriff genommen werden. Im Frühjahr 1902 wurde mit den Bauarbeiten begonnen. Am 6. Juli 1902 wurde in Anwesenheit des Prinzregenten Luitpold der Grundstein von dem Münchner Erzbischof von Stein gelegt. 1904 wurde in feierlicher Weise das Richtfest begangen.



Sendling aus der Geschichte des 6. Stadtbezirkes
(früher XIX. Stadtbezirk)

Am 1. Januar 1877 wurde das Dorf Sendling von München eingemeindet.
Das Gebiet mit 1.158 Hektar war wesentlich größer als der heutige
6. Stadtbezirk (394 Hektar). So gehörten große Teile des Westends und
der Theresienwiese zu Sendling.

Das alte Sendling war bei seiner Eingemeindung ein größeres Dorf mit 5805
Einwohnern, in dem hauptsächlich Landwirtschaft betrieben wurde.

Lanzhammer errechnet in seinem Buch „Alt-Sendling und seine Beziehungen
zu München“, dass von den Sendlinger Bauern täglich 3000 Liter Milch in die
Stadt gebracht und jährlich 550 Stück „erstklassiges Schlachtvieh“ geliefert
wurden. Schafzucht wurde nicht betrieben, die Schafweiden wurden verpachtet.

Am 17. August 1877 erhielten einige Straßen in Sendling – dem damals jüngsten
Stadtteil von München – neue Namen.

Laut Magistratsprotokoll wurden vom Ausschuss folgende Vorschläge gemacht,
die vom Magistrat der Stadt München auch gebilligt wurden:

“Die Sendlinger Landstraße soll von ihrem Beginn bis zur Kirche auf der
  Sendlinger Höhe Lindwurmstraße, zur Erinnerung an den verdiensten Kranken-
  hausdirektor Professor Dr. Lindwurm, von da bis zur Burgfriedensgrenze
  Plinganserstraße, die Straße parallel der Sendlinger Hauptstraße Meindlstraße,
  zur Erinnerung an die Führer der Landesverteidiger des Jahres 1705 Plinganser
  und Meindl genannt werden. Für die Straße von der Sendlinger Landstraße nach Osten
  zugewandt wird der Name „Senserstraße“ vorgeschlagen, zur Erinnerung an den
  ebenfalls aus jener Zeit bekannten Senser, der den Aufstand in München organisierte,
  um mit Bauern die Österreicher aus der Stadt zu vertreiben. Für die Parallelstraße
  von der Sendlinger Hauptstraße, westlich gegenüber der Kirche, Jägerwirthstraße,
  zur Erinnerung an den aus jener Zeit bekannten Münchner Bürger, welcher seine
  Beteiligung an dem Aufstand mit seinem Leben bezahlen musste.“

Die Sendlinger gaben sich mit nur Straßenumbenennungen nicht zufrieden, sie ver-
suchten selbst durch bessere Verkehrsanbindungen näher an München heranzukommen.

Wohl hatte nach der Eingemeindung ein privater Fuhrunternehmer einen regelmäßigen
Fahrdienst zwischen München und Sendling errichtet, ihn aber nach kurzer Zeit wieder
einstellen müssen. Trotz des geringer Fahrpreises von 20 Pfennigen war diese „Verkehrs-
linie“ von der Bevölkerung nicht angenommen worden.

So bildete sich am 19. November 1879 in Sendling ein „Comite“ unter Führung des
Ingenieurs und Bauunternehmers Heilmann. Ziel des Comites war die Errichtung
einer Pferdebahn zwischen Sendling und München.

Dieses Comite lud für 12. Dezember 1881, abends 8 Uhr, die Bevölkerung zur ersten
Bürgerversammlung Sendlings ein. Die Tagesordnung umfasste 2 Punkte:
1. Berichterstattung in Angelegenheiten der Pferdebahn und der Kreuzung Lind-
    wurmstraße mit dem Bahnkörper (ebenerdig),
2. die Besprechung der Gemeindewahlen.

