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Sie kommt aus Brasilien, aus einem Land, in dem Eishockey (noch) keine Rolle spielt. Doch das hinderte Ana Torres Reichelt nicht, dem EHC Red Bull München - wie der gesamten Sportart - zu verfallen. Sie wird in isarbote.de von Zeit zu Zeit an dieser Stelle darüber erzählen, was diese Leidenschaft so mit sich bringt.
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Meine abergläubischen Eishockey-Socken
Von Ana Candida Torres Reichelt Hand aufs Herz – ist jemand von Ihnen abergläubisch? Wahrscheinlich sollte ich es nicht sein, aber ich bin es ... sehr sogar. Brasilianer sind von Natur aus abergläubisch. Warum? Um ehrlich zu sein: Ich habe keine Ahnung.
Es ist schwer, nicht abergläubisch zu sein, wenn man aus einem Land kommt, in dem man niemals unter einer Leiter hindurchgehen darf. In dem man auf Holz klopfen muss, um Unglück abzuwenden (aber auf gar keinen Fall auf einen vierbeinigen Tisch, dann kommt der Fluch zurück!). Oder, was noch schlimmer ist: Man darf seine Flip-Flops nicht mit den Sohlen nach oben liegen lassen, sonst bringt man das Leben seiner Mutter in Gefahr! Ja, meine Freunde, es ist wirklich wahr!
Diese Dinge werden von Generation zu Generation weitergegeben. Ich habe es von meinem Vater. Er war ein harter Soldat, ein Fallschirmjäger. Aber er war äußerst abergläubisch. Vor allem, wenn es um Sport ging, genauer gesagt um seine Lieblingsmannschaft: Um Vasco da Gama – natürlich die beste Mannschaft Brasiliens - gefühlt - und damit eine direkte Seelenverwandte des TSV 1860. Mein Vater konnte kein Spiel im Fernsehen anschauen, wenn unser schwarzer Cocker-Spaniel Thierry nicht an seiner Seite war. War er es nicht, dann rief mein Vater: „Wo ist mein Glückshund?! Das Spiel fängt gleich an!“ Armer Thierry. Aber er war ein sehr braver Junge und schaute sich die Spiele ohne zu murren an. Wahrscheinlich war auch er ein echter Vasco-Fan.
Dann zog ich nach Deutschland, und dachte, ich wäre geheilt ... Bis Eishockey in mein Leben kam. Sie ahnen es vielleicht: Wenn der EHC Red Bull München ein Spiel verlor, dann war der Schuldige … erst einmal meine Socken. Es waren die falschen. Lachen wir darüber, klar, aber diese Socken werden kein Tageslicht mehr sehen. OK, zumindest nicht das Licht einer Eishockey-Halle. Alles andere wäre unverantwortlich!
Man könnte wahrscheinlich damit leben, wenn es bei den Socken geblieben wäre. Aber nein, der Wahnsinn hat sich auf die Trikots ausgeweitet. Sie wissen es vielleicht nicht, aber meine EHC-Trikots bestimmen, ob ein Spieler in der nächsten Saison an Bord bleibt oder nicht. Nur ein Trikot, das ich besitze, ist nicht verflucht: mein geliebtes Auswärtstrikot mit der Nummer 42 von Yasin Ehliz!
Beispiele gefällig? Mein erstes Trikot überhaupt war ein Heimtrikot mit der Nummer 44, Zach Redmond – raus. (Das zweite war das gesegnete Trikot mit der Nummer 42, Ehliz.) Das dritte war ein Trikot mit der Nummer 8, Austin Ortega ... er ist … na klar: weg. Das vierte... die 3, Bittner. Das fünfte, Nummer 12, Smith. Das sechste, das tat richtig weh, Nummer 84, Parkes. All diese Spieler sind bei den Red Bulls mittlerweile Vergangenheit.
Meine Familie lacht darüber. Sie sagen: „Klar, die Spieler da unten sind vom Sockenirrtum so geschockt“ Aber das ist eine ernste Angelegenheit! Das hier ist Brasilien! Also, ziehe ich meine Schlüsse daraus: Um des Teams und der Fans willen (ok, nicht zu vergessen die Kreditkarte meines Mannes) werde ich mir nie wieder ein Trikot kaufen. Es sei denn, Yasin Ehliz klont sich selbst.
Im Ernst: Wenn ihr mich bald barfuß im SAP Garden herumlaufen seht, nur in streng neutralen Farben gekleidet und mit einem leicht paranoiden Gesichtsausdruck … ich tue nur meine Pflicht, alles für das Team! Eure Ana
P.S.: Ok, ich habe mir die Sache mit den Trikots überlegt. Ich will immer noch ein Hager-, ein Kastner-, ein DeSousa-, ein Hirose- und ein Brooks-Trikot ... irgendwann. Aber lieber erst, wenn sie auch schon für die nächste Saison unterschrieben haben.
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Trainer Oliver David. Foto: Red Bull München/City-Press
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Das Leuchten in Oliver Davids Augen
Klingt arg leidenschaftlich? Vielleicht, aber man kann es sehen.
Hat jemand von Euch schon einmal die Pressekonferenzen unseres neuen Coachs angeschaut? Leute, glaubt mir – es ist die Mühe wert. Vor allem für emotionale Fans wie mich (ich gebe es ja zu …) ist es praktisch ein Muss.