In der Stadtchronik wurde über diese erste Sendlinger Bürgerversammlung vermerkt:

“ Auf heute Abend hatte das Comite zur Förderung der Angelegenheit der Errichtung
   einer Pferdebahn durch die Lindwurmstraße nach Sendling wegen der andauernden
   Verzögerung dieser Angelegenheit eine öffentliche Versammlung in den großen
   Saal der vormaligen May’schen Brauerei in Sendling einberufen.
   Mit welchem brennenden Interesse die gesamte Frage allenthalben verfolgt wird,
   bewies die Zahl der Teilnehmer an dieser Versammlung, welche gegen 8 Uhr abends
   alle Sitzplätze des geräumigen Lokales und der Nebenräume besetzten, so dass die
   Späterkommenden auf den Gängen und zwischen den Tischreihen stehend den Ver-
   handlungen beiwohnen mussten.
   Bald nach 8 Uhr abends eröffnete der Ingenieur und Bauunternehmer Heilmann im
   Auftrage des Comites die Versammlung mit dem Ausdruck des Dankes für die zahl-
   reiche Teilnahme, erinnerte an die im gleichen Betreff am 19. November 1879 statt-
   gefundene Versammlung und deren Beschlüsse und berichtete so dann über die
   Tätigkeit, welche das damals gewählte Comite bereits entfaltet hatte.“

   Nach diesem Bericht und nach teilweise heftiger Diskussion wurde folgender
   Antrag beschlossen:

1. Das bisher tätig gewordene Comite wird ersucht, seine Tätigkeit fortzusetzen;
2. dasselbe wird ersucht, sich umzusehen, um Concessionäre für den Bau einer
    durch Sendling gehenden Tramway zu gewinnen;
3. wegen Verschleppung der Tramway-Angelegenheit , eventuell wegen Ver-
    schleppung der Vorarbeiten und der diese unglaublich findenden Angelegen-
    heiten soll Beschwerde bei der königlichen Regierung eingelegt werden;
4. der Magistrat soll veranlasst werden, über die schwebenden Fragen der
    Strassen- und Bahnkreuzung an der Lindwurmstrasse baldmöglichst die ent-
    gültige Entscheidung der betreffenden Behörden herbeizuführen.
5. auf sofortige Inangriffnahme der Canalisationsarbeiten an der Lindwurmstrasse
     soll energisch eingewirkt werden;
6. das Comite wird ersucht, sich mit den Tramway-Comites anderer Stadtbezirke
    zu gemeinsamen Vorgehen zu verbinden.

Diese Sätze wurden in gesonderter Abstimmung sämtlich und fast durchgängig mit
Einstimmigkeit angenommen. Zu Punkt 3 wurde beschlossen, dass die Beschwerde
unabhängig von den Conzessionsgesuchen sofort an die königliche Kreisregierung
anhängig gemacht werden soll.

Von zwei Seiten wurde dem „Comite der Dank der Versammlung für seine mühe-
volle Verantwortung ausgesprochen und durch Erheben von den Sitzen bekräftigt“

Mit dem Ausdruck der Freude darüber schloss Heilmann die Versammlung gegen
11 Uhr abends. Es waren ca. 250 Bürger gekommen.

Soweit der Bericht aus der Stadtchronik.

1882 wurde die Pferdetrambahn zwischen dem Stadtinneren und der Unterführung
an der Lindwurmstraße in Betrieb genommen. Sendling – das Dorf – blieb also
verkehrsmäßig vernachlässigt.
Kroneder schreibt hierzu in seiner Broschüre „Sendling und der südwestlichste
Stadttheil von München“:

“Wir fragen, wo leibt hier die Vertretung Sendlings, wenn überhaupt eine solche
  existiert und die objektive gleiche Fürsorge seitens der in dem Fall hierzu be-
  rufenen und verpflichteten einschlägigen Behörde gegenüber den bevorzugteren
  nicht zur Stadt gehörigen Orte Schwabing und Nymphenburg?“

1884, zwei Jahre später wurde die Pferdetrambahn von der Unterführung Lindwurm-
straße bis zum Maibräu (unterhalb des Sendlinger Berges) verlängert und 1894
also 10 Jahre später, nach Regulierung der Plinganserstraße, fuhr die Trambahn
bis Neuhofen. Am Sendlinger Berg musste ein zweites Pferd vorgespannt werden,
bei stärkerer Besetzung mussten die Fahrgäste oft auf halber Höhe aussteigen.
Sendling Plinganserstraße um 1890
Zwischen der Gründung des „Comites“ und der Erschließung Sendlings durch
die „Pferde-Tramway“ waren 15 Jahre vergangen.

1898 wurde die Pferdetrambahn durch die elektrische Trambahn ersetzt und
1901 bis zur Boschetsrieder-/ bzw. Hofmannstraße fortgeführt.

In der oben erwähnten Broschüre von Kroneder, die 1881 erschien, wird
Sendling quasi als der ideale Stadtteil zum Wohnen für die Münchner (1880
lebten in München 230.023 Einwohner) beschrieben:

„gerade die Lage und Gruppierung des Ortes es nun ist, welche Sendling
  zur gesündesten, freiesten und einmal schönsten Vorstadt Münchens qualifiziert,
  vorausgesetzt, dass alle Vorzüge erkannt und gewürdigt und im Interesse der
  Gesundheit eines großen Theiles der inneren Stadt zur allgemeinen Benutzung
  herangezogen und zugänglich gemacht werden“.

Sendling sollte nach den Vorstellungen Kroneders so bebaut werden, dass

“ das landschaftliche Bild dieser Anlage vergessen lassen müsste, dass man
   in der unmittelbaren Nähe einer Großstadt wohnt, wo man nach Luft und
   Geschäftsmühen Erholung finden könnte durch all die geschilderten Vorzüge
   und die dauernde reine Luft aus dem Westen und den Wäldern“.

Der Magistrat von München setzte in der Stadtentwicklung wohl andere Prioritäten.
Denn Kroneder beklagt das schlechte Verhältnis der Stadt München zu Sendling:
“Fürwahr man muß sich da gestehen, dass hier noch mit zweierlei Maß gemessen
 wird und dass man prinzipiell den Sendlingern nicht viel oder lieber gleich gar-
 nichts zukommen lassen will“.
Er beklagte aber auch das Verhalten der Sendlinger derart, „dass manche der dortigen
Bewohner (gemeint die Sendlinger) ziemlich indolent sind und wenig Verständnis
oder auch Dank für städtische Wohltaten besitzen.

 
Gegenläufig zu den Klagen verhielt sich die Entwicklung der Bevölkerung
in Sendling:

1877:  5.805 Einwohner bei der Eingemeindung

1880:  7.231 Einwohner ( + 25% gg. 1877)
                     davon: 185 außerbayerische Deutsche (darin: 26 aus Preußen,
                                   75 Württemberger, 25 aus Baden und Sachsen)
                    185 außerdeutsche Staatsbürger (darin: 158 aus Österreich-
                                        Ungarn)
                                     4 Nichteuropäer

1895:  8.115 Einwohner ( + 40% gg. 1877)

1900: 11.808 Einwohner ( + 103% gg.1877)

1905: 14.783 Einwohner ( + 155% gg. 1877 also in 28 Jahren)
                      davon: in München geboren    44%
                                  katholischen Glaubens     87%
                                  protestantischen Glaubens  12,5% 

Bei der Volkszählung 1905 wurden in Sendling in der

Berlepschstraße    1   Einwohner
Radlkoferstraße    4   Einwohner
Hansastraße          45   Einwohner
Holzapfelkreuth     27   Einwohner
Implerstraße          54   Einwohner
Marbachstraße      14  Einwohner
Meindlstraße          23  Einwohner
Johann-Clanze-Str.  32  Einwohner

gezählt.

Parallel zur Einwohnerzahl entwickelte sich der Wohnungsbestand. In
Sendling wurden gezählt:

1890: 1.542 Wohnungen
1905: 4.098 Wohnungen, davon      34%  mit 1 heizbaren Zimmer
                                                       39%  mit 2 heizbaren Zimmern
                                                       27%  mit mehr als 2 heizbaren Zimmern.