Dafür gibt es viele Gründe. Gerade in einer Saison wie dieser – der Trainer ist neu, Assistent Rob Leask. Und gleich 13 Spieler. Ok, 12, schönen Gruß an Luis Schinko nach Wolfsburg. Der Saisonbeginn fühlte sich wie eine Wippe an: Wir haben ein Spiel gewonnen, das nächste … nicht so sehr. Auch wenn das Team erkennbar kämpfte. Leidenschaftliche Fans, wie ich, mussten denken: Was ist los? Geht es den Spielern gut? Kriegen sie die Kurve?
Und natürlich muss man nicht lange auf die ersten Verschwörungstheorien warten. Ich habe irgendwann angefangen, unserem Cheftrainer zuzuhören. Und siehe da – wenn er gute Fragen bekommt – über seine Taktik, über den Plan, den er verfolgt – dann konnte ich es sehen: das Leuchten in seinen Augen. Er brennt für seinen Plan.
Ok, er ist bescheiden genug, zu betonen, dass dies die härteste Liga ist, in der er bislang Teil war. Punkte gibt es für harte Arbeit: lernen, Videostudium, Trainieren. Es ist ein großes Projekt: 12 unserer 26 Spieler sind neu. Sie alle müssen zusammenfinden, lernen, die Dinge wieder und wieder wiederholen. „Halte dich an die Idee“, mag einfach klingen. Aber diese Idee ist neu. Du musst dich an sie gewöhnen. Bis du schließlich von ihr davon getragen wirst … und alles plötzlich ganz leicht wird.
Für uns – emotional oder nicht – ist die Sache noch weit einfacher: Wir müssen an den Plan glauben. Inzwischen fällt das nicht mehr schwer. Wir haben die Großen geschlagen, das Team hat wunderbar gespielt, die Spiele sind mitreißend. Berlin oder Mannheim – der SAP Garden war „on fire“.
Und jetzt? Genau hinschauen, dann – glaubt mir – seht ihr es selbst, das Leuchten …
In Liebe Ana
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Eishockey in Rio: So sieht es die KI. Fotomontage erstellt mit ChatGPT.
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Ein Eishockey-Spiel in Maracanã
Ich gebe es zu: Ein Ziel dieser Kolumne war, meine brasilianischen Freunde von Eishockey zu überzeugen. Aber der Fehler ist mir selbst schnell aufgefallen: Niemand muss von Eishockey überzeugt werden. Es braucht nur ein Spiel!
So wie bei mir. Ein einziges Spiel - und wer auch immer zuschaut, der ist für immer verloren. Denn danach verlieren andere Sportarten jegliche Bedeutung. Und Eishockey wird: „Warum nur habe ich so lange gebraucht, das zu finden?“ Und das ist der Punkt, an dem der Wahnsinn beginnt. Du beginnst, na klar, mit den Spielen Deines Teams. Dann verfolgst du die Spiele aller anderen. Du vermeidest unnötige Reisen während der Saison. Und ganz plötzlich bist du nicht mehr nur ein Fan.
Du sammelst Informationen, studierst Statistiken. Kritisierst Gegner mit tief-fundiertem Wissen. Es ist eine Wissenschaft. Und sie hilft in der Tabelle. Ich schwöre es! Schließlich … sind wir nicht der siebte Mann?!
Es hat eine besondere Magie, ins Stadion zu gehen. Du bist von leidenschaftlichen Leuten umgeben, die Trikots ihrer Lieblingsspieler tragen, Schals schwingen oder Plastikhühner auf die Schiedsrichter werfen. Nicht zu vergessen: Die Schmähgesänge gegen den Gegner.
Ein schlauer Mensch hat mal geschrieben: „Eishockey ist ein Spiel des Spaßes. Wenn du keinen hast, dann machst du etwas falsch.“ Was die Spieler wohl dazu sagen? Für Fans ist das nicht nur wahr – es ist ein Gesetz. Mit dem Zeug für eine Hockey-Bibel.
Nun stelle man sich vor, man transportiert das an einen Ort, an dem die Temperaturen selten die 20 Grad unterschreiten. Einen Ort, an dem es auch im Winter Strand statt Schnee gibt. Schließt die Augen, stellt euch mit mir ein spezielles Wintergame vor: ishockey im Maracanã.
Ihr steht am Zuckerhut. Lasst den Blick über die Christusstatue schweigen. Und da ist es plötzlich. Ein Spiel zwischen München und Berlin. Kein Gras, nur Eis. Schlittschuhe statt Fußball-Treter. Männer, die aufstehen, wenn sie fallen, statt sich weinend zu wälzen.
OK, unsere geliebte Nordkurve wäre dann wohl die Curva Norte. Schmähgesänge? Kein Problem – Portugiesisch bietet eine wunderbare Sammlung an Beleidigungen. Wer das Pech hat, im Spiel in meiner Nähe zu sein. Ich arbeite mich 60 Minuten durch drei Sprachen.
Doch dazu ein anderes Mal. Auch wenn ich zugeben muss: „Sch … Dynamo“ im Deutschen ist unschlagbar. Auch die Lieder der Kurve – wunderbar.
Ja, es ist wunderbar.
Und, ja, Brasilianer würden ein bisschen Eis im Herzen von Rio gewiss genießen.
Ja, es ist eine Idee. Ich hoffe, Sie wird wahr. Meine Freunde hätte es auch bald erwischt.
In Liebe Ana
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