Zu dieser Zeit enthielten die „Altbauwohnungen“ in Sendling wenig Komfort.
Als Beispiel wird das Anwesen Pfeuferstraße 41 genannt. Bäder oder fließendes
Wasser in der Wohnung war unbekannt. Ein gußeisener Ausguss und der Abort
waren zwischen 2 Stockwerken im Treppenhaus eingebaut und mussten von den
Mietern gemeinsam genutzt werden. Im Keller wurden Stallhasen gehalten und
im Dachboden, wenn es der Hausbesitzer erlaubte Tauben.

Für eine „modern ausgestattete“ Wohnung zwischen 39m² und 56m², mit 1 oder 2 Zimmern, Küche oder Kochzimmer, Kammer und Abort mussten zwischen 12,-- und 25,20 Mark
gezahlt werden.

Die Nachfrage nach Wohnungen in Sendling war so, dass Wohnungen in einigen noch
nicht fertig gestellten Häusern bereits vermietet wurden.

Der Vollständigkeit halber seien hier noch einige Daten über Verdienste und Preise
angeführt.

Um 1900 verdiente ein männlicher Tagelöhner pro Tag 2,50 Mark, eine Frau 1,85 Mark am Tag.
Das Monatseinkommen eines Regierungssekretärs belief sich auf 250,-- Mark im Monat,
das eines Regierungsrates auf 500,-- Mark im Monat.

Die Lebensmittelpreise betrugen für:

½ Kilo Hausbrot zwischen             15 und 19 Pfennige
1 Semmel (52 gr.)                            3 Pfennige
1 Maß Bier                                    30 Pfennige
1 Liter Milch                                  10 Pfennige
500 gr. Schweinefleisch zwischen   70 und 80 Pfennige
1 Kilo Butter                                2,22 Mark
500 gr. Kaffee            zwischen       96 Pfennige und 1,07 Mark.

Für die Weiterentwicklung Sendlings setzte sich die „Freie Vereinigung
für den XIX. Stadtbezirk“ ein. Diese Vereinigung war ein Zusammenschluß von
Bürgern und Mitgliedern der politischen Parteien. Ihr gehörten zeitweise neben
dem Kaufmann und Kirchenrat Wieninger auch der Landtagsabgeordnete
Erhard Auer (SPD) und der Gemeindebevollmächtigte Niederwieser an.
Die Vereinigung verstand sich nach eigenen Worten als Vermittler zwischen
den Interessenten des Bezirkes und den städtischen und staatlichen Behörden.
Sie diente „nur der sachlichen Förderung der Bezirksinteressen“. Zweck waren
die Feststellung der Bedürfnisse und Wünsche des Bezirkes, die Aufdeckung
von Mängeln und der Hinweis auf die geeigneten Mittel zur Abstellung derselben.
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Einem Sitzungsbericht der Vereinigung ist eine von Erhard Auer eingebrachte und
einstimmig angenommene Resolution entnommen, welche die stadtentwicklungs-
politischen Forderungen der damaligen Zeit enthält:

“Eine direkte Trambahnführung Sendling – Marienplatz – Schwabing ist eine
  unbedingte Notwendigkeit, die so rasch wie möglich durchzuführen ist. Der
  Bau der Straßenbahnlinie Boschetsrieder-/Aidenbachstraße ist außerordentlich
  dringlich und es bedeutet eine große Schädigung eines in der Entwicklung
  stehenden Stadtteiles, wenn die Linienführung weiter hinaus geschoben wird.
  Desgleichen ist es ein unabweisbares Bedürfnis, die Stadtteile Sendling – Westend -
  Neuhausen zu verbinden und ferner sind die Punkte Kinderspielplatz, städtische
  Koksabgabe im Holzhof an der Thalkirchnerstraße, Fettschmelze, Vorortsverkehr
  am Südbahnhof, Billetabgabe an der Forstenriederstraße und namentlich die
  Regelung der schlechten Verhältnisse an der Implerstraße für die Entwicklung
  des XIX. Stadtbezirkes von außerordentlicher Bedeutung. Aus all diesen Gründen
  beauftragt die heutige Versammlung die neue Vorstandschaft alle geeigneten Mittel
  zu ergreifen, die zu baldmöglichster Regelung obiger Punkte führen.“

Behandelt wurde auch die Verlagerung der „Thermischen Tierleichenvernichtungs-
anstalt“ auf dem Sendlinger Oberfeld auf das städtische Gut Lengmoos, weit östlich
der Stadt. Begründet wurde dieser Antrag mit den „Ausdünstungen, die bei trübem
Wetter niedergedrückt und durch den überwiegenden Westwind in die bewohnten
Gebiete getrieben werden.“

Außerdem wurde darauf hingewiesen, „dass eine Menge
Ungeziefer durch die Anstalt herbeigeführt wird, was für die zahlreichen Ausflügler
in jene Gegend nicht gerade angenehm ist“.

 Heftig attackierte die Vereinigung die privaten Grundbesitzer. Diese und die
„Zersplitterung des Besitzes haben nicht wenig zur langsamen Entwicklung
  Sendlings beigetragen“.
Und an anderer Stelle klagt die Vereinigung:
“Das geringe Entgegenkommen der Grundbesitzer hat jedoch auch in anderer Hinsicht
  Nachteile für die Entwicklung des Stadtteiles zur Folge. Wer kein Entgegenkommen
  zeigt, dem kommt man auch nicht entgegen; wie du mir so ich dir sagt das Sprichwort.
  Wenn die Sendlinger selbst so wenig Verständnis für die Bedürfnisse und Entwicklungs-
  Möglichkeiten ihres Stadtteiles zeigen warum sollte die Stadtverwaltung für Sendling
  eintreten. Da waren die Interessenten der anderen Stadtteile rühriger, wenn es galt,
  irgendein gemeindliches oder staatliches Unternehmen, eine Anstalt oder Schule
  für ihren Bezirk zu sichern. Sendling geht dabei wiederholt leer aus. So ist es nun
  einmal in der Welt, wer sich nicht regt und sich nicht umtut, der bekommt nichts,
  der geht leer aus“.

Vermischtes aus der Stadtchronik, Sendling betreffend.

1880 wird ein Comite für die Renovierung des Bildes an der (alten) Sendlinger
Kirche gebildet, u.a. mit Stadtpfarrer Rieger, Kommerzienrat Pelkoven und Kaplan
Danzer. Diesem Comite gelingt es in relativ kurzer Zeit das Geld für die Renovierung
beizubringen. Insbesondere das Königshaus spendete. Prinz Otto stiftete 500 Mark,
Herzog Max Emanuel 100 Mark, die Königinmutter 100 Mark und die Prinzen
Luitpold und Arnulf jeweils 100 Mark.

Am 1.12.1880 veranstalteten die Offiziere des Ersten Schweren Reiterregiments
Eine Schnitzeljagd, „zu welcher die Offiziere der hier garnisonierenden Kavallerie-
abteilungen und Equitation“ eingeladen waren. Der Auslauf begann bei Sendling
und führte über Solln nach Großhesselohe, wo ein kleines Frühstück eingenommen
wurde. Von dort kehrte „die Gesellschaft unter Aufführung kleiner Reiterstückchen
wieder hierher zurück“.

Im Januar 1883 wird vermeldet, dass die von einem aus 12 Herren bestehenden
Comite in der Vorstadt Sendling veranstaltete Altertümer-Ausstellung am
15.1.1883 geschlossen wurde. Dieselbe verzeichnete einen Besuch von über
1300 Personen und erbrachte einen Reinertrag von 300 Mark.

Am 15.2.1886 zwischen 1 und 2 Uhr nachts wurde „ein Brand signalisiert“.
Es brannte in der Plinganserstraße, „in der Pferdekammer des größten Anwesens,
genannt zum Bauernwirt, dem Ökonom Franz Westermayer jun. gehörig.
Das Feuer erfasste alsbald das große etwas vorwärts stehende Wohnhaus nebst
Stallung. Erst nach 2-stündiger Arbeit der herbeigeeilten Feuerwehr war die
dringendste Gefahr beseitigt, dass nicht die umgebenden Anwesen, insbesondere
der mit Schindeln gedeckte Pfarrhof ein Raub der Flammen wurden. Der Wirt
sowie die Pferde wurden gerettet, woran die Gendarmerie Sendlings den
Hauptverdienst hatte.“

Aufgrund dieses Brandes genehmigte dann der Magistrat der Stadt München
die Errichtung von Hydranten in den Vorstädten.

Aufsehen erregt in den 90-iger Jahren des 19. Jahrhunderts in Sendling
Ingenieur Wöllfert mit einem lenkbaren Luftschiff. Südlich der Khidler-
straße befand sich eine Bretterhalle, mit dem von Wöllfert konstruierten,
ca. 12 Meter langen Ballon in Zigarrenform. Die Gondel des Ballons bestand
aus einem rechteckigen Korbgestell. In der Gondel befanden sich zwei mit
einem Fahrradgetriebe und Tretgestell verbundene Windflügel aus gespanntem
Stoff, die durch Fußantrieb bewegt wurden. Der Ballon wurde vor den Versuchs-
Flügen mit Seilen mit der Gondel verbunden. Wöllfert machte mit diesem
“Luftschiff „  mehrere Versuchsflüge. Einmal flog er bis zur Stadtmitte, umkreiste
den Dom und flog zurück nach Sendling. Über der Stadtmitte brannte er ein
bengalisches Feuer vom Ballon aus ab. Die Landung gelangte ihm nicht ganz
bei seiner Halle. Er kam in der Nähe des heutigen Tannengartens herunter,
von wo der Ballon nach Entladung mit einem Leiterwagen zur Halle südlich
der Khidlerstraße zurückgebracht wurde.
Wöllfert übersiedelte später nach Berlin, wo er eines Tages mit seinem Ballon
auf einem Versuchsflug tödlich verunglückte.

Aus dieser Zeit ist vom Bau der Plinganserschule zu berichten. Zunächst zwei-
Stöckig wurde die Schule 1883 um 6 Schulsäle und einen Turnsaal erweitert.
1889 mußte abermals ein Turnsaal und 6 Schulzimmer umgebaut werden. Ins-
gesamt war damit für 818 Kinder Platz geschaffen.

Eines der Kinder, das in den 80-iger Jahren des 19. Jahrhunderts in der Plinganser-
schule die Schulbank drückte, wurde später weltberühmt. Es war Albert Einstein,
der 1921 den Nobelpreis für Physik erhielt. Hinweise auf die Plinganserschule
sind nur aus seiner Biographie ersichtlich, schriftliche Zeugnisse in der Schule
fehlen.

Sicherlich haben manche Kinder der Plinganserschule mit Begeisterung in den
“Lebenden Büchern“ von Lothar Meggendorfer geblättert. Dieser baute sich
1881/1882 an der Ecke Lipowsky-/Spitzwegstraße ein Haus, das ein weitläufiger
Garten umschloss. Dort hielt sich Meggendorfer zahlreiche Tiere, wie Affen,
Papageien, Pfauen und Kakadus, die ihm als Vorlage für seine Zeichnungen
in Bilderbögen und Bilderbüchern dienten. Von Sendling aus gingen seine Bilder-
bücher in alle Welt, sogar bis in die seinerzeit deutsche Kolonie Kamerun. Die
Darstellung von Negerkindern in einem Buch veranlasste die Negerbuben der
Deutschen Schule in Kamerun zu einem Leserbrief an Meggendorfer, in dem es hieß,
„aber so schwarz wie Sie uns malen, sind wir doch nicht. 1891 ist Meggendorfer
nach Kohlgrub verzogen.

Vom 12.9. – 27.9.1900 streikten die Arbeiter in der Fabrik für Holzverarbeitungs-
maschinen in Obersendling. Eine neue Betriebsleitung hatte die tägliche Arbeits-
zeit von 9,0 auf 9,5 Stunden erhöht. Als die Arbeiter die sofortige Zusage der
Betriebsleitung für die Beibehaltung der bisherigen Arbeitszeit haben wollten,
kam es zum Streik, als die Betriebsleitung dies verweigerte.
Nach 15 Streiktagen einigte man sich auf eine wöchentliche Arbeitszeit von
54,5 Stunden. An den 6 Werktagen wurden von 07.00 Uhr bis 12.00 Uhr -
und nach der Mittagspause – von 13.00 – 17.30 Uhr gearbeitet, mit einer nochmaligen
Pause von 20 Minuten.
“Polizeiliche Maßnahmen waren nicht erforderlich“.



                                                                                                                    
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